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Streit mit zwei Zulieferern

28.000 VW-Mitarbeitern droht Kurzarbeit

von Michael Rasch / 22.08.2016

VW könnte der Streit mit zwei Zulieferern eine dreistellige Millionensumme kosten. Betroffen sind 28.000 Arbeiter in 6 Werken, denen Kurzarbeit droht. Die Massnahme erscheint aber fragwürdig.

Das Zerwürfnis mit zwei Zulieferern der Prevent-Gruppe hat für VW immer unangenehmere Folgen. Die Versorgung der Produktion mit Bauteilen ist bereits in mehreren Volkswagen-Werken unterbrochen. Betroffen sind inzwischen auch die Produktion der beiden Vorzeige- und Massen-Modelle Golf und Passat.

Streit um Entschädigung

Analytiker der UBS schätzen, dass die Unterbrechung der Produktion allein im Stammwerk Wolfsburg das Unternehmen 100 Mio. € Bruttogewinn pro Woche kosten könnte, wobei der Einfluss auf den Gewinn vor Steuern und Zinsen aufgrund von Kurzarbeit und ähnlichen Massnahmen geringer sein dürfte. Auch andere Schätzungen kommen für den Zulieferer-Streit auf mögliche Kosten für den Wolfsburger Konzern, die in den niedrigen dreistelligen Millionenbereich gehen.

Am Montag haben die Parteien den Streit bzw. die Verhandlungen wieder aufgenommen. Sowohl Volkswagen als auch die beiden Zulieferer ES Automobilguss GmbH und Car Trim GmbH bekannten sich dazu, eine schnelle Verhandlungslösung finden zu wollen. Zu dieser wurden sie auch von mehreren Lokalpolitikern sowie vom Bundesministerium für Wirtschaft aufgefordert. ES Automobilguss produziert für VW Ausgleichsgetriebeteile, und Car Trim stellt für den Konzern Sitzbezüge her. Mit der Prevent-Gruppe arbeitet VW bereits seit Jahrzehnten zusammen, vor einigen Jahren kam es jedoch bei der südosteuropäischen Holding zu einem Generationenwechsel. Zur Ursache des Streits schweigen die Parteien beharrlich. Dem Vernehmen nach soll es um zu geringe Entschädigungszahlungen infolge eines nicht zustande gekommenen Projekts gehen. Gehandelt wird die Summe von 56 Mio. €, die den Zulieferern offenbar zu gering ist.

VW teilte am Montag mit, dass rund 28 000 Mitarbeiter von der Eskalation des Streits betroffen seien, und der Konzern Flexibilisierungsmassnahmen bis hin zur Kurzarbeit vorbereite. Allein im Stammwerk Wolfsburg seien im Rahmen der Produktion des Golf rund 10 000 Mitarbeiter betroffen. Ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen sei die Produktion in den Werken in Emden (Passat, 7500 Mitarbeiter), Zwickau (Golf und Passat, 6000), Kassel (Getriebe und Abgasanlagen, 1500), Salzgitter (Motorenfertigung, 1400) und Braunschweig (Fahrwerkteile sowie Fertigung von Kunststoffteilen, 1300).

Berechtigung zur Kurzarbeit?

Fragwürdig erscheint die Massnahme von VW, auf Kurzarbeit auszuweichen, denn so versucht der Konzern, die Kosten des Streits an die Arbeitslosenversicherung auszulagern. Bei Kurzarbeit würde nämlich die Bundesagentur für Arbeit einen Teil des Lohnausfalls übernehmen. Damit die Arbeitsagentur jedoch Kurzarbeitergeld bewilligen kann, muss mindestens ein Drittel der Beschäftigten in einem bestimmten Betriebsbereich betroffen sein. Kurzarbeitergeld darf aber nur dann gewährt werden, wenn der Arbeitsausfall konjunkturell bedingt ist oder auf einem «unabwendbaren Ereignis» beruht. Ob die Eskalation des Streits mit den beiden Zulieferern für VW wirklich unabwendbar war, ist von aussen schwierig zu beurteilen, erscheint allerdings zumindest zweifelhaft.