Amerikas Börse boomt wie seit 2000 nicht mehr

von Christiane Hanna Henkel / 08.01.2015

2014 haben Unternehmen in den USA so viel Geld über die Börse eingesammelt wie seit 2000. Auch in diesem Jahr wird an den New Yorker Börsen wieder eine Vielzahl von Börsendebüts erwartet. Mit Gegenwinden muss jedoch gerechnet werden, berichtet NZZ-Korrespondentin Christiane Hanna Henkel aus New York.

Die Börsianer an der Wall Street gehen davon aus, dass sie mit Börsengängen in diesem Jahr mindestens so viel Glück haben werden wie im letzten Jahr. Und auch wenn sich das auf den ersten Blick nicht sehr optimistisch anhört, so wäre 2015 doch als gutes Jahr zu verbuchen, wenn per Ende des Jahres ungefähr so viele Unternehmen an den New Yorker Börsen ihr Debüt gegeben und so viel Geld dabei eingenommen hätten wie 2014. Das nämlich war eines der besten Jahre in der Wall-Street-Geschichte für IPOAls Initial Public Offerings, abgekürzt IPO, wird die erstmalige Ausgabe von Aktien auf dem Kapitalmarkt bezeichnet.: Laut dem Datenanbieter Dealogic debütierten 2014 an den New Yorker Börsen 288 Unternehmen und platzierten dort Aktien im Wert von 94,8 Milliarden Dollar: Weltweit erlösten IPO rund 260 Milliarden Dollar. Damit liegt das US-Volumen 55 Prozent über dem Vorjahr, und es ist das höchste Volumen und die höchste Zahl von IPO seit dem Jahr 2000, als 432 Firmen an die Börse gingen und dort 104 Mrd. Dollar erlösten (siehe Grafik).

Alibaba als Großereignis

Der IPO-Markt wurde dabei gleich von einer Reihe verschiedener Motoren angetrieben. Zum einen waren Anleger angesichts des Niedrigzinsumfeldes auf der Suche nach Rendite und somit bereit, verstärkt Risiken einzugehen. Zum andern fassten viele Marktteilnehmer mehr Vertrauen in den Wirtschaftsaufschwung in den USA. In diesem Umfeld wagten viele Jungfirmen den Schritt an die Börse, die seit der Finanzkrise und in den von Volatilität geprägten Jahren danach eine abwartende Haltung eingenommen hatten. Gemessen am Platzierungsvolumen führte der Technologiesektor mit großem Abstand. Schließlich profitierte Amerikas Markt für Börsenneulinge von dem Debüt eines Giganten: Der IPO des chinesischen Internetkonzerns Alibaba machte mit einem Volumen von 25 Mrd. Dollar fast einen Viertel des gesamten Jahresvolumens aus.

Im gerade angelaufenen Jahr dürften die recht guten Konjunkturaussichten weiterhin für einen steten Strom von Neuankömmlingen an den New Yorker Börsen sorgen. Laut einer Befragung durch BDO von 90 Investmentbankern dürften in diesem Jahr rund zwei Prozent mehr Firmen an die Börse gehen als 2014, und das Volumen dürfte auf dem Vorjahresniveau liegen. Die IPO-Pipeline ist auf jeden Fall weiterhin gefüllt. Viele Technologiefirmen wie das Transportunternehmen Uber werden für 2015 an der Wall Street erwartet. Biotechnologie ist weiterhin eine Branche, die wohl zahlreiche Börsendebütanten hervorbringen wird. Gegenwinde dürften auf dem Markt für Neufirmen aber durch das erwartete Anziehen der geldpolitischen Zügel in den USA wehen. Auch der Zerfall des Erdölpreises dürfte die IPO im Energiesektor bremsen.

Nur Profis profitieren

Wie erfolgreich waren nun die IPO im letzten Jahr aus der Sicht der Investoren? Das kommt ganz darauf an, ob sie zu den Glücklichen gehörten, die bereits zum Emissionspreis die Aktie erwerben konnten, oder zu denjenigen, die erst zum Schlusskurs des ersten Handelstages die Neulinge kaufen konnten. Erstere – überwiegend institutionelle Investoren – verbuchten 2014 im Durchschnitt eine Kurssteigerung von 19 Prozent, Letztere nur eine von sechs Prozent. Diese Zahlen liegen ungefähr im langjährigen Mittel und zeigen, dass die Börse noch weit von den Zeiten des New-Economy-Booms entfernt ist: Im Jahr 1998 etwa hatten sich Investoren, die sich Aktien zum Emissionspreis sichern konnten, über eine Kurssteigerung (bis Jahresende) von 33 Prozent freuen können.