KEYSTONE/Martin Ruetschi

Hersteller von Banknoten

Am Webstuhl des Geldes

von Thomas Fuster / 05.04.2016

Die Industrie zur Herstellung von Geldscheinen ist eine Industrie, die das Rampenlicht in aller Regel tunlichst meidet. Ein Einblick.

In der Branche der Banknotenhersteller gilt Verschwiegenheit als oberstes Gebot. Das musste vor zehn Jahren auch Chadwick Wasilenkoff erfahren. Im Gespräch bezeichnet sich der Gründer und Vorsitzende der kanadischen Fortress Paper zwar als erfahrener Investor. So habe er gegen 30 Firmen auf- und verkauft. Doch keine Transaktion sei ähnlich kompliziert und hürdenreich gewesen wie der 2006 erfolgte Erwerb der Papierfabrik Landqart im bündnerischen Landquart, eines Herstellers von Hochsicherheitspapieren wie Banknoten. Die Risikoprüfung habe weit länger gedauert als in anderen Industrien, und die Akteure seien extrem verschlossen aufgetreten. So sei es ihm beispielsweise verwehrt worden, an einer Branchenkonferenz teilzunehmen, um sich einen Überblick vom Sektor zu verschaffen.

Dreilagiges Papier

Am geheimnisvollen Getue der Branche hat sich seit dieser Transaktion, die letztlich doch noch über die Bühne ging, wenig geändert. Wasilenkoff spricht von einem „old boys club“. Zu diesem Klub erhalten Außenstehende nur schwer Zugang, und er besteht vor allem in Europa aus traditionsreichen Häusern, die teilweise auf eine Geschichte von 300 bis 400 Jahren zurückblicken. Die globale Produktion von jährlich rund 160.000 Tonnen Banknoten-Substraten wird dabei rund zur Hälfte durch staatliche Anbieter abgedeckt. Die andere Hälfte verteilt sich auf ein Oligopol von zirka sieben privaten Herstellern. Zu diesen Produzenten gehört auch Landqart, das seit 1979 alleiniger Hersteller des für Schweizer Banknoten verwendeten Papiers ist, jedoch nicht über einen Exklusivvertrag mit der Schweizerischen Nationalbank (SNB) verfügt.

Dieser Tage steht Landqart für einmal im Interesse einer etwas breiteren Schweizer Öffentlichkeit. Grund ist die am Mittwoch stattfindende Präsentation der neuen Fünfzigfrankennote, die dann ab dem 12. April in Umlauf gesetzt wird. Es ist die erste Note der neunten Banknotenserie. Die übrigen Notenwerte der Serie werden von der SNB mit einem Abstand von einem halben oder ganzen Jahr emittiert, ebenfalls mit Papier von Landqart. So groß bei den beteiligten Akteuren die Erleichterung über den nahenden Abschluss des bereits vor elf Jahren lancierten Projekts sein mag, so zahlreich waren die Rückschläge. Wiederholt musste die Emission der Geldscheine, die ursprünglich für 2010 geplant gewesen war, verschoben werden. Und wie es sich für die Branche gehört, blieben die genauen Gründe für die Verzögerung stets etwas im Dunkeln.

Offenkundig unterschätzt wurden jedoch die technischen Schwierigkeiten zur Herstellung der sichersten Banknote der Welt – so die Reputation des Frankens. Die neunte Serie enthält nicht nur diverse Sicherheitselemente, die derzeit noch nirgendwo im Einsatz sind. Das für den Geldschein verwendete Papier besteht auch erstmals aus drei Schichten, während herkömmliche Noten wie der Dollar oder der Euro aus einer einzigen Lage bestehen. Ähnlich einem Sandwich wird ein aus Polymer bestehender Kern oben und unten durch ein zu 100 Prozent aus Baumwollfasern bestehendes Substrat abgedeckt. Dies erlaubt, Farben und Sicherheitsmerkmale auf allen drei Ebenen unterschiedlich einzusetzen. Damit das Gesamtgewicht der Note aber ähnlich bleibt, müssen die einzelnen Schichten deutlich dünner und rund dreimal leichter sein. Um ganz exakt zu sein: Statt 110 g pro m² sind es in einer Schicht neu nur noch 35 g pro m².

Dieses von Landqart hergestellte Substrat, das sich bald in diversen Geldbeuteln ausbreiten dürfte, nennt sich Durasafe. Es kommt seit 2012 in Marokko und seit 2015 in Kasachstan zur Anwendung. Die SNB ist somit weltweit die dritte Notenbank, die Durasafe, bei dessen Entwicklung auch die ETH Zürich beteiligt war, anwendet. Indem man den Kunststoffteil der Note in den Mittelteil versteckt, bleibt laut dem Hersteller das haptische Gefühl, das bei reinen Polymer-Banknoten (etwa australischen Geldscheinen) gänzlich anders ist, ähnlich wie bei herkömmlichen Noten. Verstärkt wird hingegen die Langlebigkeit. Das wird deshalb immer wichtiger, weil Geldautomaten und Sortieranlagen, die weltweit eine immer rasantere Geschwindigkeit aufweisen, das Material von Banknoten arg strapazieren. Entsprechend häufiger als früher, als Banknoten in aller Regel nur von Hand zu Hand weitergereicht wurden, müssen Banknoten auch ausgetauscht und erneuert werden.

Pannenserie bei Orell Füssli

Wenn Durasafe schon 2012 marktreif war, warum kommt die darauf basierende Fünfzigfrankennote erst 2016 zur Anwendung? Zwar kann nicht ein einzelner Akteur hauptverantwortlich gemacht werden. Eine wichtige Mitschuld trifft aber den Orell-Füssli-Konzern (OF). Das zu einem Drittel im Besitz der SNB befindliche Unternehmen druckt die Schweizer Banknoten. Zwar lehnt OF eine Stellungnahme zum Thema ab. Aus dem Kreis früherer Mitarbeiter verlautet aber, dass bei der industriellen Applikation diverse Probleme auftraten. So gelang es zunächst nicht, mit dem neuen Substrat ein einheitliches Druckbild zu erzeugen; einige Noten waren zu hell, andere zu dunkel. Zudem kämpfte man mit starker Wellenbildung an den Schnittkanten. An eine industrielle Fertigung – also die Produktion von mehreren Millionen Banknoten pro Tag – war unter diesen Umständen lange Zeit nicht zu denken. So führten die welligen Papierbögen wiederholt zu Maschinenstopps.

Zu allem Überdruss rang OF in den vergangenen Jahren in der Division Sicherheitsdruck nicht nur mit operativen Sorgen. Im Herbst 2013 wurde auch publik, dass 1.800 halbfertige Tausendernoten aus dem Unternehmen gestohlen wurden, was ein schlechtes Licht auf die Sicherheitsvorkehrungen warf. Der Diebstahl absorbierte Managementkapazitäten, zwang zur Korrektur von Prozessen und war der Forcierung der neuen Banknoten nicht eben förderlich. Zwar hat OF seit der Panne die Zutrittsberechtigungen, die Rekrutierungspolitik und den Umgang mit halbfertigen Noten massiv verschärft. Die neue Banknotenserie dürfte in der Firmengeschichte dennoch kaum als Ruhmesblatt, sondern als eine mit viel öffentlicher Häme verbundene Leidensgeschichte Erwähnung finden – und dies in einer Branche, in der das Vermeiden von Schlagzeilen zum guten Ton gehört.