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Schulden

19.000 Milliarden Dollar Schulden und eine quälende Frage

von Lukas Sustala / 03.02.2016

Die US-Staatsschulden sind auf ein neues Rekordhoch gestiegen. Das mag zum Fürchten sein, schreckt aber derzeit niemanden.

Was ist nach der Finanzkrise – allen Unkenrufen zum Trotz – im Überfluss vorhanden? Schulden.

Und das gilt längst nicht nur in Europa, das in der Schuldenkrise jahrelang am Rande des Vulkans tanzte. Das gilt auch in den USA, wie aktuelle Daten zur Staatsverschuldung zeigen. Was zunächst etwa das in der Finanzkrise geborene Pessimisten-Portal Zerohedge berichtete, fand auch seinen Weg in heimische Medien. 19 Billionen Dollar hat der US-Staat per Ende Jänner geschuldet. 19.000 Milliarden Dollar sind das – und nein, hier wurden die englischen „billions“, das Wort für die deutsche Milliarde, nicht falsch übersetzt.

Doch die Zahl muss eingeordnet werden. 19.000 Milliarden klingt nach sehr, sehr viel Geld – und keine Frage, wenig ist es definitiv nicht. Alleine unter der Präsidentschaft von Barack Obama sind die Verbindlichkeiten um knapp 8,4 Billionen Dollar angewachsen. Die Staatsschulden sind gemessen an der Wirtschaftsleistung in den USA höher als in der Eurozone, bei knapp 100 Prozent. Und in einem Umfeld, in dem sich alles Jahr für Jahr verteuert, muss die Inflation berücksichtigt werden, damit sich irgendeine Schlussfolgerung aus den Daten ziehen lässt, ob es nun um die Schulden der US-Regierung geht oder um die Ticketerlöse des neuesten Star-Wars-Films.

Allerdings muss die quälende Frage, die sich wohl jeder instinktiv stellt – „Stehen die USA damit vor einer Schuldenkrise?“ – trotzdem mit Nein beantwortet werden.

Das hat mehrere Gründe: Einer ist, dass die USA eine eigenständige Währung und eine eigenständige Notenbank haben. Im Zweifel kann sich das Land also aus den Schulden „herausinflationieren“, einzig vorausgesetzt, dass der US-Kongress auch die selbst eingezogene Schuldengrenze, die derzeit bei rund 19.600 Milliarden Dollar liegt, per Gesetz weiter anhebt. Zweitens ist der Dollar nach wie vor eine besondere Währung, weil er als internationale Leitwährung fungiert und internationale Gläubiger wie chinesische Staatsfonds oder europäische Zentralbanken den Dollar nach wie vor gerne halten. Drittens stehen den Schulden ja auf der anderen Seite Forderungen, also Vermögen, gegenüber. Tatsächlich kaufen nicht nur chinesische Investoren US-Papiere, sondern auch die privaten Haushalte der USA sind netto – also nach Abzug ihrer Schulden – sehr viel reicher als noch 2008.

Und zu guter Letzt zeigen auch die Zinsen keine wie auch immer geartete Staatsschuldenkrise an. In der europäischen Schuldenkrise waren die stark gestiegenen Anleihenzinsen von Ländern wie Spanien oder Italien der untrügliche Indikator dafür, dass das Vertrauen in die Staatsfinanzen verschwunden war. In den USA aber sind die Zinsen trotz rekordhoher Schulden sehr niedrig – über das gesamte Laufzeitenspektrum hinaus.

Negative Zinsen als ultimative Perversion

Es geht natürlich noch verrückter. Schließlich zeichnen sich im noch wesentlich höher verschuldeten Japan bereits Negativzinsen für lang laufende Staatsanleihen ab.

Wir leben also in einem „Wirtschaftswunderland“, in dem extrem hohe Staatsschulden von den Finanzmärkten manchmal belohnt, nicht bestraft werden. Der „missing link“ für diese scheinbare Paradoxie ist freilich das Zentralbanksystem, das einen erheblichen Teil der neuen Schulden auf die eigene Bilanz genommen hat, bzw. den Banken erlaubt, hohe Bestände an Staatsanleihen kapitalschonend zu kaufen. Schließlich dürfen die Geldinstitute Staatspapiere nach wie vor mit null Risiko in die Bilanz nehmen und daher kein Eigenkapital dafür vorhalten. Und zusammen mit den extrem niedrigen Leitzinsen führt das zu hohen Schulden. Solange die Politik des billigen Geldes trotz aller Nebenwirkungen wie der Gefahr von Finanzmarktblasen fortgesetzt wird, bleiben die hohen Schulden eben ohne Sühne.


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