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Aktienmarkt

Anleger müssen 2016 mit einer Achterbahnfahrt rechnen

Meinung / von Michael Rasch / 20.12.2015

In den USA hat die Notenbank die Zinswende eingeläutet. Damit wird dort das geldpolitische Umfeld restriktiver. Ungemach droht dem Aktienmarkt jedoch an mehreren Fronten. Anleger sollten sich auf hohe Volatilität einstellen.

Die Bescherung für Aktionäre fällt in diesem Jahr bescheiden aus. Im Leitmarkt USA liegen die führenden Indizes ungefähr auf dem Niveau von Anfang des Jahres; nur Technologiewerte entwickelten sich freundlicher. In Europa und Asien klaffen die Performances der Leitindizes verschiedener Länder zum Teil deutlich auseinander. Beispielsweise zwischen Italien (15 Prozent) und Japan (11 Prozent) auf der einen Seite sowie Großbritannien (–6 Prozent) und Hongkong (Hang-Seng-Index, –7 Prozent) auf der anderen Seite.

Viele weitere Märkte liegen dazwischen. Der Swiss-Market-Index notiert wegen der negativen Folgen des Franken-Schocks, also der Aufhebung des Euro-Franken-Mindestkurses durch die Schweizerische Nationalbank, mit zwei Prozent im Minus. Dazu kommt, dass für in Franken denkende globale Anleger, die das Währungsrisiko nicht abgesichert haben, die Performance vieler Aktienindizes tiefrot ist, wenn man einmal von Japan absieht. Das Aktienjahr 2015 dürfte kaum in guter Erinnerung bleiben – und es ist zu befürchten, dass das Jahr 2016 noch schwieriger und die Volatilität anhaltend hoch sein wird.

Gewinnrezession in den USA

Was im kommenden Jahr passieren wird, steht allerdings auch für die cleversten Auguren noch in den Sternen. Doch aufgrund von bestehenden Trends, dem sich daraus weiter entwickelnden Umfeld sowie der Analyse von gegenwärtigen Bewertungen im Vergleich mit historischen Durchschnittswerten lassen sich durchaus plausible Schlüsse für die kommenden Monate ziehen. Die wichtigsten Treiber für den Aktienmarkt sind das monetäre Umfeld und die Unternehmensgewinne, die wiederum stark vom Wirtschaftswachstum der verschiedenen Weltregionen abhängen.

Die monetäre Umgebung dürfte global zwar äußerst expansiv bleiben. In der Euro-Zone und in Japan liegt das Zinsniveau bei null, und die Notenpressen laufen weiter auf Hochtouren. Im Leitmarkt USA wird die Geldpolitik jedoch restriktiver, wenngleich von sehr expansivem Niveau aus. Die amerikanische Notenbank Federal Reserve hat am Mittwoch die Zinswende eingeleitet und erstmals seit fast zehn Jahren das Leitzinsniveau leicht erhöht. Aktienmärkte können sich zwar auch bei langsam steigenden Zinsen positiv entwickeln, wie die Geschichte gezeigt hat. Doch weil die Geldversorgung knapper wird, drücken steigende Zinsen tendenziell auf die Kurse. Die deutliche Erstarkung des Dollars wirkt für die USA ohnehin schon wie eine Zinserhöhung, und es ist noch nicht absehbar, wie weit sich das globale Auseinanderdriften der Geldpolitik noch auf die Wechselkurse auswirken wird.

Hinzu kommt die bestenfalls mittelmäßig laufende Wirtschaft in den Vereinigten Staaten, für die zahlreiche Frühindikatoren eine Verschlechterung erwarten lassen, ohne dass dies jedoch gleich zu einer Rezession führen muss. Außerdem stottert die Konjunktur in etlichen asiatischen Schwellenländern, und die Wirtschaft manchen Staates, etwa Brasiliens, steckt in einer tiefen Rezession. Einiges wird von einer Erholung – oder deren Ausbleiben – in China abhängen. Doch das Reich der Mitte bleibt selbst für viele Experten schwierig zu durchschauen. Und in Europa sind trotz positivem Trend keine gewaltigen Wachstumssprünge zu erwarten. Darüber hinaus setzen die steigenden Zinsen in den USA zahlreiche Schwellenländer unter Druck, ebenfalls eine restriktivere Geldpolitik zu betreiben, um einem drohenden Kapitalabfluss entgegenzuwirken. Das wird die Wirtschaftslage dort zusätzlich belasten. Dies alles wird sich letztlich in den Gewinnen der Unternehmen spiegeln. Die Konzerne in den USA stecken in ihrer Gesamtheit ohnehin bereits in einer Gewinnrezession, liegen die Jahresüberschüsse doch derzeit bereits rund 15 Prozent unter dem Höchstwert des Jahres 2014.

