KEYSTONE/Alessandro Della Bella

Analyse zu Risikokapital

90 Millionen Euro: Zu viel Geld für ein Gründerland

von Elisabeth Oberndorfer / 11.12.2015

Speedinvest hat mehr Kapital mit seinem zweiten Risikokapital-Fonds eingesammelt. Das bringt die heimische Venture-Capital-Firma auf internationales Niveau, für Österreich hat die Summe aber wenig Bedeutung. 

Von zehn auf 90 Millionen

In einer Welt, die geprägt ist von unnötigen Superlativen, schwammigen Millionenbeträgen und falsch verwendeten Anglizismen überrascht es doch manchmal, wenn über Ziele hinausgeschossen wird. So hat Speedinvest im März dieses Jahres das erste Closing seines zweiten Fonds kommuniziert: 58 Millionen Euro. In den vergangenen Monaten war der Risikokapitalgeber aus Wien offenbar nicht nur mit neuen Beteiligungen beschäftigt, sondern hat noch aktives Fundraising betrieben. Jetzt stecken insgesamt 90 Millionen Euro in „Speedinvest 2“. Das ist nicht nur im Vergleich zum ersten Closing ein großer Sprung, denn Oliver Holle startete seine Venture-Capital-Firma mit bescheidenen zehn Millionen Euro. Spricht man heute mit dem Geschäftsführer über das Auflegen des ersten Fonds, kann er sich ein erschöpftes Stöhnen nicht verkneifen. 2010 war bei den Vermögenden des Landes noch mehr Aufklärungsarbeit notwendig als heute.

Das kräftige Aufstocken des Topfes hat unter anderem mit den Start-up-Exits, die dieses Jahr in Österreich passiert sind, zu tun. Runtastic-Gründer Florian Gschwandtner und das Gründerteam der Flohmarkt-App Shpock, Katharina Klausberger und Armin Strbac, haben sich nach dem Verkauf ihrer Unternehmen an „Speedinvest 2“ beteiligt. Zu den Geldgebern zählen auch der TV-Produzent Oliver Auspitz sowie Investor Hermann Hauser, der mit seinem Einstieg bei der Wohnungssuche zoomsquare mehr Interesse am österreichischen Markt signalisiert hat.

Respekt über die Grenzen hinaus

Mit dem zweiten Fonds dürften Holle und sein Team lange auskommen. Denn die VC-Partner konzentrieren sich auf Finanzierungen in der Frühphase. Durchschnittlich investiert Speedinvest eigenen Angaben zufolge 500.000 Euro, auf zehn bis 15 Start-ups pro Jahr will man sich beschränken. Ein überschaubares Portfolio erlaubt CEO Holle, sein ursprüngliches Konzept fortzuführen: „Work for Equity“ – das heißt, dass die Speedinvest-Partner auch aktiv bei den Start-ups mitarbeiten. 18 Mitarbeiter hat die Firma mittlerweile, Partnerin Marie-Helene Ametsreiter baut 2016 in München die Deutschland-Präsenz auf.

Die internationale Ausrichtung braucht Speedinvest auch, um weiterzuwachsen. Und mit den 90 Millionen Euro hat sich das österreichische Unternehmen den Respekt über die Grenzen hinaus erarbeitet. Bei 58 Millionen Euro schmunzelten Kollegen von deutschen Branchenmedien noch. Das neue Fondsvolumen hat endlich internationale Größe. Von den dreistelligen Summen, die die großen europäischen VC-Institutionen aufstellen, ist Speedinvest nicht mehr weit entfernt. Schwierig dürfte allerdings werden, dass sich der Kapitalgeber weiterhin auf die sogenannten Seed-Stage-Finanzierungen konzentrieren will.

Denn ebenfalls diese Woche sickerte durch, dass Google Ventures seinen im Juli 2014 gestarteten Fonds für den europäischen Markt schließt und von Seed-Finanzierungen künftig absieht. Der Venture-Arm von Google hatte 125 Millionen US-Dollar für die Finanzierung von Start-ups bereitgestellt. Dass man sich jetzt aus Europa zurückziehe, habe nichts mit Enttäuschung zu tun, sagt CEO Bill Maris. Statt eines eigenen Fonds für Europa wolle man ab kommenden Jahr einen globalen Fonds betreiben.

Große Finanzierungsrunden und Exits im Ausland

Für das Gründerland Österreich ist „Speedinvest 2“ jedenfalls zu groß – schon jetzt gibt es Beteiligungen in Großbritannien, Deutschland, Slowenien und Finnland. Und vielleicht kommt Gründer Holle doch noch von seiner Fixierung auf junge Phasen ab. Für spätere Finanzierungsrunden fehlt in Österreich noch der entsprechende Fonds. Einen solchen wollte Venionaire Capital schon bis zum Sommer mit 100 Millionen Euro starten. Bislang haben die Betreiber allerdings nicht einmal das erste Closing bekannt gegeben.

Der neue Speedinvest hat deshalb nicht für die österreichische Start-up-Szene große Bedeutung, sondern für Speedinvest selbst. Wenn Österreichs größter Frühphasen-Kapitalgeber internationales Niveau erreicht, könnte das aber gutes Licht auf das heimische Ökosystem werfen. Und Start-ups müssten für weitere Finanzierungsrunden oder Exits nicht das Land verlassen. Denn ein Seed-Fonds und staatliches Geld sind zu wenig, um ein Gründerland zu etablieren, das sich die Akteure im österreichischen Gründertum wünschen.