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Analyse

5 Baustellen auf dem Arbeitsmarkt

von Leopold Stefan / 30.10.2015

Ein Schreckensszenario von einer halben Million Arbeitslosen im Winter sitzt der Regierung im Nacken. Heute treffen sich Politik und Sozialpartner zum längst überfälligen Arbeitsmarktgipfel. Ein internationaler Vergleich von fünf Bereichen der Arbeitswelt zeigt, was in Österreich gut funktioniert und wo Verbesserungen möglich sind. 

Es scheint nicht viel Arbeit zu machen, über Arbeit zu diskutieren. Nur zwei Stunden soll der heutige Arbeitsmarktgipfel dauern. Das seit Monaten aufgeschobene Treffen könnte dabei eine Lohnnebenkostensenkung für Unternehmen und Investitionen in den Wohnbau bringen. Dabei laboriert der Arbeitsmarkt an mehreren Stellen an den Folgen des wirtschaftlichen Stillstands.

1. Generationenproblem

Auf den ersten Blick scheint es bei der Beschäftigung Älterer kaum ein Problem zu geben. Die Arbeitslosenquote der über 55-Jährigen lag im zweiten Quartal mehr als einen Prozentpunkt unter der Gesamtquote. Damit liegt Österreich nahe am OECD-Schnitt von zwei Prozentpunkten Unterschied – nur vereinzelt, etwa in den Niederlanden – weist die Altersgruppe 55-64 eine höhere Beschäftigungslosigkeit auf, als der Rest des Landes.

Im September bestätigte sich jedoch in Österreich ein Gegentrend: Die Zahl der über 50-jährigen Arbeitslosen stieg im Jahresvergleich um 15,7 Prozent, in Wien sogar um 22,9 Prozent; und somit wesentlich schneller als die Zahl der jungen Arbeitslosen. Das liegt an der demographischen Verschiebung durch die Babyboomer und nicht an vermehrten Kündigungen. Über 50-Jährige werden seltener entlassen, suchen aber laut AMS im Schnitt 132 Tage länger nach einer neuen Stelle als jüngere Arbeitslose. In absoluten Zahlen ist der Trend demnach dramatisch.

Das AMS hat rechtzeitig eine Woche vor dem Arbeitsmarktgipfel eine Initiative gestartet, um die wachsende Bedeutung der Generation 50+ für den Arbeitsmark zu unterstreichen und die Wirksamkeit der Eingliederungsbeihilfen zu betonen, die als Lohnsubventionen an Unternehmen ausgezahlt werden. Dafür stehen dem AMS für das laufende Jahr 120 Millionen Euro zur Verfügung. Seit die Förderungen 2014 eingeführt wurden, hätten bereits 21.149 Personen davon profitiert.

Das Arbeitsmarktservice widmete sich aktuell in einer Schwerpunktaktion der Arbeitslosigkeit Älterer.
Credits: APA/HELMUT FOHRINGER

Allerdings haben solche Förderungen auch hohe Mitnahmeeffekte, erklärt Helmut Hofer vom Institut für Höhere Studien. So erhalten Unternehmen auch Zahlungen für ältere Kandidaten, die sie ohnehin eingestellt hätten. Das bedeute zwar nicht, dass die Fördermittel nicht wirken, aber die tatsächliche Effektivität ist schwer zu erfassen. Für das nächste Jahr ist jedenfalls eine Aufstockung der Eingliederungsbeihilfen geplant. Das genaue Ausmaß soll beim heutigen Gipfel fixiert werden.

Kritischer sieht Hofer das geplante Bonus-Malus-System. Dadurch sollen Unternehmen, die Arbeitnehmer über 55 entlassen, eine Abgabe entrichten, die wiederum zur Förderung der älteren Arbeitssuchenden eingesetzt wird. Laut Regierungsprogramm könnte der Malus die Auflösungsabgabe von 118 Euro ersetzen. In dieser Größenordnung würden finanzielle Anreize ihre erhoffte Lenkungswirkung bei Unternehmen aber verfehlen, meint Hofer. Sollte das System doch so ausgestaltet werden, dass Firmen darauf reagieren, würde das Problem nur auf andere Altersgruppen verschoben. Arbeitgeber könnten Angestellte entlassen, bevor sie eine Abgabe zahlen müssten.