Darüber hinaus ist der Aktienmarkt in den USA, der weltweit zahlreichen Börsen die Richtung vorgibt, bereits sehr ansprechend bewertet und zeigt einige Überhitzungserscheinungen. So erreichten die Dividendenausschüttungen der amerikanischen Unternehmen im dritten Quartal einmal mehr einen Höchstwert, und auch die Gewinnmargen der Unternehmen sowie ihre Aktienrückkäufe liegen auf Rekordniveau. Das Gleiche gilt für die Spekulation auf Kredit, die lediglich Mitte 2015 höher war als derzeit. Das ist ebenfalls ein Zeichen für das Heißlaufen des Marktes.

Sowohl Unternehmen als auch Anleger wissen offenbar kaum noch, wohin mit dem billigen Geld. Eine der skurrilen Nebenwirkungen der ultraniedrigen Zinsen ist, dass sich Unternehmen am Kapitalmarkt verschulden, um damit Aktienrückkäufe und Dividendenausschüttungen zu finanzieren. Gemessen an den inflationsbereinigten mittleren Firmengewinnen der letzten zehn Jahre (10 KGV)Das Kurs-Gewinn-Verhätnis stellt die Marktkapitalisierung als Vielfaches des Unternehmensgewinns pro Aktie dar. Das KGV wird von Analytikern oft als Prognosewert beurteilt, ob eine Aktie über- oder unterbewertet ist. ist der amerikanische Aktienmarkt mit einem Wert von 24 historisch gesehen teuer. Das lässt für die nächsten zehn Jahre unterdurchschnittliche Renditen erwarten. Dies heißt jedoch nicht, dass der Markt nicht noch deutlich teurer werden kann. In der Vergangenheit sind schon Spitzenwerte von über 30 und sogar über 40 erreicht worden. Der europäische Markt ist mit einem KGV 10 von 15 zwar deutlich attraktiver bewertet, was ebenso für die japanische Börse gilt. Doch dürften die Kurse in Europa und Japan kaum übermäßig steigen, wenn die amerikanischen Aktienmärkte in die Knie gehen.

Zyklische und markttechnische Aspekte liefern unterschiedliche Indizien für die kommenden zwölf Monate. Einerseits waren Jahre, in denen in den USA ein neuer Präsident gewählt wird, wie dies am 8. November 2016 der Fall sein wird, historisch gesehen oft gute Börsenjahre. Dass jedoch der ungehobelte und vor allem unberechenbare Donald Trump als möglicher Nachfolger von Barack Obama außerhalb der USA bei Anlegern für Euphorie sorgen wird, darf bezweifelt werden.

Auch 2015 hätte als Vorwahljahr für den Aktienmarkt deutlich bessere Ergebnisse zeitigen sollen, als dies nun der Fall ist. Ferner wurden die Kurse an der Wall Street in den vergangenen Monaten vor allem von wenigen Unternehmen mit großer Marktkapitalisierung wie beispielsweise Apple getragen, während sich die große Mehrheit der Aktien unterdurchschnittlich entwickelte. Dieses Geschehen sowie die signifikante Schwäche der Transportwerte, die auf eine harzende Konjunktur hindeutet, erfüllen viele Anleger mit Sorge. Und mit 81 Monaten gehört der derzeitige Boom bereits zu den längsten der vergangenen 150 Jahre. Zudem dürfte die geopolitische Lage im kommenden Jahr erneut für den Aktienmarkt belastende Unwägbarkeiten bereithalten. Man denke an die schwelenden Konflikte in Syrien und dem ganzen Nahen Osten, in der Ukraine oder im Südchinesischen Meer sowie die anstehende Wahl in Spanien, die Schuldenkrise in Griechenland oder den Flüchtlingsstreit in Europa.

Riskante Nebenwirkungen

Die ultraexpansive Geldpolitik der vergangenen sechs Jahre mit Nullzinsniveau und auf Hochtouren laufenden Notenpressen hat viele Probleme lediglich zugedeckt, aber nicht gelöst. So nötig die Maßnahmen direkt nach der Finanzkrise waren, so unnötig erscheint doch die exzessive Geldschwemme. Die Nebenwirkungen des ausufernden Machbarkeitsglaubens, bereinigende Rezessionen dauerhaft verhindern zu können, werden immer deutlicher. Die Verschuldung von Staaten steigt immer weiter an. Und die extrem niedrigen Zinsen halten weltweit Zombie-Banken am Leben, die wiederum Zombie-Unternehmen stützen. Die ausbleibende Schumpetersche schöpferische Zerstörung lastet längst auf Investitionen und Produktivität. Doch irgendwann muss der Preis für die Party, also den Boom der vergangenen Jahre, bezahlt werden. Das wird sich auch auf den Aktienmarkt niederschlagen. Ob das bereits 2016 der Fall sein wird, weiß niemand. Für Aktien spricht weiterhin, dass Anleihen und Immobilien in vielen Ländern noch deutlich höher bewertet sind – und das neu in den Markt strömende Geld irgendwohin fließen muss. Wie heißt es so schön: „Optimismus ist die Fähigkeit, den blauen Himmel hinter den Wolken zu ahnen.“