Alles aus Apples Hand

von Henning Steier / 09.06.2015

Streaming-Dienste für Musik wie Spotify sind ebenso populär wie unprofitabel. Apple Music soll das ändern, denn der iPhone-Hersteller hat einige Trümpfe in der Hand. Damit soll Musik-Streaming profitabler aufgebaut werden als bei der Konkurrenz, berichtet NZZ-Digital-Redakteur Henning Steier.

Vor einem Jahr hat Apple den Kopfhörer-Hersteller und Musikstreamingdienst Beats für drei Milliarden Dollar gekauft. Beats Music war bisher nur in den USA verfügbar. Allerdings hat der Dienst bloß rund 300.000 zahlende Nutzer. Mit der von Steve Jobs geprägten Phrase „One more thing“ präsentierte Jimmy Iovine den Service mit dem eingängigen Namen Music. Den ehemaligen Plattenmanager hat Apple mit Beats eingekauft, der bestens in der Branche vernetzte Iovine hat das Unternehmen mit dem Rapper Dr. Dre gegründet.

Empfehlungen von Menschen

Apple Music wird am 30. Juni mit iOS 8.4 in 100 Ländern und als Browserversion verfügbar sein. Nutzer erhalten den Dienst also als integralen Bestandteil der Musik App. Für Android und Apple TV kommt das Angebot im Herbst. Wer Googles Betriebssystem nutzt, muss die App also aktiv installieren. Es ist übrigens die erste Apple-App für Android. Dienste wie Spotify und Deezer bieten übrigens auch Apps für Windows Phone und Blackberry an. 30 Millionen Songs zum Streamen sind auch bei Apples Konkurrenten verfügbar.

Die ersten drei Monate Apple Music sind gratis. Danach werden monatlich 9,99 Dollar fällig – damit bewegen sich die Kalifornier auf dem Niveau der Konkurrenz. Relativ günstig ist die 6-Nutzer-Familienlizenz für 14,99 Dollar. Apple Music ist nicht nur ein Streaming-Dienst wie Spotify. Es gibt auch einen weltweit empfangbaren 24-Stunden-Radio-Sender namens Beats One, der aus New York, Los Angeles und London sendet. Die Federführung liegt beim bekannten Moderator und DJ Zane Lowe. Die Songs werden dabei redaktionell ausgewählt. Man kann auch gekaufte Songs abspielen.

Wie man es von der Konkurrenz kennt, gibt es eine Empfehlungsfunktion, in diesem Fall For You genannt. Diese Empfehlungen sollen nicht nur algorithmisch generiert werden, sondern auch von einer Redaktion. Apples Sprachassistentin Siri wurde tief in Music integriert. Man kann sie beispielsweise bitten, den Top-Titel vom Mai 1982 abzuspielen. Dass Siri aber wegen technischer Schwierigkeiten berechtigterweise ein Nischendasein fristet, sah man heute auch in der Präsentation von Apple-Manager Eddy Cue.

Connect nennt Apple Künstlerseiten, auf denen man auch Songtexte, Notizen, Videos und Bilder findet. Diese Seiten sind nicht nur für Fans gedacht. Apple gibt damit auch Künstlern ein Werbefenster. Bekanntlich sind viele nicht besonders gut auf Streaming-Dienste zu sprechen, weil diese ihnen geringe Einnahmen bescheren. Man denke etwa an die derzeit erfolgreichste Sängerin Taylor Swift, die Spotify deswegen im Herbst medienwirksam den Rücken kehrte. Vor der heutigen Präsentation war vielfach gemutmaßt worden, Apple Music bietet Künstler, die kein anderer Streaming-Dienst hat. Dem ist wohl nicht so, denn sonst hätte es sich das Unternehmen wohl nicht nehmen lassen, das zu verkünden.

Der iPhone-Hersteller verfügt dank des iTunes-Music-Stores über 800 Millionen Kreditkartendatensätze. Entscheiden sich nur zehn Prozent für seinen Streaming-Dienst, wäre er sofort Marktführer. Denn Spotify kommt auf 60 Millionen Nutzer, ein Viertel davon zahlt.

Druck auf Plattenfirmen

Wie kürzlich durchsickerte, soll Apple seine Position als wichtigster Download-Anbieter ausgenutzt haben, um die Musikindustrie dazu zu bringen, Spotify und anderen Diensten ihre werbefinanzierten Gratis-Versionen untersagen zu lassen. Dementsprechend gibt es keine solche Version von Apple Music.

Apple ist auch für die Musikindustrie als Partner attraktiver als herkömmliche Streaming-Dienste, weil das Unternehmen weiterhin Songs verkauft. Nutzer haben also die Wahl. Bekanntlich sind die Margen bei verkauften Songs deutlich höher als beim Streaming. Spotify hatte mit einem entsprechenden Angebot keinen Erfolg – es wurde Ende 2012 eingestellt.

Konkurrenz unter Druck

Spotify und Deezer haben bereits reagiert. Interessenten können die Premiumversionen, die beispielsweise die Offline-Speicherung von Songs ermöglichen, nun zwei beziehungsweise drei Monate gratis testen. Vorher musste man nach vier Wochen dafür bezahlen. Vor drei Wochen gab Spotify bekannt, dass künftig auch Videos gezeigt werden. Die schwedische Firma kooperiert dabei mit Inhalte-Produzenten wie „Comedy Central“ und „VICE News“. Der Streaming-Service wird damit stärker zu einem Medien-Kanal. Das Unternehmen ist unter Druck: 2014 ist der Umsatz dem Vernehmen nach zwar um 45 Prozent auf 1,3 Milliarden Dollar gestiegen. Zugleich schwoll der Verlust von 68 auf 197 Millionen Dollar an. 2012 hatte das Minus 115 Millionen Dollar betragen. Spotify hat immer wieder betont, Wachstum vor Gewinn zu stellen. So stieg die Mitarbeiterzahl binnen zwölf Monaten von rund 1.000 auf knapp 1.500. Auch das Erobern neuer Märkte kostet viel Geld.

Mit ihren roten Zahlen sind die Schweden nicht allein: Alle Musikstreamingdienste schreiben Verluste. Allein in Europa hat binnen zwölf Monaten eine Handvoll aufgegeben – zuletzt das deutsche Unternehmen Simfy. In der Branche kursieren Rechnungen, laut denen Spotify 35 Millionen Nutzer der kostenpflichtigen Versionen bräuchte, um profitabel zu sein, bei Deezer wären es 20 Millionen. Die Anbieter müssten ihre zahlende Kundschaft also mehr als verdoppeln beziehungsweise verdreifachen. Streaming trägt insgesamt nur ein Drittel zum Umsatz der Musikbranche bei. Für Apple ist das Ganze ohnehin ein Nischengeschäft: Das Unternehmen macht an einem Tag fast den Umsatz, den die Musikbranche weltweit im Digitalgeschäft pro Monat erzielt.