AP/Michael Probst

Kritik an Geldpolitik

Analysten warnen vor Preisfixierung der EZB

von Andreas Uhlig / 17.05.2016

Angesichts der zweifelhaften Resultate sei es an der Zeit, dass die Notenbanken ihre Strategien überprüften, verlangen Kritiker immer lauter.

Die Kritik an den Notenbanken, speziell an der Europäischen Zentralbank (EZB) und ihrer Politik der Negativzinsen und Wertpapierkäufe, ist in letzter Zeit heftiger geworden, nicht zuletzt, weil das Ziel einer Inflation von gegen zwei Prozent sich nicht einstellen will. Auch lässt das Wirtschaftswachstum der Eurozone weiterhin zu wünschen übrig. So hat erst jetzt die Wirtschaftsleistung wieder den Stand von vor Ausbruch der Finanzkrise vor acht Jahren erreicht. Zudem mehren sich die Warnungen vor negativen Verteilungswirkungen der Notenbankpolitik.

Fatale Fixierung

Kritik kommt nicht nur aus politischen Kreisen, immer häufiger werden auch warnende Stimmen aus den Finanzmärkten laut. Die Volatilität der Finanzmärkte widerspiegle zunehmend den Verlust von Vertrauen in die Träger geldpolitischer Entscheidungen, meint Satyajit Das, ein Marktkommentator und früherer Banker.

Zu den Gründen dieses Vertrauensverlustes gehöre, dass die von den Notenbanken seit Ausbruch der Krise ergriffenen Maßnahmen in vielen Märkten nur eine künstliche Stabilität und eine Preisexplosion hervorgerufen hätten. Die Negativzinspolitik führe nicht zu einer kreditfinanzierten Erhöhung von Konsum und Investitionen, sei kein Auslöser für höhere Inflation und resultiere, wie Franken, Euro und Yen zeigten, nicht zwangsläufig in einer Schwächung der Währung. Die EZB erscheine zunehmend als impotent und habe versäumt, das Problem der schwachen Banken und der notleidenden Kredite (über 1,2 Billionen Euro) zu lösen. Sie und die anderen Notenbanken wären gut beraten, angesichts der zweifelhaften Resultate ihre Strategien zu überprüfen.

Von einer „fatalen Fixierung“ der Notenbanken auf Inflationsziele spricht Stephen Lewis von ADM Investor Services International. Früher hätten Notenbanken andere Richtlinien, wie das reibungslose Funktionieren des Bankensystems oder die Verwaltung der Staatsschulden, verfolgt. Die Inflationsrate sei als Orientierungsgröße in den 1970er Jahren immer weniger als brauchbar angesehen und dann durch die Geldmenge als intermediäres Ziel ersetzt worden.

Inflation bedeutet noch kein Wachstum

Nicht offenkundig sei, dass der Index der Konsumgüterpreise die geeignetste Zielgröße sei, nicht zuletzt wegen methodischer Probleme. Lewis weist auch auf unterschiedliche Definitionstiefen hin: Während der Begriff Inflation gemeinhin keine Annahme über die Wirtschaftsaktivität enthalte, gelte eine sinkende Nachfrage als essenzieller Teil der Deflation. Diese linguistische Konfusion führe zu einem potenziell schädlichen Missverständnis des wirtschaftlichen Geschehens: So könnten jetzt steigende Erdölpreise als Positivum gelten. Es ergebe keinen Sinn, für ohnehin nur geringe Änderungen des Preisindexes die Stabilität der Finanzmärkte zu gefährden.

In einem Interview mit Lars Schall von Matterhorn Asset Management äußert Peter Boockvar, Chefanalytiker der Lindsey Group, die Befürchtung, dass die Notenbanken vor allem ihre Politik der Negativzinsen zu weit trieben und damit buchstäblich ihre eigenen Bankensysteme und Bondmärkte zerstörten. Was, glaube EZB-Chef Mario Draghi, werde am Kapitalmarkt passieren, wenn es tatsächlich, wie er wünsche, so schnell wie möglich zu Inflation komme?

Stan Druckenmiller, der den Hedge-Fund Duquesne Capital gegründet, geführt und geschlossen hatte, wirft den Notenbanken eine Obsession mit kurzfristigen Stimuli vor, die rücksichtsloses Verhalten von Regierungen und Unternehmen förderten. Statt für produktive Investitionen verwendeten Firmen die billige Neuverschuldung für „financial engineering“ – mit dem Resultat, dass in den USA heute der Erhöhung des Bruttoinlandprodukts um einen Dollar eine Neuverschuldung von sieben Dollar gegenüberstehe.

Stete monetäre Straffung

Einen Erklärungsversuch für die trotz extrem lockerer Geldpolitik anhaltend deflationären Tendenzen unternimmt Lars Christensen, Vertreter des „Market Monetarism“ und früher Chefanalytiker der Dansk Bank. Seit 15 Jahren nehme die Umlaufgeschwindigkeit der Geldbasis der G-20-Länder (in Dollar) stetig ab. Dieser so signalisierten monetären Straffung könne nur durch zusätzliche Geldschöpfung begegnet werden.