Reuters/ YUYA SHINO

Abenomics am Abgrund

Meinung / von Patrick Zoll / 17.11.2015

Japans Wachstumspotenzial ist niedrig. Wenn das Land nicht immer wieder negative BIP-Zahlen schreiben will, muss es Strukturreformen angehen, schreibt NZZ-Wirtschaftskorrespondent Patrick Zoll.

Das Wachstumspotenzial von Japan liegt bei etwa 0,5 Prozent, sagt die Bank of Japan. Da braucht es nicht viel, bis eine Volkswirtschaft zumindest technisch in die Rezession rutscht. Denn die schrumpfende und alternde Gesellschaft zeigt auch bei der Wirtschaftsleistung deutlich ihre Spuren; jährlich geht die arbeitende Bevölkerung um rund ein Prozent zurück. Einzig Strukturreformen können da Abhilfe schaffen, denn die am nächsten liegende Lösung, mehr Arbeitsmigranten, ist politisch nicht umsetzbar. Akzeptabler ist es in den Augen der Regierung von Ministerpräsident Abe, mehr Frauen am Arbeitsprozess zu beteiligen. Deren Zahl ist recht hoch, doch die rigide Arbeitskultur in japanischen Firmen führt dazu, dass viele Frauen nur Teilzeit und in eher anspruchslosen Jobs arbeiten. Ihre Produktivität bleibt niedrig.

Dank dem soeben eingeführten Freihandel im Rahmen der transpazifischen Partnerschaft (TPP) werden in näherer Zukunft bisher abgeschottete Wirtschaftszweige mehr Wettbewerb ausgesetzt. Ein Beispiel dafür ist die Landwirtschaft, deren verkrustete Strukturen nur dank kräftigem Protektionismus so lange aufrechterhalten werden konnten. TPP kann als „Entschuldigung“ dienen, wenn Politiker ihren Wählern wenig populäre Reformen schmackhaft machen müssen. „Sumimasen, entschuldigen Sie, wir würden Ihnen das ja gerne ersparen, aber wir müssen leider“, wird es mancherorts heißen. „Shoganai“, da kann man nichts machen, heißt das auf Japanisch. Immerhin kann so Gesicht gewahrt werden. Besonders im Arbeitsmarkt sind dringend Deregulierungen nötig, die den Arbeitnehmern die Flexibilität und Anreize geben, in die produktivsten Wirtschaftszweige zu wechseln.

Abe muss schleunigst mit strukturellen Reformen das Wachstumspotenzial erhöhen. Sonst rutscht das BIP bei der kleinsten Schwäche erneut in negatives Territorium ab.