Obwohl die Wirtschaftskammer und die Industriellenvereinigung der Idee ablehnend gegenüberstehen, befürwortet neben ÖGB-Chef Erich Foglar auch Finanzminister Hans Jörg Schelling die Behandlung des Bonus-Malus Systems beim kommenden Arbeitsmarktgipfel. Welche Branchen am stärksten betroffen wären, sei unklar. Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner forderte daher im Interview mit den Salzburger Nachrichten zunächst ein Monitoring zur Bestandsaufnahme.

2. Die Inaktivitätsfalle

Ende 2014 waren mehr als einer von drei Arbeitslosen in den OECD-Ländern länger als ein Jahr auf Jobsuche. In Österreich betrug der Anteil zu Jahresende 27 Prozent. Doch im September hat sich die Zahl der Langzeitarbeitslosen im Vergleich zum Vorjahr auf 41.858 Personen verdreifacht. Viele von ihnen zählen zur Generation 50+. Die AMS-Mittel zugunsten Langzeitarbeitsloser und Älterer sollen 2016 von 120 auf 250 Millionen Euro aufgestockt werden.

Langzeitarbeitslosgkeit ist besonders gravierend, weil sie sich wie ein Teufelskreis entwickelt: Mit längerer Arbeitslosigkeit wächst das Stigma der Untätigkeit und bereits erworbene Qualifikationen schwinden. Außerdem entwickeln sich soziale Umfelder in denen Arbeitslosigkeit die Norm ist und vielen der Anreiz zur Jobsuche genommen wird.

Im internationalen Vergleich sticht Südkorea heraus. Der Anteil der Arbeitslosen, die länger als 12 Monate eine Stelle suchen, liegt bei lediglich einem halben Prozent. Laut einer Studie der OECD liegt die Ursache der geringen Langzeitarbeitslosigkeit unter anderem am fehlenden staatlichen Sicherheitsnetz. Der Druck ist daher hoch, schnell wieder eine Arbeit aufzunehmen.

Dabei werden allerdings zwei Probleme verschleiert: Einerseits führt der Zwang, ein Einkommen zu generieren eher dazu, Jobs anzunehmen, für die man überqualifiziert, oder im anderem Extrem, nicht besonders geeignet ist. Letzteres führt schneller zur neuerlichen Arbeitssuche. Andererseits geben 37 Prozent der Arbeitslosen in Korea nach einem Jahr schlichtweg auf. Nur elf Prozent der Inaktiven kehren jährlich zurück auf den Arbeitsmarkt. Die übrigen sind auf Freunde und Familie angewiesen.

Das koreanische Beispiel verdeutlicht, wie wichtig es für den Einzelnen und die gesamte Volkswirtschaft ist, die Inaktivitätsfalle zu vermeiden. Der Zweck von öffentlichen Fortbildungsmaßnahmen ist auch in diesem Kontext zu sehen.

Was in Österreich bereits Teil der Arbeitsmarktpolitik ist, hat heuer in einem Pilotprojekt auch in den USA Früchte getragen. Einer Gruppe von Langzeitarbeitslosen im Bundesstaat Nevada wurde eine fünfwöchige Weiterbildung bezahlt und die ersten zwei Monatslöhne subventioniert. 80 Prozent der Teilnehmer haben dadurch eine neue Anstellung gefunden, von denen 90 Prozent auch nach Ende der Lohnförderung angestellt blieben. Weitere Bundesstaaten haben sich für ähnliche Versuche angemeldet. Die österreichische Arbeitsmarktpolitik hat die Notwendigkeit, hier präventiv vorzugehen bereits seit längerem erkannt.

3. Jugend ohne Job

Österreich hat mit 10,8 Prozent nach Deutschland die niedrigste Jugendarbeitslosenquote in der EU. Im September stieg die Zahl der 15- bis 24-Jährigen Arbeitssuchenden um 0,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Unter den OECD-Ländern belegt Österreich den achten Platz.

