Karin Hofer / NZZ

Alterssicherung: Zwei Rentner-Kohorten sind zu finanzieren

Gastkommentar / von Friedrich L. Sell / 23.08.2016

Die moderne Familie: eine Kindergeneration mittleren Alters, eine Enkelgeneration Heranwachsender, eine „junge Rentnergeneration“ von Anfang 60 und eine „alte Rentnergeneration“ im Alter von 80 plus. Ein Gastbeitrag von Friedrich L. SellFriedrich L. Sell ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität der Bundeswehr München. .

In Deutschland wird nicht nur über Terrorismusgefahr und Migration diskutiert. Seit kurzem ist eine schon jetzt hitzige Debatte über die Zukunft der Alterssicherung im Gang.

Während das Institut der deutschen Wirtschaft vorrechnet, dass das Rentenalter bis 2041 auf 73 Jahre ansteigen müsse, wenn man Rentenbeitrag und -niveau stabil halten wolle, verlangt die IG Metall gewissermassen eine Rückabwicklung der Riesterrente und perspektivisch eine deutliche Anhebung des Niveaus der gesetzlichen Rentenzahlungen auf rund 50 Prozent des zuletzt erzielten Erwerbseinkommens. Damit nicht genug, bereitet Bundessozialministerin Andrea Nahles für den Herbst einen gesetzlichen Vorschlag vor, der die Ost-West-Unterschiede in der Rente in zwei Stufen endgültig einebnen soll.

Rentenbezugsdauer auf Rekordniveau

Tatsache ist, dass die durchschnittliche Rentenbezugsdauer 2015 mit 18,8 Jahren für Männer und 22,8 Jahren für Frauen ein neues Rekordniveau erreicht hat. Dies führt u. a. dazu, dass heute Urgrosseltern ihre eigenen Kinder (selbst Grosseltern) beim Eintritt in deren Rente noch erleben. In der Rentenfrage sind daher bildungsbürgerlich korrekte Zitate aus Romanen von Jane Austen oder Honoré de Balzac im Stile eines Thomas Piketty nicht (mehr) angebracht, kannten doch diese prominenten Belletristik-Autoren das Phänomen von zwei lebenden Rentnergenerationen unter dem (wenigstens virtuellen) Dach ein und derselben Familie noch gar nicht.

Die moderne Familie der Gegenwart sieht so aus: eine Kindergeneration mittleren Alters, eine Enkelgeneration von Heranwachsenden, eine „junge Rentnergeneration“ von Anfang 60 und eine „alte Rentnergeneration“ im Alter von 80 plus. Das Neue ist offensichtlich die simultane Existenz von zwei Rentner-Kohorten innerhalb einer einzigen Familie. Streng güterwirtschaftlich gedacht, muss die Kindergeneration mittleren Alters einen Berg an Gütern und Dienstleistungen erzeugen, der ausreichend gross ist, um insgesamt vier Generationen zu ernähren. Dazu braucht es ihren Arbeitseinsatz, offensichtlich (man denke an makroökonomische Produktionsfunktionen) aber auch Kapital.

Sinkt durch Zuwanderung das Pro-Kopf-Einkommen unserer repräsentativen Familie, ist auch die Altersversorgung der beiden Rentnergenerationen weniger sicher.

Damit ist die müssige Frage nach Kapitaldeckung oder Umlageverfahren in der Altersversorgung schnell beantwortet: Es werden beide benötigt, allerdings in einer möglichst günstigen Mischung. Diese ist immer dann am vorteilhaftesten, wenn sie die Arbeitsproduktivität der „aktiven Kindergeneration“ bzw. das Pro-Kopf-Einkommen (PKE) über alle Generationen hinweg maximiert. Liegt die Anzahl der Nachkommen dieser Kindergeneration unter zwei, dann ist sie offensichtlich nicht in der Lage, den Ausstoss ihrer Eltern zu replizieren. Als Ausweg stehen eine höhere Lebensarbeitszeit der jungen Rentnergeneration sowie technischer Fortschritt zur Verfügung.

Die Erhöhung der eigenen Lebensarbeitszeit hilft heute nichts, sie muss aber greifen, wenn diese Kindergeneration später einmal selber zur jungen Rentnergeneration wird. Kürzere Ausbildungs- und Studienzeiten sind ebenfalls willkommen. In dieser Hinsicht ist der Bologna-Prozess trotz sonstigen Mängeln ein guter Beitrag für das Thema Alterssicherung. Wächst unsere Vier-Generationen-Familie durch Zuwanderer im Alter der Eltern oder der Kinder an, kann im Prinzip (jetzt oder später) ein höherer Güterberg pro Kopf erzeugt werden, sofern die Arbeitsproduktivität der Migranten vergleichbar ist. Wie wir heute wissen, ist dies allerdings bei der Mehrzahl der derzeitigen Flüchtlinge in Europa nicht der Fall. Sinkt allerdings durch Zuwanderung das PKE unserer repräsentativen Familie, ist auch die Altersversorgung der beiden Rentnergenerationen weniger sicher.

Zentral für die Altersversorgung einer Gesellschaft ist auch der Kapitalexport: Kann die inländische Kindergeneration den erzielten Güterberg über die Bedürfnisse der eigenen Familie hinaus erhöhen, empfiehlt sich ein Exportüberschuss gegenüber dem Ausland. Anders gewendet: Solange Deutschland diesen hat und demgemäss netto Kapital exportiert, leidet die heimische Altersversorgung offensichtlich keine Not. Die inländische Familie wird ihre akkumulierten Ansprüche (sprich: das Nettoauslandsvermögen der Deutschen) gegenüber dem Ausland spätestens dann geltend machen, wenn das PKE der Vier-Generationen-Familie zu sinken droht.

Risikoreiche Schuldenschnitte innerhalb der Euro-Zone

Ist das Ausland nicht oder nur zum Teil in der Lage, die zur Tilgung erforderlichen Überschüsse an Gütern und Dienstleistungen zu erzeugen, so wird das inländische PKE darunter leiden. Mit anderen Worten: Denkbare Schuldenschnitte und/oder Abschreibungen von Target-Forderungen innerhalb der Euro-Zone werden die zukünftige deutsche Altersversorgung in mehr oder weniger grosse Schwierigkeiten bringen. Das ist auch der tiefere Grund dafür, warum sich der deutsche Finanzminister Schäuble so vehement gegen Schuldenschnitte zugunsten von Ländern wie Italien, Spanien oder Portugal sperrt.

Die heutige Ausgangslage zeigt im Umkehrschluss, wie sich eine alternde Gesellschaft, wie die deutsche, durch Kapitalexporte gegen die Gefährdungen der zukünftigen Alterssicherung zu „hedgen“ versucht.