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Auf dem Fusionsweg zum Börsenriesen

von Claudia Aebersold Szalay / 24.02.2016

Die Deutsche Börse nimmt einen neuen Anlauf für einen Zusammenschluss mit einem Konkurrenten. Nach dem gescheiterten Versuch 2012 mit der NYSE Euronext ist es jetzt die LSE. Die Vorzeichen dafür stehen besser, wie NZZ-Korrespondentin Claudia Aebersold Szalay analysiert.

In Europa bahnt sich eine Elefantenhochzeit unter Börsenbetreibern an. Am Dienstag haben die Deutsche Börse und die London Stock Exchange (LSE) bekanntgegeben, sich in Gesprächen über einen möglichen Zusammenschluss zu befinden.

Wer wird CEO?

Laut den beiden führenden europäischen Börsenbetreibern soll es ein Zusammenschluss unter Gleichen sein, obwohl die Deutsche Börse punkto Marktkapitalisierung deutlich mehr Gewicht auf die Waage bringt als die Engländer. Die Fusion soll über einen Aktientausch vollzogen werden, bei dem das Gemeinschaftsunternehmen eine neu zu gründende Holdinggesellschaft wäre, deren Sitz noch offen ist. Am neuen Unternehmen sollen die Aktionäre der Deutschen Börse einen Anteil von 54,4 Prozent halten und die Eigentümer der LSE einen solchen von 45,6 Prozent. Die neue Eigentümerstruktur kommt zustande, indem den Deutsche-Börse-Anteilseignern für jede Aktie eine Aktie der neuen Gesellschaft geboten wird und die LSE-Aktionäre für jede Aktie 0,4421 neue Aktien erhalten.

Der Verwaltungsrat der neuen Gesellschaft würde zu gleichen Teilen aus Mitgliedern beider Fusionspartner bestehen. Über die Zusammensetzung des operativen Leitungsgremiums wurde noch nichts bekanntgegeben. Angesichts der angestrebten Aktionärsstruktur würde es aber nicht verwundern, wenn die Deutsche Börse den CEO stellen würde. Somit würde wohl Carsten Kengeter zum Zug kommen, der noch nicht einmal ein ganzes Jahr an der Spitze des deutschen Börsenbetreibers steht.

In schriftlichen Stellungnahmen zeigten sich die beiden Unternehmen überzeugt, durch den Zusammenschluss zum führenden europäischen Anbieter von globaler Marktinfrastruktur zu werden. Tatsächlich rücken die beiden Börsenbetreiber durch eine Fusion in die erste Liga der global tätigen Börsen auf. Zusammen hätten sie einen Börsenwert von rund 28 Milliarden Dollar und schlössen somit punkto Größe zu den drei global führenden Betreibern, den beiden amerikanischen Konkurrenten CME und Intercontinental Exchange sowie dem größten Wettbewerber in Asien, der Hong Kong Exchanges, auf. Dank dem Zusammenschluss, den die beiden Betreiber auch als Zusammenrücken der Finanzplätze London und Frankfurt verstehen, wollen die beiden Unternehmen mehr Wachstum generieren und erhebliche Umsatz- und Kostensynergien ausschöpfen, was letztlich auch den Aktionären zugutekommen soll.

Auch für ihre Kunden birgt laut den beiden Gesellschaften ihre „Heirat“ große Vorteile. Zusammen seien sie in der Lage, ihren Kunden weltumspannend den vollen Service zu bieten, ließen sie wissen. Dabei hoben sie besonders den Umstand hervor, dass es künftig für die Kunden möglich sein sollte, beim Clearing von börsennotierten und außerbörslich gehandelten Titeln Sicherheiten zu poolen (Cross-Margining).

Wettbewerbsbehörde im Blick

Die bisherigen Marken der beiden Gesellschaften, darunter bekannte Brands wie LCH.Clearnet oder Clearstream, sollen unverändert fortgeführt werden. Die formelle Ankündigung des Zusammenschlusses soll erfolgen, sobald die gegenseitige Prüfung der Bücher (Due Diligence) zur Zufriedenheit beider Parteien abgeschlossen ist und sämtliche Führungsgremien beider Gesellschaften der Fusion zugestimmt haben. Ebenfalls benötigt die Transaktion noch den Segen der Regulatoren sowie der Wettbewerbsbehörden. Letzteres ist ein besonders wichtiger Punkt, denn die Deutsche Börse hat vor wenigen Jahren schlechte Erfahrungen mit der europäischen Wettbewerbsbehörde gemacht.


Credits: Bloomberg, Börsenbetreiber

Im Jahr 2012 hatte die EU-Kommission einen Zusammenschluss der Deutschen Börse mit der amerikanischen Konkurrentin NYSE Euronext untersagt. Die Behörde war damals zum Schluss gekommen, dass die beiden heiratswilligen Unternehmen im Bereich des Derivatehandels durch den Zusammenschluss eine zu große Marktmacht erhalten hätten.


Credits: Bloomberg, Börsenbetreiber

Die Deutsche Börse hatte dies stets bestritten mit dem Verweis auf den sehr großen außerbörslichen Handel mit Derivaten, der die Marktposition der beiden Börsenbetreiber in diesem Bereich wieder relativiert hätte. Bei der Kommission war sie damit aber auf taube Ohren gestoßen, weshalb ihr nichts anderes übrig geblieben war, als die Kröte zu schlucken. Kurz darauf war die NYSE Euronext dann von der amerikanischen Intercontinental Exchange übernommen worden, was deren Marktposition wiederum stark verbessert hatte.

Applaus von der Börse

Freude bereitete die Bekanntgabe der Fusionsgespräche am Dienstag schon einmal den Aktionären der beiden Börsenbetreiber: Die Titel der Deutschen Börse verteuerten sich bis zum Handelsschluss um 3,2 Prozent und jene der LSE sogar um 13,7 Prozent. Der Markt scheint die Entstehung eines europäischen Börsengiganten demnach mehr als gutzuheißen.