Als Grund für das gute Abschneiden nennen Arbeitsmarktexperten gerne das duale Ausbildungssystem in Betrieb und Berufsschule. Dadurch erhalten Jugendliche eine praxisnahe Ausbildung und Kontakt zu potentiellen zukünftigen Arbeitgebern.

Über ein Drittel der Jugendlichen beginnen in der zehnten Schulstufe eine Duale Ausbildung, bei der sie 80 Prozent der Zeit direkt in einem Betrieb verbringen. Rund 40 Prozent entscheiden sich aber für eine berufsbildende Schule wie die Handelsakademie (HAK) oder eine Höhere Technische Lehranstalt (HTL).

Eine Lehre zu beginnen gilt zunehmend als die unattraktivste Schullaufbahn, die nur von den Leistungsschwachen gewählt werde, sagt Hofer. Dieses schlechte Bild könne tatsächlich eine Negativselektion in der praktischen Berufsausbildung verstärken und das Erfolgsmodell der Dualen Ausbildung unterwandern. Die Schwierigkeit, die andere Länder damit haben, ein duales Bildungssystem zu etablieren, zeigt wie wichtig es für Österreich ist, die Bedeutung der Lehre zu bewahren.

Da heutzutage eine lebenslange Karriere im selben Betrieb, oder sogar in der gleichen Branche, zum Ausnahmefall wird, sind flexiblere Arbeitskräfte immer gefragter. Eine stärkere allgemeine Ausbildungskomponente abseits des Betriebs würde die Lehre dahingehend wieder attraktiver machen. Langfristig profitieren auch die Betriebe von vielfältig einsetzbaren Arbeitern, auch wenn sie während der Ausbildungsphase weniger Stunden zur Verfügung stehen.

Die derzeitige Erosion der Dualen Ausbildung ist ein schleichender Prozess. Angesichts der vergleichsweise guten Entwicklung der Jugendarbeitslosigkeit dürfte das Thema auf dem heutigen Arbeitsmarktgipfel kaum eine Rolle spielen.

4. Rollenbilder

Die Beteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt ist ein guter Indikator, wie effektiv eine Volkswirtschaft das vorhandene Arbeitskräftepotenzial einsetzt. Die Bandbreite in der OECD ist groß. In der Türkei steht lediglich ein Drittel der Frauen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung, in Island sind es über 84 Prozent – in Österreich sind es 70,5 Prozent.

Als Maß für die Gleichstellung der Geschlechter ist der Unterschied zwischen den Beteiligungsquoten noch aussagekräftiger. Der Anteil der Männer die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen ist in Österreich um 9.2 Prozentpunkte höher als bei den Frauen und liegt im OECD-Vergleich damit auf dem zwölften Platz. Die Nordischen Staaten führen auch hier das Feld an. Unter den Schlusslichtern sind neben der Türkei und Mexiko auch die asiatischen OECD-Mitglieder Japan und Südkorea und in Europa Italien und Griechenland.

Für die Arbeitslosenquote spielt die Arbeitsbereitschaft der Geschlechter durchaus eine Rolle. In Japan zum Beispiel, ziehen sich in Zeiten der Rezession eher die Frauen vom Arbeitsmarkt zurück. Das ist mit ein Grund dafür, dass der Inselstaat die niedrigste Arbeitslosenquote im OECD-Raum von 3,5 Prozent aufweist. Durch die ungleiche Geschlechterrolle wird die Situation am Arbeitsmarkt künstlich geschönt.

Ein Anstieg der Frauenbeteiligung ist, abgesehen von der gesellschaftlichen Komponente, auch dann ökonomisch vorteilhaft, wenn gleichzeitig die Arbeitslosenquote steigt. Man müsse von der Vorstellung wegkommen, die Zahl der Arbeitsplätze als fixiert wahrzunehmen, meint Hofer. Wenn mehr Frauen arbeiten, oder von einer Teil- auf eine Vollzeitstelle wechseln, würden sie allein durch das zusätzliche Erwerbspotenzial neue Arbeitsplätze generieren.

