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Schulden

2016: Das Jahr der Staatspleiten?

von Lukas Sustala / 03.01.2016

Carmen Reinhart, eine versierte Makroökonomin, rechnet mit Staatsschuldenkrisen 2016. Wie sie zu ihrer Erwartung kommt und welche Länder besonders gefährdet sein könnten.

Carmen Reinhart gilt unter den Makroökonomen als besonders versierte Pathologin. Überschuldung, Banken- und Staatspleiten waren schon beim Internationalen Währungsfonds ihr Metier. Zusammen mit Kenneth Rogoff hat sie viel zu den strukturellen Gründen für Finanzkrisen geforscht. In einem aktuellen Text für Project Syndicate erwartet sie eine neue Welle von Staatsschuldenkrisen:

As 2016 begins, there are clear signs of serious debt/default squalls on the horizon. We can already see the first white-capped waves.

Reinhart liefert eine Grafik zu ihrem Beitrag, die zeigt, dass es zyklisch zu Staatsschuldenkrisen kommt. Das heißt, dass selten ein Land alleine in Probleme schlittert, sondern viele gleichzeitig.

Staatspleiten kommen in Wellen
Staatspleiten kommen in Wellen
Anteil der Länder, die ihre Auslandsschulden restrukturieren müssen oder tatsächlich pleitegegangen sind.
Credits: Carmen Reinhart

Pleitekandidaten im Vergleich

Um welche Länder es sich diesmal handeln könnte, zeigt ein Blick auf die Ausfallsprämien sogenannter KreditausfallversicherungenCredit Default Swaps (CDS) . Je höher die Prämie, desto höher auch der erwartete Zahlungsausfall. Die Deutsche Bank erfasst solche Prämien systematisch auf dieser Webseite, auch Ratingagenturen wie S&P nutzen CDS-Prämien für ihre Modelle. Wenn man sich nun die zehn Wackelkandidaten ansieht, dann bekommt man folgende Liste präsentiert:

Grob lassen sich dabei drei Arten von Sorgenkindern zusammenfassen:

1. Länder, die den Ölschock zu verkraften haben. Dazu zählt etwa Venezuela, dessen sozialistisches Wirtschaftsmodell nur in Zeiten hoher Ölpreise finanzierbar war. Aber auch die Regierungen anderer Nationen merken in Zeiten billiger Rohstoffpreise, dass ihnen eine wichtige Devisen- und Steuerquelle wegbricht, etwa Brasilien, Südafrika, Russland oder Kasachstan.

2. Politische Instabilität sorgt auch für wirtschaftliche Instabilität. Die durch Krieg und den Wirtschaftskonflikt mit Russland aufgeriebene Ukraine ist daher nicht überraschend der zweite Pleitekandidat auf der CDS-Liste. Dass Russland ein wichtiger Gläubiger ist, macht die fiskalische Lage auch nicht leichter.

3. Auch ein paar Länder, die noch vor wenigen Jahren mit Wachstumsrekorden auf Pump auf sich aufmerksam gemacht haben, sind plötzlich bei Investoren aus der Gunst gefallen. Die Türkei und Brasilien fallen in diese Kategorie. Mehr noch als die Staatsschulden selbst sorgen dort etwa die hohen Verbindlichkeiten der Unternehmen für Sorgenfalten bei Investoren.

US-Notenbank tut ihr Übriges

Diesen Ländern ist die jüngste Zinswende der US-Notenbank wenig willkommen. Viele Staaten haben die günstigen Bedingungen auf dem US-Kapitalmarkt in den vergangenen Jahren ausgenutzt, um sich günstig zu finanzieren. Höhere Leitzinsen aus Washington pflanzen sich damit in Form verschlechterter Finanzkonditionen auch nach Brasilia, Moskau oder Istanbul fort. Besonders augenscheinlich ist das anhand der Währungsbewegungen: Viele Schwellenländerwährungen haben 2015 erneut kräftig abgewertet.

Staaten gehen anders pleite

Trotz Ölpreiskollaps und politischer Instabilität muss man aber nicht mit Staatspleiten wie in Argentinien nach 2002 rechnen. Denn oft genug werden Staatsschuldenkrisen nicht durch eine klassische Pleite aufgelöst, wie auch Reinhart betont. Stattdessen werden die Laufzeiten der hohen Schulden gestreckt, die Zinsen gesenkt oder es kommt zu einem Schuldenschnitt, also einem teilweisen Forderungsverzicht der Gläubiger. Langwierige Rechsstreitigkeiten statt ein akuter Schock sind dabei zu erwarten. Darauf deuten bei der Ukraine aktuell die von Russland eingebrachten Klagen auf die Zahlung von drei Milliarden Dollar vor einem Londoner Gericht.