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Nach 667 Zinssenkungen

8 unbequeme Wahrheiten zum großen Geldexperiment

von Lukas Sustala / 26.08.2016

Nach 667 Zinssenkungen stellt sich die Frage: Was kann die Geldpolitik denn noch tun?

Geld mag die Welt regieren, doch irgendwie scheint es aktuell ein ziemlich abgehalfterter Regent zu sein. Und zumindest so nackt wie Andersens Kaiser mit den neuen Kleidern.

Dass es so schlecht ausschaut für das Geldsystem, lässt sich dieser Tage relativ leicht an den negativen Zinssätzen ablesen.

Zinsen sind, sagten jahrzehntelang Banker und Ökonomen, der Preis des Geldes. Ein negativer Preis bedeutet wohl, dass Geld kein „Gut“ mehr ist, sondern etwas Schlechtes. So wie Co2-Emissionen, radioaktiver Müll oder Abwasser.

Tatsächlich haben die Zentralbanken viel versucht, um die Wirtschaft anzukurbeln:

  1. Seit dem Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers hat es weltweit 667 Zinssenkungen von Zentralbanken gegeben.
  2. Zentralbanken besitzen bereits 25 Billionen Dollar an Finanzpapieren – ja, gemeint sind deutsche Billionen und englische „Trillions“, mehr als die Wirtschaftsleistung der USA und Japan zusammengenommen.
  3. 12,3 Billionen Dollar aller Anleihen weltweit haben negative Renditen (28% des gesamten Bestandes).
  4. 8 Billionen Dollar aller Staatsanleihen haben bereits negative Zinsen (54% des Gesamtbestands).

In Jackson Hole findet aktuell das „Davos der Zentralbanken“ statt und es geht genau um die Gesundheit des Geldes. Dabei sind allerdings weniger die fundamentalen Probleme im Vordergrund. Für die meisten der 150 versammelten Notenbanker, Ökonomen und Finanzjournalisten geht es um die relativ unbedeutende Frage, ob die US-Notenbank im September die Zinsen ein weiteres Mal anheben wird, von 0,5 auf 0,75 Prozent. Spätestens aber in ihrem wirtschatspolitischen Alltag sind die wichtigsten Geldpolitiker mit 8 unbequemen Wahrheiten konfrontiert.

I. Das Wachstum bleibt schwach

Seit 7–8 Jahren haben die wichtigsten Notenbanken der Welt in Frankfurt, London und Washington allerlei „unkonventionelle“ Geldpolitik versucht, um die Wirtschaft anzukurbeln. Das einst Unkonventionelle ist längst konventionell geworden. Staatsanleihenkäufe im großen Stil, von mehreren Milliarden in der Woche, gelten längst als völlig normales Werkzeug im geldpolitischen Werkzeugkasten. Allein, an der für die Wirtschaftspolitik wichtigsten Kennzahl, dem Wachstum der Wirtschaftleistung, hat das relativ wenig geändert.

II. Die Glaubwürdigkeit leidet

Nicht zuletzt deswegen leidet die Glaubwürdigkeit der Geldpolitik. Einige Ökonomen und auch Vertreter wichtiger Notenbanken gehen davon aus, dass die Zentralbanken mit Minizinsen und Geldflut den Gang der Wirtschaft leicht steuern können. Selbst wenn dem so wäre, hätten die amtierenden Geldpolitiker in den vergangenen Jahren wohl eher den Gegenbeweis geliefert.

Aber die verlorene Glaubwürdigkeit findet auch ihren Ausdruck in der regelrechten Kakophonie von Investoren, Ökonomen und Notenbankern, die versuchen zu verstehen, was nach acht Jahren Krisenbekämpfung wirklich los ist. Wenn der Investor Nathaniel Jacob Rothschild, ein offenbar profunder Kenner des Geldwesens, offenkundig ratlos ist und sagt: „Es ist unmöglich, die ungewollten Nebeneffekte der sehr niedrigen Zinsen vorherzusagen, während knapp 30 Prozent der weltweiten Staatsanleihen negative Renditen aufweisen und die Anleihenkaufprogramme in einem massiven Ausmaß weiterlaufen.“ Andere Investoren, die selbst ihre Finanzprodukte verkaufen müssen und nicht wie Rothschild sind, sind noch wesentlich alarmistischer.

Und dann gibt es freilich gerade angelsächsische Ökonomen, die noch mehr Aktivität von der US-Notenbank fordern würden, um sich gegen eine drohende neuerliche Rezession zu stellen.

https://twitter.com/wsj/status/769029139286335488

Wenn also der Präsident der Bostoner Zentralbank sagt „There are a lot of things that we thought we knew that haven’t turned out quite as we expected“, kann man die Situation getrost zusammenfassen mit den Worten: „Denn sie wissen nicht, was sie tun.“

III. Das billige Geld sorgt für Finanzeuphorie – und Crashgefahr

Was die Zentralbanken in jedem Fall geschaffen haben, ist die Finanzmärkte in einen Zustand der Ekstase zu versetzen. Wesentliche Leitbörsen stehen auf Rekordniveaus, die Anleihenmärkte sowieso und zuletzt haben auch die Schwellenländer wieder Milliarden angezogen. Denn wo die Zinsen niedrig oder negativ sind, wird Risiko gesucht.

Die Situation ist bereits so absurd, dass den Zentralbanken die Anleihen auszugehen drohen, die sie zur Ankurbelung der Wirtschaft kaufen wollen.

An den Finanzmärkten jedenfalls mehren sich die Zeichen dafür, dass auch immer mehr „Schrott“ gekauft wird.