Eine Studie des Internationalen Währungsfonds zieht die Lehre, dass der hohe Anteil der arbeitenden Frauen in den nordischen Staaten vor allem am Ausbau der Kinderbetreuungsmöglichkeiten und der Förderung der Väterkarenz liegen. Gleichzeitig führen diese Maßnahmen zu höheren Fertilitätsraten, wodurch die zukünftige Arbeitskräftepotenzial sichergestellt wird.

Österreich hat in dieser Hinsicht noch Aufholpotenzial, aber die notwendigen Maßnahmen etwa im Bereich der Kinderbetreuung sind notorische Zankäpfel der Großparteien.

5. Work-Life Balance

Auch wenn Menschen in Beschäftigung sind, kann man fragen, ob sie mit der Arbeit zufrieden oder überfordert sind. Die OECD bewertet den Einfluss der Arbeit auf die Lebensqualität in einem Land anhand zweier Merkmale: der Anteil derer, die auf über 50 Wochenstunden im Beruf kommen und die durchschnittliche Stundenzahl, die den Menschen am Tag für Schlaf, Freizeit und Körperpflege bleibt.

 

In Österreich arbeitete 2013 nur jeder dreizehnte Angestellte über 50 Stunden pro Woche. Im OECD-Schnitt war es immerhin jeder achte. Allerdings ist das Ergebnis durch krasse Länderunterschiede verzerrt. Während in den Niederlanden fast kein Angestellter so viel Zeit mit Arbeit verbringt, sind es in der Türkei über 40 Prozent. Daher liegt der Anteil der zu später Stunde im Büro Sitzenden in 19 von 30 OECD-Ländern unter dem in Österreich – doch sank hierzulande deren Zahl in den vergangenen vier Jahren um zwei Prozent im Gegensatz zum allgemeinen Trend.

Außerdem hat der durchschnittliche Angestellte hierzulande mit 14,55 Stunden relativ betrachtet weniger Freizeit. Unter den europäischen OECD-Ländern sind nur die Polen, mit 14,42 Stunden „fleißiger“. Am längsten Zeit für Schlaf, Essen und Freizeit nehmen sich die Franzosen mit durchschnittlich 16,36 Stunden am Tag.

Die Work-Life-Balance erfasst quantitative Merkmale, aber nicht, wie zufrieden die Menschen mit ihrer Arbeit sind. Das liegt zum Teil daran, dass internationale Vergleiche auf Basis von Befragungen weniger aussagekräftig sind und die letzten groß angelegten Studien zehn Jahre, für Österreich sogar 15 Jahre her sind. Damals, im Jahr 2000, waren die Österreicher unter den fünf Zufriedensten.

Die vierteljährliche Arbeitsklimaerhebung der Arbeiterkammer zeigt, dass die Zufriedenheit in Österreich mit der Arbeit nach einer Anstiegsphase Ende der Neunzigerjahre, im vergangenen Jahrzehnt stagniert ist. Angesichts der Wirtschaftskrise ist das überraschend. Eine vom Sozialministerium in Auftrag gegebene Studie sieht einen Grund für die positive Stimmung der Österreicher weniger in den tatsächlichen Arbeitsbedingungen, sondern im psychologischen Vergleichseffekt, den die Krisenberichterstattung aus den übrigen EU-Ländern ausgelöst hat.

Noch ist die Lage auf dem heimischen Arbeitsmarkt in den meisten Bereichen besser als der OECD-Schnitt. Abgesehen von der geringen Jugendarbeitslosigkeit liegt Österreich aber fast nirgendwo mehr im Spitzenfeld. Nachdem Österreich über mehrere Jahre die niedrigste Arbeitslosenquote der EU aufwies, ist man mittlerweile auf den sechsten Platz abgerutscht. Für die Politik dürfte die Verschnaufpause bald vorbei sein, in der die Bevölkerung mit Blick ins Ausland, nichts an der heimische Lage auszusetzen hat.