Alles, was Sie zum Schweizer-Franken-Schock wissen müssen

von Lukas Sustala / 16.01.2015

Nach dem Paukenschlag der Schweizerischen Nationalbank müssen die Scherben inner- und außerhalb der Schweiz zusammengetragen werden. Was der stärkere Franken bedeutet, welche Probleme er bringt, wer betroffen ist. Ein Walkthrough in sieben Texten.

Was ist am Donnerstag passiert und warum? Facts first: Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat ihre drei Jahre dauernde Mindestkurspolitik zum Euro beendet (Rede von SNB-Chef Thomas Jordan). Der Franken hat daraufhin dramatisch aufgewertet. Warum die SNB so gehandelt hat und was das inner- und außerhalb der Schweiz bedeutet.

Die SNB verschafft sich Luft

Seit 2011 hat die SNB für einen Mindestkurs des Euro gegen den Franken gesorgt. Für einen Euro sollte man immer mindestens 1,2 Franken bekommen. Der Grund für die damals durchaus umstrittene Maßnahme: Eine weitere Aufwertung des Franken hätte in dem Tempo schwere Schäden in der Exportindustrie verursacht, warnten Ökonomen und Unternehmen in der Schweiz.

Warum ist der Franken damals so beliebt gewesen und kräftig aufgewertet? In der Eurokrise galt die Schweiz als sicherer Hafen. Die Ängste vor einem Zerfall des Euro hatten zu massiven Kapitalflüssen in die Schweiz geführt. Die SNB konnte die reißenden Kapitalströme auf Schweizer Konten zwar nicht verhindern, aber sie recycelte das Geld, indem sie Wertpapiere in der Eurozone kaufte. Die Euros, die bei Schweizer Banken angelegt wurden, landeten vor allem in deutschen und anderen Staatsanleihen hoher Bonität. Die Bilanz der SNB ist seit 2011 kräftig angeschwollen:

Damit wurde die SNB immer mehr in ihrer Politik gefangen und die Politik des künstlich schwachen Franken wurde für die Währungshüter immer teurer. Je mehr Euro-Anleihen sie kauften, desto höher wurden die möglichen Verluste einer Aufwertung.

Verschärft wurde das Problem im Dezember durch die Russland-Krise, während der ebenfalls viel Geld in die Schweiz floss. Damals reagierte die Schweizerische Nationalbank noch mit Negativzinsen. Dass die EZB kommende Woche den Ankauf von Staatsanleihen verkünden könnte, um eine drohende  Deflation zu bekämpfen (und nebenbei den Euro zu schwächen), hat für die SNB wohl das finanzielle Fass zum Überlaufen gebracht. Bevor die SNB-Bilanz weiter anwächst – und damit auch die Risiken – zog man in Zürich die Reißleine. Zu Recht, wie NZZ-Wirtschaftsressortleiter Peter Fischer meint:

60 Milliarden an einem Tag weg

Wie rasch es dabei um hohe Beträge geht, zeigen die Schätzungen zu den Verlusten am ersten Tag vom Ende der Mindestkurspolitik. Die dramatische Aufwertung des Franken macht die in der Vergangenheit gekauften Wertpapiere in Euro oder Dollar deutlich weniger wert. Die SNB muss dabei enorme Buchverluste von schätzungsweise 60 Milliarden verkraften, nachdem sie noch für 2014 einen Rekordgewinn verkündete.

Sorge in Österreich und Osteuropa

Die Schweizer Entscheidung wirkt auch außerhalb ihrer 26 Kantone nach. In den 28 EU-Ländern etwa sind Kredite in Schweizer Franken vor 2008 ein beliebtes Kreditinstrument gewesen. Die vergleichsweise niedrigen Zinsen im Franken lockten österreichische, ungarische und polnische Kreditnehmer an. Nirgends stehen dabei so viele Frankenkredite aus wie in Österreich. Hierzulande haben Banken noch offene Forderungen von über 35 Milliarden Euro, in Polen sind es 34 Milliarden, in Ungarn immerhin zwölf Milliarden.

In österreichischen Banken, die auch in Osteuropa viele CHF-Kredite vergeben haben, sorgte der Entscheid am Donnerstag für Krisensitzungen. Im schlimmsten Fall könnte die gestiegene reale Schuldenlast durch die Wechselkursbewegung zu steigenden Kreditausfällen und damit Risikokosten führen. Auch die Kreditnehmer sehen sich mit höheren Kosten konfrontiert, die je nach Kreditvertrag und Laufzeit aber noch höchst unterschiedlich ausfallen könnte. Konsumentenschützer in Österreich raten jedenfalls zur Ruhe (Der Standard).

Die Turbulenzen auf den Finanzmärkten

Die SNB hat die Märkte in Turbulenzen gestürzt. Die Bewegungen waren jäh und kräftig. Der Franken wertete rund zwischen zwölf und 17 Prozent gegen Währungen wie Dollar, Euro oder polnische Zloty auf. Am Freitag häuften sich Berichte, wonach einige Broker durch das Chaos derart hohe Verluste erlitten, dass ihr Kapital aufgezehrt wurde. Ein prominentes Opfer ist Alpari, ein Broker mit 240.000 Kunden und Sponsor von West Ham United. Am Freitag meldete der Broker Insolvenz an. Auch FXCM, einer der größten Währungsbroker weltweit mit knapp 500 Millionen Dollar Umsatz im Jahr, ist ein Opfer der Franken-Stärke.

Die SNB hat im Markt Vertrauen verloren

Nicht in Geld aufwiegen lässt sich ein anderer Umstand. Die SNB hat mit ihrem überraschenden Schritt in der Schweiz viele Investoren, Ökonomen und Unternehmen auf dem falschen Fuß erwischt. Ökonomen von Banken und Vermögensverwaltern sprechen von verlorenem Vertrauen.

Die Schweizer Industrie fürchtet den starken Franken

Die NZZ-Wirtschaftsredaktion zeigt, dass die Industrie den SNB-Entscheid überwiegend negativ sieht. Besonders kräftig kritisiert etwa die Uhrenindustrie die massive Frankenaufwertung, weil sie überwiegend in der Schweiz produziert, aber im Ausland verkauft.

„Der Schritt ist gerechtfertigt“

Positiv beurteilt im NZZ-Interview der Ex-EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark den Schritt der SNB. Die Schweizer Notenbanker hätten wegen der sich abzeichnenden Euro-Abwertung kaum eine andere Wahl gehabt, lediglich die Kommunikation sei nicht optimal gewesen.