100 Milliarden an einem Tag

von Lukas Sustala / 19.11.2014

Es zahlreiche Gründe, dass 2014 ein Rekordjahr für Unternehmensfusionen werden könnte, schreibt NZZ-Börsenredakteur Werner Grundlehner. Auch wenn zuletzt so mancher Zusammenschluss abgesagt wurde.

In den USA sind am Montag innerhalb von Stunden Firmenübernahmen mit einem Volumen von rund 100 Milliarden Dollar angekündigt worden. Damit kehren Erinnerungen an die Dot-com-Blase und das Jahr 2007 zurück. Damals gab es ebenfalls „Merger Mondays“ mit teilweise dreistelligen Milliarden-Volumen zu vermelden. Fusionen von börsennotierten Unternehmen werden mit Vorliebe montags bekanntgegeben, weil so über das Wochenende die abschließenden Verhandlungen stattfinden können, ohne das durchsickernde Informationen die Börsenkurse treiben.

Neuer Stern am Pharma-Himmel

Durch den Kauf des kalifornischen Botox-Herstellers Allergan für 66 Mrd. Dollar durch die irisch-amerikanische Actavis endete ein monatelanger Übernahmekampf. Allergan wehrt durch diesen Zusammenschluss die Vorstöße des Konkurrenten Valeant ab, der mit Hilfe des New Yorker Hedge-Fonds Managers Bill Ackman eine feindliche Übernahme orchestrierte. Die beiden Akteure haben mittlerweile eine fast zehnprozentige Beteiligung an Allergan aufgebaut. Actavis, die gemessen am Marktwert kaum größer ist als Allergan, steigt durch den Kauf unter die weltweit zehn größten Pharma-Unternehmen auf.

Zwei Milliarden sparen

Über das Wochen-Ende konnten sich auch die zwei US-Unternehmen, die sich auf Dienstleistungen um die Erdölförderungen spezialisiert haben, wochenlange Verhandlungen zu einem Abschluss bringen. Halliburton zahlt 34,6 Milliarden Dollar für die Übernahme des Konkurrenten Baker Hughes. Die vereinigte Firma wird mehr als 136 000 Angestellte umfassen und in über 80 Ländern vertreten sein. Der Pro-forma-Umsatz hätte im vergangenen Jahr rund 60 Mrd. Dollar betragen. Durch die Fusion ergibt sich nach Angaben der Unternehmensleitungen ein Sparpotenzial von fast 2 Mrd. Dollar pro Jahr.

Selbst erfüllende Prophezeiung

Dass im laufenden Jahr der Markt für Merger & Acquisitions (M&A) boomt, kommt nicht überraschend. Die Käufer handeln in der Regel zyklisch; man kauft mit Vorliebe bei hohen Preisen ein. Sind die Börsenkurse hoch, steigt die Zuversicht und die Übernahme-Währung Aktien hat einen hohen Wert. Das ganze wird zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung: Eine rege Akquisitionstätigkeit treibt die Aktienkurse auf breiter Front an, denn die Marktteilnehmer knobeln, wer wohl das nächste Übernahmeziel sein wird, für welches eine hohe Prämie bezahlt wird. Im aktuellen Umfeld kommen zudem die tiefen Zinsen hinzu, die den fremdfinanzierten Teil eines Unternehmenskaufs günstig machen.

Boom bei Übernahmen und Fusionen
Boom bei Übernahmen und Fusionen
Konzerne kaufen zu und verschmelzen in so hohem Ausmaß wie seit dem Vorkrisen-Jahr 2007 nicht mehr.

Rationalisierungen und…

Die Großtransaktionen dieser Woche, zeigen die Beweggründe für Firmenzusammenschlüsse exemplarisch auf. Die beiden Erdöl-Service-Unternehmen agieren in einem gesättigten Markt, der angesichts des fallenden Ölpreises vor großen Herausforderungen steht. Das Beseitigen von Überkapazitäten und überschneidenden Geschäftsfeldern dürfte für die beiden das größte Gewinnpotenzial darstellen.

…Schutz vor Aktivisten

Allergan rettet sich dagegen in die Arme eines Unternehmens, das die Produkte des Botox-Herstellers in einer innovativen Pipeline zusammenfassen wird. Dem früheren Angebot von Valeant stand das Allergan-Management skeptisch gegenüber. Valeant steht im Ruf eine „Übernahme-Maschine“ und allein durch Größenvorteile und Konsolidierungen Gewinne erzielen zu wollen. Dass Valeant die Aktivisten Bill Ackman und Jeffrey Ubben (Value Act) mit an Bord nahm, bestärkte diesen Verdacht.

Ende der Steuer-Deals?

Ein Teil des Höhenflugs der M&A-Tätigkeit ist den Inversion-Deals geschuldet. Mit diesem Geschäft umgehen US-Gesellschaften die hohen heimischen Unternehmenssteuern indem sie sich von einer ausländischen Gesellschaft übernehmen lassen. Das funktioniert auch wenn die zu verkaufenden US-Gesellschaft viel grösser ist, als der Käufer. Der amerikanische „Verkäufer“ gelangt bei einer solchen Transaktion in den Besitz von bis zu 80% des Käufers, vorzugsweise einer europäischen Gesellschaft. Diese Steueroptimierung war etwa der Hauptantrieb für das Zusammengehen von Medtronic und Covidien.

Zahlreiche Absagen

Sowohl Actavis mit irischem Sitz als auch Valeant (Kanada) würden mit einer Übernahme von Allergan, die Steuerbelastung massiv reduzieren. Der Steueraspekt ist also ein wichtiger Beweggrund für die Kaufangebote. Ein Vorschlag zur Veränderung der Rechtspraxis durch das US-Finanzministerium Mitte September stiftete jedoch Unruhe. Zahlreiche Transaktionen wurden abgesagt, darunter jene von Pfizer und Astra Zeneca sowie Abbvie und Shire, die mit ihrem Volumen die jüngsten Transaktionen bei weitem übertroffen hätten.

Doch Marktbeobachter sind überzeugt, dass der M&A-Boom vorerst weitergeht. So bestehe im Energie-, Banken-, Healthcare- und im Technologie-Bereich grosser Konsolidierungsbereich. Pfizer hätte beispielsweise ohne namhafte Zukäufe in den kommenden Jahren mit der bestehenden Pipeline grosse Mühe überhaupt Wachstum ausweisen zu können.

Vorstoß nach Europa

In Europa dürften zudem „Angriffe“ von Aktionärs-Aktivisten, wie sie in den USA gang und gäbe sind nach Ansicht von Branchenbeobachtern markant zunehmen. In Großbritannien ist diese Entwicklung bereits zu beobachten. Erste Ausläufer bekamen allerdings kontinentaleuropäische und auch Schweizer Firmen zu spüren, wie die UBS mit Knight Vinke sowie Transocean mit Carl Icahn. Die „Aktivisten“ verlangen mit der Absicht, den Unternehmenswert zu steigern, oft Verkäufe von Firmenteilen und Spin-offs; sozusagen das „Gegengeschäft“ der Akquisition. Die Aktivisten geben sich denn auch zuversichtlich. Der Bekannteste, der US-Milliardär Carl Icahn prophezeit einen noch lange anhaltenden Aufschwung an der Börse. Gegenüber der Nachrichtenagentur Reuter sagte Icahn, er rechne erst in drei bis fünf Jahren mit einer Kurskorrektur an der Börse.