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Rubel-Krise

Als für Russlands Banken der Albtraum losbrach

von Benjamin Triebe / 23.11.2015

Sanktionen, Rezession, Rubel-Zerfall: Russlands Banken leiden. Sberbank-Chef Herman Gref hält aber das Schlimmste für überstanden und will Europa nicht abschreiben. Und er will keine Staatshilfe, wie er im Gespräch mit NZZ-Wirtschaftskorrespondent Benjamin Triebe betont.

Eigentlich lässt sich aus dem 24. Stock der Sberbank-Zentrale in Moskau alles überblicken; selbst über den Kreml geht der Blick hinweg. Dennoch hat Sberbank-CEO Herman Gref nicht voraussehen können, in was für Turbulenzen der Ukraine-Konflikt sein Haus stürzen würde. Die Sberbank habe im Ausland große Expansionspläne. Aber unter den Sanktionen ergebe das keinen Sinn, sagt Gref im Gespräch. Das Finanzinstitut, das fast ein Drittel aller Vermögenswerte im russischen Bankensektor auf sich vereint, muss neu planen.

Im Sommer 2014 verhängten die EU und die USA erste Strafmaßnahmen gegen russische Banken, auch gegen die Sberbank. Sie darf heute an Investoren aus diesen Ländern keine neuen Aktien oder neuen Anleihen mit einer Laufzeit von mehr als 30 Tagen verkaufen. Das macht die Refinanzierung an den dortigen Märkten unmöglich. Es habe Panik unter den Kunden geherrscht, sagt Gref. Inzwischen habe sich die Lage beruhigt: Natürlich werde man die Belastung weiterhin spüren. Aber der schwierigste Teil sei immer das erste Jahr.

Gref schließt eine Abwanderung aus Wien nicht aus

Derzeit ist die Bank in 22 Ländern aktiv, nicht nur im ehemals sowjetischen Raum, sondern auch in Deutschland, Österreich und der Türkei. Der Ausbau des Geschäfts in Europa liegt jetzt auf Eis. Doch wenn die Sanktionen aufgehoben seien, werde man dort schnell expandieren, erklärt Gref – besonders im Digital Banking. Allerdings will er nicht kategorisch ausschließen, dass sein Institut Büros verlagert oder Länder aufgibt. Die zweitgrößte russische Bank, VTB, will ihre Europa-Zentrale von Wien nach Frankfurt verschieben.

Der Anfang der Bankenkrise, die Gref offen so bezeichnet, bestand nicht nur aus den Sanktionen, sondern auch aus dem Zerfall des Rubels. Die russische Währung wurde vom fallenden Erdölpreis mitgerissen, und im Dezember 2014 brach sie regelrecht ein. Jener Dezember sei ein Albtraum gewesen, sagt Gref. Die Sberbank habe einen Kapitalabfluss von 1.300 Milliarden Rubel (20,1 Milliarden Dollar) hinnehmen und sich Geld am Markt zum Zins von 30 Prozent besorgen müssen. Jetzt steht die Sberbank relativ gut da. Während ihre Konkurrenten Verluste schreiben und um Staatshilfe ersuchen, erwartet Gref für das laufende Jahr immer noch einen Gewinn – wenn auch 30 Prozent weniger als 2014. Das würde auf 203,2 Milliarden Rubel (3,1 Milliarden Dollar) hinauslaufen.

Ziel: Keine Staatshilfe

Die Wirtschaft wird 2015 wohl um rund vier Prozent schrumpfen. Für 2016 gibt sich der Sberbank-Chef optimistischer, auch in Bezug auf den Gewinn. Zwar will Gref nicht ausschließen, dass die Sberbank dereinst Finanzspritzen benötigt, so wie die ebenfalls staatlich kontrollierte VTB: „Man soll niemals nie sagen, das wäre dumm. Aber wir werden alles tun, um den Staat nicht um Hilfe zu bitten.“ Er ist zuversichtlich, weil die Bank es bis heute auch so geschafft hat.

Der Grund liege in der Prävention. Er sei 2007 zum Institut gestoßen, 2008 kam die Finanzkrise, und seit 2009 habe man für die nächste Krise vorgesorgt. Als die Sberbank Reingewinne von umgerechnet bis zu 13 Milliarden Dollar pro Jahr erwirtschaftete, habe sie viel in die Modernisierung investiert: in die IT, das Risikomanagement, in die Effizienz der einstigen sowjetischen Sparkasse. Deshalb werde der jüngst eingesetzte Abbau von Filialen und Personal weitergehen, so Gref. Ende Juni beschäftigte die Sberbank-Gruppe 325.000 Mitarbeiter, zwei Prozent weniger als vor einem Jahr.

Kritik am Reformstillstand

Herman Gref gilt als liberale Stimme in Putins Russland.
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Reformelan würde Herman Gref (russisch: German Gref), Wirtschaftsminister von 2000 bis 2007, auch andernorts gern sehen. Er gehört zu den wenigen liberalen Stimmen des Landes und beklagt einen Reformstillstand. Am dringlichsten sei der Umbau der öffentlichen Verwaltung, sagt der 51-Jährige. Das System sei in großem Ausmaß ein sowjetisches Relikt, es erlaube keine effiziente Regierungsführung. Der Sberbank-Chef vermisst moderne Management-Techniken, klare Aufgabenverteilungen und Ziele. Wer daran konkret schuld ist, will er aber nicht ausführen.

Weniger Staat wünscht sich der ehemalige Minister nicht nur in der Wirtschaft und im Bankensektor allgemein, sondern auch im eigenen Haus. Die Mehrheit von 50 Prozent plus einer Aktie hält immer noch die Zentralbank, der Rest wird an der Börse gehandelt. Gref würde gern weitere 25 Prozent an Investoren abgeben. „Für uns wäre das ein wichtiger stabilisierender Faktor“, sagt er. Rund 36 Prozent der Sberbank-Aktien im freien Umlauf liegen in den Händen amerikanischer, 30 Prozent in solchen britischer Anleger und 14 Prozent bei europäischen Investoren. Und die halten der Sberbank offenbar die Treue: Niemand von den europäischen oder amerikanischen Investoren habe sich zurückgezogen, so Gref. Geht es nach der offiziellen Rhetorik Russlands seit der Ukraine-Krise, müsste sich die Sberbank jedoch auf Asien konzentrieren. Auch wenn das dortige Geschäft langsam wächst, sieht Gref die Wende nach China aber eher als langfristige Möglichkeit: „Wir haben über Jahre mit europäischen und amerikanischen Partnern kooperiert. Mit den Chinesen gab es das nicht. Es war unrealistisch anzunehmen, dass sich das auf einen Schlag ändern würde.“