Arbeitende Touristen in Australien: Ausgebeutet in den Ferien

von Patrick Zoll / 17.10.2016

Vor allem ländliche Gebiete Australiens sind auf Backpacker angewiesen, die ihr Reisebudget mit Gelegenheitsjobs aufbessern. Doch viele Arbeitgeber beuten die billigen Arbeitskräfte aus.

Das legendäre Pub im Outback von South Australia, die Champignon-Farm in Queensland oder die Bananenplantage in Westaustralien kommen ohne sie nicht aus: Unternehmen in ländlichen Gebieten Australiens sind auf junge Touristen angewiesen, die ihren Aufenthalt mit einfachen Jobs vor Ort finanzieren.

Gut 230.000 Visa für arbeitende Touristen stellte Australien unter dem Working-Holiday-Maker-Programm in den letzten fünf Jahren im Schnitt aus. Die Arbeitgeber erhalten so günstige Arbeitskräfte für temporäre Jobs, insbesondere für die Erntesaison in der Landwirtschaft. Die jungen Visa-Inhaber können etwas Geld verdienen, das Land bereisen und Englisch lernen.

Abhängigkeit bei Verlängerung

Um sich für ein solches Visum zu qualifizieren, muss man zwischen 18 und 30 Jahre alt sein und den Pass eines Landes besitzen, mit dem Australien ein entsprechendes Abkommen geschlossen hat. Gegenwärtig hat Canberra Abkommen mit rund vierzig Ländern für Visa der Klassen 417 oder 462. Die Grundidee der beiden Visa-Klassen ist gleich, doch es bestehen gewisse administrative Unterschiede.

Eine Besonderheit der 417-Visa ist, dass sie um ein zweites Jahr verlängert werden können, wenn der Inhaber im ersten Jahr während mindestens 88 Tagen in einem ländlichen Gebiet Nordaustraliens in der Landwirtschaft, auf dem Bau oder im Bergbau gearbeitet hat. 417-Visa machen 90% der Bewilligungen im Rahmen des Working-Holiday-Maker-Programms aus.

Eine Untersuchung des Fair Work Ombudsman hat ergeben, dass diese Regel für die Verlängerung des Visums ein Abhängigkeitsverhältnis schafft und Tür und Tor für Missbrauch öffnet. Um gemeldeten Problemen auf den Grund zu gehen, hat der Fair Work Ombudsman während zwei Jahren 4000 Working Holiday Maker befragt.

Das Resultat: 35% gaben an, dass sie weniger als den obligatorischen Minimallohn erhalten hatten. 14% mussten dafür bezahlen, dass sie eine entsprechende Stelle erhielten. In 6% der Fälle meldeten die Angestellten, dass die Arbeitgeber nur gegen Bezahlung eine Bestätigung für die geleistete Arbeit ausgestellt hatten. Ohne diese Bestätigung gibt es kein zweites Visum. Zwei Drittel der Befragten fühlten sich von ihren Arbeitgebern in irgendeiner Form ausgenutzt. Dennoch meldeten die meisten die Missbräuche nicht, weil sie um die begehrte Verlängerung fürchteten.

Gefährdete Asiaten

Besonders betroffen sind laut dem Bericht Angestellte aus asiatischen Ländern. Gut 56.000 417-Visa wurden im Fiskaljahr 2015/16 an Taiwaner, Südkoreaner und Japaner vergeben. Sie sprechen häufig schlecht Englisch. Daher kennten sie ihre Rechte kaum, schreibt der Ombudsman. Auch sind sie es weniger gewohnt, sich zu wehren. In einer Dokumentation der ABC vom letzten Jahr, die schlimme Missbräuche aufdeckte, ist ein Arbeitsvermittler zu hören, der sagt, dass er keine Europäer mehr anstelle. Diese machten zu viel Ärger, sprich: Sie wehren sich im Extremfall.

In Taiwan und in Südkorea beträgt der Minimallohn weniger als die Hälfte des australischen Mindestlohnes von $ 17.70. Viele Junge aus diesen Ländern kommen daher in erster Linie zum Geldverdienen nach Australien und nicht, um Ferien zu machen. Die Taiwaner machen die grösste Gruppe der 417-Visa-Inhaber aus, die ein zweites Jahr beantragen.

Die arbeitenden Rucksacktouristen seien für die Landwirtschaft in abgelegenen Gebieten unabdingbar, kommentiert Natalie James, die den Posten des Fair Work Ombudsman innehat: „Doch wenn wir das System nicht ändern, besteht die Gefahr, dass diese Arbeitnehmer auf dem Schwarzmarkt ausgebeutet werden.“

Auch aus der Industrie kommen Stimmen, die nach Veränderungen rufen. Der Vertreter einer regionalen Bauernvereinigung regte gegenüber dem nationalen Fernsehsender ABC an, dass die Vermittler von Working Holiday Makers lizenziert werden sollen. Viele Bauern rekrutieren ihre saisonalen Arbeitskräfte über Agenturen. Deren Geschäftspraktiken sind zum Teil dubios.

Die Anzahl der Visa-Anträge der Kategorie 417 stagniert seit Jahren, 2016 ging sie gegenüber dem Vorjahr um 8,5% zurück. Dazu beigetragen hat auch das Vorhaben der Regierung, die arbeitenden Rucksacktouristen ab dem ersten verdienten Dollar mit 32,5% zu besteuern. Die bisherige Untergrenze von 18 200 $ fällt weg. Auf Druck der Bauernlobby ist die Regierung allerdings zurückgekrebst, und der Steuersatz beträgt nun 19%. Doch die Unsicherheit genügte offenbar bereits, um einen Teil der interessierten Backpacker abzuschrecken.

Arbeitskräftemangel

Die Bauern befürchten, dass weitere Negativschlagzeilen zu einem weiteren Rückgang führen. Für einige Farmer wird der Mangel an saisonalen Arbeitskräften existenzbedrohend: Wenn sie zur Erntezeit nicht genügend Arbeiter finden, bleiben die Früchte an den Bäumen hängen, das Gemüse verrottet auf den Feldern. Den Bauern drohen dann massive Einbussen.

Einige Bauern greifen zu verzweifelten Massnahmen. Die Zeitung „NT News“ berichtete von den Problemen der Mango-Bauern im Northern Territory. 85% der Arbeitskräfte in der Landwirtschaft in der Region sind nach Angaben eines Branchenvertreters Backpacker. Weil diese gegenwärtig nicht in genügend grosser Zahl in den Nordwesten Australiens reisen, sind die Bauern nach Osttimor geflogen, um dort Arbeitskräfte anzuheuern.

Arbeiter aus armen Ländern der Region können unter einem anderen Programm als die Touristen als saisonale Kräfte ins Land geholt werden. Das lindert zwar den Mangel an Arbeitskräften für die Bauern. Das Problem des Missbrauchs bleibt bestehen – laut einem Bericht der ABC erhielten Arbeiter aus Fidschi und Tonga nach Abzügen für Unterkunft, Pensionskasse und die Fahrt zum Arbeitsplatz zum Teil gerade noch 60 $ pro Woche. In einem extremen Fall musste eine Arbeitnehmerin ihre Familie in Fidschi bitten, Geld zu schicken, damit sie ihren Lebensunterhalt bestreiten konnte. Geplant hatten all diese Arbeiter, ihre Familien zu Hause zu unterstützen. Das BIP pro Kopf ist in Australien fünfmal höher als in Fidschi.