60 Milliarden an einem Tag weg

von Hansueli Schöchli / 16.01.2015

Die Schweizerische Nationalbank hat mit der Aufhebung der Euro-Kurs-Untergrenze Wechselkursverluste von schätzungsweise 60 Milliarden Franken erlitten. Die Kantone können 2016 nicht auf eine Ausschüttung der Notenbank setzen, berichtet NZZ-Redakteur Hansueli Schöchli.

Erst vor Wochenfrist hatte die Schweizerische Nationalbank (SNB) für 2014 einen Gewinn von 38 Milliarden Franken angekündigt. Es ist überraschend schnell gegangen, bis sich dieser optisch hohe Betrag relativierte. Am Donnerstag haben die Devisenreserven der SNB nach der Aufhebung der Euro-Kurs-Untergrenze massive Verluste erlitten. Bis zum Abend haben sie sich etwa halbiert, doch das Verdikt für den Tag bleibt heftig – mit Kursverlusten gegenüber dem Franken im europäischen Handel bis 18 Uhr von je elf bis 13 Prozent für Euro, US-Dollar, Yen, Pfund und kanadischen Dollar.

Diese fünf Währungen machen gegen 95 Prozent der SNB-Devisenreserven aus. Ende des Jahres hielt die Notenbank Devisen von fast 500 Milliarden Franken. In der ersten Januarhälfte dürften diese laut Beobachtern wegen zusätzlicher Käufe zwecks Verteidigung der Kursuntergrenze noch gewachsen sein.

Reserve erscheint dürftig

Nimmt man 500 Milliarden Franken als Basis, dürften etwa 470 Milliarden Franken auf die genannten fünf Währungen entfallen. Bei einer mittleren Kurseinbuße dieser Währungen von zwölf Prozent ergibt dies für die SNB geschätzte Wechselkursverluste von total über 55 Milliarden Franken in einem Tag (Zukäufe am Vormittag mögen das Bild etwas verschönert haben). Hinzu kommen Kursverluste auf die übrigen Devisen sowie auf Gold, dessen internationale Preise in US-Dollar notiert sind und in Franken am Donnerstag ebenfalls kräftig tauchten. Somit könnte der geschätzte Tages-Buchverlust der SNB über 60 Milliarden Franken betragen haben.

Die Ausschüttungsreserve der Nationalbank von voraussichtlich etwa 27 Milliarden Franken nach Verteilung des Gewinns von 2014 erscheint damit plötzlich dürftig. Das Jahr ist noch lange nicht zu Ende, und an den Märkten kann noch viel passieren – in beide Richtungen. Laut Analysten ist die Annahme, dass sich der Eurokurs vorderhand deutlich unter 1,20 gegen den Franken einpendeln könnte, nicht unplausibel. Devisenkurse sind allerdings erfahrungsgemäß für Zeiträume von Monaten oder wenigen Jahren kaum prognostizierbar.

Nimmt man an, dass die SNB heuer wie 2014 wieder Dividenden und Zinserträge von neun Milliarden Franken einfährt und die in lokalen Währungen bzw. US-Dollar gerechneten Kurse von Aktien, Zinspapieren und Gold per saldo etwa stabil bleiben, müsste die Nationalbank heuer ohne weitere Wechselkursveränderungen mit einem Jahresverlust um 50 Milliarden Franken rechnen. Korrigiert sich der Tageseinbruch der Devisenkurse vom Donnerstag bis Ende Jahr zur Hälfte, wäre noch ein SNB-Verlust von etwa 20 Milliarden Franken zu erwarten. Ein solcher würde die Ausschüttungsreserven (nach Zuweisung an die Rückstellungen) in die Nähe der Nullgrenze drücken.

Für 2014 wird Geld fließen

Im Moment sind dies natürlich nur Spekulationen. Doch umsichtige kantonale Finanzpolitiker werden ein Szenario ohne SNB-Ausschüttungen für 2016 ins Kalkül ziehen müssen. Der Präsident der Konferenz der kantonalen Finanzdirektoren, der Zuger Regierungsrat Peter Hegglin, wollte sich am Donnerstag auf Anfrage allerdings noch nicht zu einem solchen Szenario äußern.

Eine andere Frage ist, wie weit die jüngsten Buchverluste der SNB die Verhandlungen über die Verteilung des Gewinns von 2014 beeinflussen. Hegglin sagte in vorsichtigem Tonfall, man wolle bei der Erwartung bleiben, dass die SNB zusätzlich zur ordentlichen Ausschüttung von total einer Milliarde Franken für Bund und Kantone den Ausfall der Ausschüttung des Vorjahrs mit einer Zusatzmilliarde kompensiere. SNB-Chef Thomas Jordan sagte, dass die Verluste vom Donnerstag formell nichts mit der Verteilung des Gewinns von 2014 zu tun hätten und man die Ausschüttungsvereinbarung einhalten solle.

Nach dieser Vereinbarung muss die SNB im laufenden Jahr nebst der ordentlichen Ausschüttung einen Zusatzbetrag verteilen, dessen Ausmaß Sache von Verhandlungen zwischen Finanzdepartement und Nationalbank sein wird. In der Praxis dürfte es um die Frage gehen, ob die von den Kantonen gewünschte zusätzliche Milliarde voll oder nur in Teilen fließen wird.

Die geltende Ausschüttungsvereinbarung läuft nach der Verteilung des Gewinns/Verlusts von 2015 aus. Dann werden Verhandlungen zu einer neuen Regelung fällig. Dabei dürften die mittelfristig erwarteten Erträge und Risiken der SNB-Anlagen eine wichtige Rolle spielen. Die Aufhebung der Euro-Kurs-Untergrenze muss die mittelfristigen Ertragserwartungen nicht unbedingt rasch verändern, hat aber einen Einfluss auf erwartete Schwankungen – und damit wohl auch auf die angepeilte Höhe der Reserven.