Brian Snyder/Reuters

USA im Wahlkampf

Amerika und der Feind im Innern

von Martin Lanz / 09.07.2016

Die US-Wirtschaft steht gut da. Millionen Amerikaner im besten Alter bleiben allerdings dem Arbeitsmarkt fern. Mit Protektionismus, wie von Donald Trump gefordert, bringt man diese nicht zurück.

Den USA geht es aus makroökonomischer Sicht gut. Die Arbeitslosenquote liegt seit Monaten bei 5 Prozent oder tiefer. Die Wirtschaft wächst seit der Überwindung der Finanzkrise ununterbrochen, wenn auch verhalten. Das Reinvermögen der Privathaushalte liegt bei rekordhohen 88 Billionen Dollar, dem Viereinhalbfachen der Wirtschaftsleistung (BIP). Die private Verschuldung hat sich von fast 100 Prozent des BIP bei Ausbruch der Krise auf 80 Prozent reduziert. Die Irrungen und Wirrungen rund um den Brexit verfolgt man zwar aufmerksam, mit einiger Wahrscheinlichkeit wird er der riesigen und vorwiegend binnenorientierten US-Wirtschaft aber nur wenig anhaben können. Dennoch scheint es zu gären in Amerika. Wie sonst sind der politische Aufstieg eines Donald Trump und die Empfänglichkeit für dessen protektionistische Positionen zu erklären? Der solide Datenkranz verdeckt, dass es in der amerikanischen Gesellschaft vielerorts brodelt und nicht alles zum Besten steht.

Gerade noch vor Italien

Die offizielle Arbeitslosenquote gibt nur einen Teil der am Arbeitsmarkt herrschenden Realität wieder. Denn offiziell als arbeitslos gilt nur, wer keine Anstellung hat, aber aktiv Arbeit sucht. Im Juni waren das 7,8 Millionen. Das ist absolut gesehen immer noch eine beunruhigend hohe Zahl. Sie verblasst aber angesichts der 15 Millionen, die um die Jahreswende 2009/10 arbeitslos waren. Setzt man die 7,8 Millionen ins Verhältnis zu den 159 Millionen Amerikanern, die einen Job haben oder einen Job suchen, erhält man die Arbeitslosenquote von 4,9 Prozent – ein Wert, den viele mit Vollbeschäftigung gleichsetzen und um den Europa die USA beneidet. Was die Arbeitslosenquote aber nicht erfasst, sind jene Amerikaner im Alter ab 16 Jahren, die nicht auf dem Arbeitsmarkt aktiv sind. Das sind derzeit sage und schreibe 94,5 Millionen Menschen. Viele davon sind pensioniert, stecken in einer Ausbildung oder gehen wegen familiärer Verpflichtungen keiner Arbeit außerhalb des Eigenheims nach. Viele haben somit gute Gründe, dem Arbeitsmarkt fernzubleiben. Und wenn Menschen, die es sich leisten können, den Müssiggang einer bezahlten Arbeit vorziehen, kann man das auch als Fortschritt sehen.

Trotz der robusten Konjunktur scheint es in den USA zu gären

Es gibt aber sehr zu denken, dass gerade in den USA, dem Land mit dem vermeintlich flexibelsten Arbeitsmarkt weltweit, auch immer mehr Männer im besten Alter dem Arbeitsmarkt fernbleiben. Unter den OECD-Ländern haben die USA die drittniedrigste Arbeitsmarktbeteiligung unter Männern zwischen 25 und 54 Jahren, nur knapp vor Israel mit seiner hohen Zahl nichterwerbstätiger jüdisch-orthodoxer Männer und dem maroden Italien. Allein unter den amerikanischen Männern, die eigentlich in der Blüte des Arbeitslebens stehen müssten, bleiben 7 Millionen dem Arbeitsmarkt fern. Zählt man die offiziell als arbeitslos geltenden 2,3 Millionen dazu, gibt es in den USA also über 9 Millionen „unproduktive“ Männer.

Viele haben gute Gründe, dem Arbeitsmarkt fernzubleiben

Es ist wichtig, die Gründe für die sinkende Erwerbsquote zu kennen. Nicht nur, weil dieses Heer von Inaktiven aus Marginalisierten und Unzufriedenen bestehen könnte, die einem Demagogen wie Donald Trump viel Zulauf bescheren und dessen leeren Versprechungenerliegen könnten. Trump behauptet, dass mit höheren Einfuhrzöllen oder „besseren“ Handelsabkommen Jobs in die USA zurückzuholen sind. Es ist für die US-Wirtschaft und die Gesellschaft auch ein grundsätzliches Problem, wenn ihre vermeintlich in der Blüte stehenden Mitglieder dem Arbeitsmarkt zunehmend fernbleiben.