Europhorische Zuflüsse in Fonds
Europhorische Zuflüsse in Fonds
HY sind Hochzins- oder 'Ramsch'-Anleihen. IG sind Anleihen hoher Bonität. REITS sind börsennotierte Immobiliengruppen. Dividendenfonds sind Aktienfonds mit dividendenstarken Unternehmen.
Credits: Bank of America

IV. Das Geld kommt kaum in der Realwirtschaft an

In der besonders simplen Ökonomik gilt die die Faustregel: kleines i, großes Y. Wenn der Zinssatz i niedrig ist oder sinkt, ist das gut für die Wirtschaftsleistung Y, weil Unternehmen die günstigen Möglichkeiten nutzen und investieren und die Konsumenten weniger sparen und mehr konsumieren. Das ist aktuell aber überhaupt nicht so. In Österreich etwa sind die Zinsen für Unternehmen zwar so niedrig wie noch nie. Aber zugleich sind die Investitionen seit Jahren kaum gestiegen.

Abgebildet sind die Zinsen für Unternehmenskredite mit Laufzeit bis zu einem Jahr ab einer Größe von einer Million Euro sowie die Investitionsquote (Bruttoanlageinvestitionen der nichtfinanziellen Unternehmen dividiert durch die Bruttowertschöpfung).

V. Die Geldpolitik kann nicht die Probleme anderer lösen

„Nichts ist umsonst.“ Benoît Coeuré, Direktor bei der Europäischen Zentralbank, hat zuletzt eine geradezu gefährliche Drohung losgelassen. Wenn nicht bald Struktur- und Fiskalreformen im Euroraum durchgeführt werden, dann müsse wieder die EZB aktiv werden. Und das sei eben mit Risiken und Nebenwirkungen verbunden. „Bislang haben wir diese Risiken im Griff gehabt“, sagte Coeuré zwar. Aber mit seinem „Nichts ist umsonst“ zeigt einer der höchstrangigen Zentralbanker, dass die Staaten mit ihrem mangelnden Reformeifer die Zentralbanken zu immer gefährlicheren geldpolitischen Experimenten zwingen. Zugleich aber werden strukturelle Probleme, etwa in der Eurozone die wackelige Konstruktion der Gemeinschaftswährung, nicht angegangen.

VI. Private Pensionssysteme werden von den Notenbanken ins Wanken gebracht

In Österreich mag das Problem auf den ersten Blick nur einige wenige treffen, was die Financial Times jüngst mit einem „Big Read“ aufgeworfen hat. Die extrem lange Analyse hat gezeigt, was das Problem mit den extrem niedrigen Zinsen über einen langen Zeitraum ist. Wenn auch 10-, 20- oder 30-jährige Anleihen kaum mehr Renditen abwerfen, stellt sich das private Pensionssystem auf den Kopf.

Aus österreichischer Sicht mag man einwenden: Private Pensionsvorsorge ist hierzulande sowieso nicht wichtig. Doch es ist eine Tatsache, dass Sparer versuchen, mit sehr konservativen Mitteln vorzusorgen – sei es das Sparbuch, oder die Lebensversicherung. Eine lange Phase niedriger Zinsen verunmöglicht dem Mittelstand mit seinen traditionellen Instrumenten ein Vermögen aufzubauen.

VII. Die Vermögensungleichheit nimmt zu

Die Euphorie an den Finanzmärkten bei gleichzeitig mauem Wirtschafts- und Lohnwachstum sorgt dafür, dass sich die Geldpolitik auch mit der Ungleichheit beschäftigen muss.

Denn auch wenn Lord Rothschild medienwirksam seine Ratlosigkeit und Sorge in Szene setzte, das Vermögen, das er verwaltet, hat in den vergangenen fünf Jahren rund 40 Prozent Rendite abgeworfen, im letzten halben Jahr waren es 3,6 Prozent. Welche Renditen haben Kleinsparer im Schnitt verdient? Laut einer Studie der Allianz kamen österreichische Anleger seit 2010 auf gerade einmal halb so viel wie der Rothschild Investment Trust.

Während vermögende Kunden also über Beteiligungen, Aktien und komplexe Portfoliostrategien auch im aktuellen Umfeld Renditen erzielen, wirft das Sparbuch und die Lebensversicherung, als Vorsorge für die Massen in Kontinentaleuropa, immer magerere Renditen ab. Dem Mittelstand brechen die ohnedies mageren Kapitalerträge weg, während wirklich vermögende Kunden bei dem geldpolitischen Experiment zu den Nutznießern zählen.

VIII. Der Populismus ist eine dieser Nebenwirkungen

Nimmt man das alles zusammen, dann hat die extrem lockere Geldpolitik wohl auch politische Folgen gehabt. Das Wall Street Journal wiederum hat in einem langen Essay die These aufgeworfen, dass die US-Geldpolitik mitverantwortlich für das Erstarken von populistischen Strömungen wie der Tea Party und Donald Trump war. In Deutschland hat die rechtspopulistische Alternative für Deutschland ihre Wurzeln ebenso als Anti-Euro-Bewegung. Und hierzulande ist die FPÖ sehr laut, wenn es um Negativzinsen oder die Einschränkung von Bargeld geht.

https://twitter.com/WSJ/status/768907317173682176

Das Problem ist: Diese Entwicklung könnte sich als Teufelskreis entpuppen. Die EZB etwa warnt, dass der wachsende Populismus ein Risiko für die Finanzstabilität sein könnte. Damit könnte das immer aggressivere Experiment zu immer mehr Widerständen führen – die erst recht verhindern, dass die Geldpolitik so wirkt, wie sich das die Notenbanker in Jackson Hole erhoffen.


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