SVEN SIMON

Alarmistische Ökonomen-Studie

Abgesang auf den Mittelstand

von Christoph Eisenring / 13.05.2016

Der deutsche Mittelstand bröckle, sagt eine viel beachtete Studie. Doch die Schwarzmalerei ist deplatziert: Die Mittelschicht macht sich so wenig Sorgen wie noch nie seit der Wiedervereinigung.

Deutschland fürchtet den Verlust der Mitte. Ob man den Spiegel oder die Wirtschaftswoche zur Hand nimmt, das Bild ist dasselbe: Die deutsche Mittelschicht gilt als gefährdet. Es werden Schicksale beschrieben, die vom Verlust des sicher geglaubten Arbeitsplatzes handeln oder von der Abstiegsangst. Weit weg scheint das Versprechen des ersten BRD-Wirtschaftsministers, Ludwig Erhard, der vom „Wohlstand für alle“ geschrieben hatte. Die Hypothese, dass der Mittelstand unter die Räder kommt, hat sich in Deutschland in den Köpfen festgesetzt. Dieses Mal ist der Anlass eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Dessen Ökonomen haben – in einer korrigierten Version – berechnet, dass die Mittelschicht von der Wiedervereinigung 1991 bis 2013 von 66 Prozent auf 61 Prozent der Bevölkerung zurückgegangen ist.

Einheimische steigen eher auf

Damit sei der Rückgang so stark wie in den USA, heißt es in der Studie. Leben die Deutschen nicht mehr in einer Mittelstandsgesellschaft? Die korrigierten Zahlen geben Entwarnung:

In Deutschland ist die Mitte deutlich größer als in den USA.DIW korrigiert sich Die Ergebnisse des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zur schrumpfenden Mittelschicht haben viel Echo ausgelöst. Doch die vielzitierte erste Version hatte einen methodischen Fehler. Nach Rückfragen auch dieser Zeitung hat das DIW die Werte für Deutschland noch einmal berechnet. Zwar hält es an der Kernaussage fest, dass die Mittelschicht in Deutschland seit 1991 ähnlich stark geschrumpft sei wie in den USA (je um etwa 5 Prozentpunkte). Dennoch sehen die Resultate nun noch weniger dramatisch aus. Ein Beispiel: In der ersten Fassung hatte das DIW 54 Prozent der Deutschen zur Mittelschicht gezählt, womit der Abstand zu den USA mit etwa 50 Prozent (bei gleicher Definition, s. Haupttext) nicht mehr so groß schien. Die „Wirtschaftswoche“ hatte denn auch getitelt: „Nur jeder Zweite gehört zur Mittelschicht“. Doch die korrigierte Fassung zeigt nun, dass 2013 noch 61 Prozent der Deutschen der Mittelschicht angehörten – diese also weiterhin viel breiter ist als in den USA.

Zur Mittelschicht werden von den DIW-Ökonomen Personen gezählt, die zwei Drittel bis 200 Prozent des Medianeinkommens verdienen. Dabei teilt das Medianeinkommen die Bevölkerung in zwei gleich große Gruppen: Die eine Hälfte verdient mehr als das Medianeinkommen, die andere weniger. Ein Drei-Personen-Haushalt zählt gemäß dieser Definition zur Mittelschicht, wenn er brutto 2.660 Prozent bis 7.950 Euro pro Monat einnimmt. Wenn die gesellschaftliche Mitte bröckle, schade dies der Wirtschaft, kommentierte der Präsident des DIW, Marcel Fratzscher, die Resultate. Er warnt gar vor einer Polarisierung der Gesellschaft.

Doch ein zweiter Blick macht klar: Zur Schwarzmalerei gibt es keinen Anlass. Aufschlussreich ist die Unterscheidung zwischen Einheimischen und Ausländern: Bei den in Deutschland Geborenen ist die Mittelschicht seit der Wiedervereinigung 1991 nur deshalb leicht geschrumpft, weil deren Angehörige etwas öfter in die Gruppe der Einkommensstarken aufgestiegen sind – eine gute Entwicklung (vgl. Grafik). Vom „Absturz der Normalos“, wie der Spiegel titelte, kann somit nicht die Rede sein.

Anders sieht es bei den Ausländern aus. Hier hat sich der Anteil der Einkommensschwachen seit 1991 von 22 Prozent auf 37 Prozent stark erhöht. Was ist passiert? Deutschland habe in den vergangenen Jahrzehnten eine Zuwanderung von „eher bildungsfernen Personen“ erfahren, während im Gegenzug qualifizierte Beschäftigte das Land verlassen hätten, schrieb die Bertelsmann-Stiftung schon 2013. Die Schrumpfung der Mittelschicht hat damit nicht mit einer Verarmung oder „Prekarisierung“ zu tun, sondern etwa mit einer veränderten Einwanderungspolitik. Hier liegt die Crux und allenfalls noch in der Bildungspolitik, gerade auch wenn man an die jüngsten Ankommenden denkt.

Mittelschicht hat wenig Sorgen

Im sozioökonomischen Panel, das die DIW-Experten ausgewertet haben, werden die Teilnehmer auch gefragt, ob sie sich große Sorgen um die eigene wirtschaftliche Entwicklung machten. Auch diese Ergebnisse zeugen von Entspannung. In Westdeutschland hatten 2013 rund 15 Prozent große Sorgen, in Ostdeutschland 22 Prozent. Aber 2005, als die Arbeitslosenquote zweistellig gewesen war, hatten diese Anteile noch bei 26 Prozent im Westen bzw. 36 Prozent im Osten gelegen. Wenn man nur die Mittelschicht betrachtet, so lag der Anteil mit großen Sorgen 2013 bei nur noch 13 Prozent: Dies ist der niedrigste Wert seit der Wiedervereinigung. Dem Mittelstand geht es insgesamt gut – Untergangsmythen sind deplatziert.

Dank des Aufschwungs am Arbeitsmarkt erlebt auch die Soziale Marktwirtschaft in ihrem Geburtsland eine Renaissance – was allerdings noch kaum zur Kenntnis genommen wird. Noch 2010 hatten 41 Prozent der Deutschen erklärt, die Soziale Marktwirtschaft habe sich nicht bewährt, nur 48 Prozent sprachen sich damals für sie aus. Dieses Umfrageresultat prägt in Deutschland erstaunlicherweise bis heute die Debatte. Dabei hat sich die Situation seither grundlegend verändert. Im Februar 2016 identifizierten sich 73 Prozent der Deutschen mit der Sozialen Marktwirtschaft – so viele wie noch nie in den zwanzig Jahren, in denen der Bankenverband diese Frage gestellt hat (vgl. Grafik). Dies würde auch Ludwig Erhard freuen: Die Soziale Marktwirtschaft als Wohlstandsmaschine wird somit wieder geschätzt.

Ist also alles in bester Ordnung? Es gäbe schon zu tun. So belasten Deutschland die Löhne mit so hohen Sozialabgaben wie sonst kaum ein Industrieland. Zusammen mit den Steuern bleibt vielen zu wenig „netto vom Brutto“. Angesichts stets höherer Steuereinnahmen sollte die Regierung jedenfalls ernsthaft über Entlastungen nachdenken.