Das Wohlstandspotenzial nimmt ab, wenn ein immer größerer Anteil der Bevölkerung sich auf die Wirtschaftsleistung einer kleineren Gruppe von Arbeitskräften verlässt. Die Ungleichheit nimmt zu, und der Verteilkampf intensiviert sich, während aufgrund der Alterung der Gesellschaft eigentlich schon genug Druck auf den Sozialwerken lastet. Das Fernbleiben vom Arbeitsmarkt, besonders wenn es unfreiwillig ist, hat auch negative soziale Folgen. Menschen, die keine Aufgabe haben, mit der sie sich identifizieren können, weisen ein höheres Krankheits- und Todesfallrisiko auf. Die Mortalität unter Menschen zwischen 25 und 54 Jahren hat in den USA zugenommen. Selbstmorde und Drogen-Überdosen sind eine wichtige Ursache.

Schädliche Stereotype

Oft genannte Gründe für das Fernbleiben vom Arbeitsmarkt sind ein größerer Appetit auf Aus- und Weiterbildung, zu großzügige Leistungen der Invalidenversicherung, mehr stubenhockende Ehemänner, die das Erwerbsleben der Partnerin überlassen, sowie der hohe Kriminalisierungsgrad der amerikanischen Gesellschaft. Diese Phänomene liefern aber nur eine teilweise Erklärung. Gerade die Frage, inwiefern die Invalidenversicherung zum Nichtstun motiviert, ist nicht nur in den USA höchst umstritten. Ein ernsthaftes Problem sind die vielen Amerikaner, die vorbestraft sind und deswegen Mühe haben, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Eindeutige Statistiken dazu gibt es nicht, aber die Tatsache, dass rund 2,2 Millionen Amerikaner hinter Gittern sind, die Hälfte davon Männer im Alter zwischen 25 und 54 Jahren, zeigt die mögliche Dimension des Problems auf. Die Inhaftierungsquote beträgt das Fünffache des OECD-Durchschnitts – Reform tut not.

Die Ungleichheit nimmt zu und der Verteilkampf intensiviert sich

Ausschlaggebend für die fallende Erwerbsbeteiligung dürften tiefgreifende Umwälzungen in der Wirtschaftsstruktur sein. Branchen, die traditionell von Männern im besten Alter dominiert waren, befinden sich wegen des technologischen Fortschritts auf dem Rückzug; vielleicht nicht in Bezug auf die Wertschöpfung, aber punkto Beschäftigung. 1954, als die Erwerbsquote bei den 25- bis 54-Jährigen den Höhepunkt von 98 Prozent erreichte, waren 40 Prozent aller Jobs in den USA im Industriesektor und im Baugewerbe. Heute, wo nur noch 88 Prozent auf dem Arbeitsmarkt aktiv sind, sind es 13 Prozent, mit sinkender Tendenz. Viele dieser Jobs, für die es in der Regel keine höhere Ausbildung braucht und die anständig bezahlt waren, sind rar geworden.

Die US-Wirtschaft schafft im Gegenzug immer mehr Stellen, die traditionell von Frauen besetzt waren, etwa im Gesundheits- und Sozialwesen, sowie in Fachdienstleistungen, die höhere Qualifikationen voraussetzen. Die weniger gebildeten Männer sind also mehrfach herausgefordert. Es überrascht nicht, dass von Männern zwischen 25 und 54 Jahren mit Highschool-Abschluss nur noch 83 Prozent am Arbeitsmarkt aktiv sind, während es bei jenen mit College-Abschluss 94 Prozent sind. Die Löhne der weniger Gebildeten betragen heute weniger als 60 Prozent der Löhne der besser Gebildeten, vor 40 Jahren waren es noch über 80 Prozent. Diese Entwicklungen haben nur wenig zu tun mit den von Trump heraufbeschworenen äußeren Feinden Freihandel und Immigration. Vielmehr lauert der Feind im Innern: Ungenügende Investitionen in die Bildung und überholte, nicht zuletzt von Machos wie Trump gepflegte Stereotype lassen zu viele Amerikaner ausgeschlossen bleiben.