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Aufstieg und Fall des großen Wien

von Leopold Stefan / 10.08.2016

Das wirtschaftliche Schicksal Österreichs und der benachbarten Regionen Osteuropas waren seit Jahrhunderten eng verbunden. Von dieser Dynamik haben Österreichs Nachbarländer seit ihrem EU-Beitritt relativ stärker profitiert, wie die Entwicklung der urbanen Wirtschaftsleistung zeigt. Österreichs Firmen haben dem eigenen Standort zugunsten der aufstrebenden neuen Mitgliedstaaten den Rücken gekehrt. 

Seit Wien im frühen 17. Jahrhundert von den Habsburgern endgültig zur Residenzstadt auserkoren wurde, besteht eine unterschwellige Konkurrenz zu den Hauptstädten der östlichen Nachbarländer. Während der Zeit des effizienten Wohlstandsvertilgers Kommunismus gerieten die Städte des Ostblocks gegenüber der Donaumetropole weiter ins Hintertreffen. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs stand dem wirtschaftlichen Aufschwung nichts mehr im Weg. Die EU-Erweiterung 2004 ebnete das ökonomische Spielfeld zwischen Wien und den Städten im ehemaligen Ostblock endgültig.

Nach vier Jahrhunderten institutioneller Benachteiligung, aber weniger als ein Jahr nach der Osterweiterung überholte Prag die österreichische Hauptstadt gemessen an der kaufkraftbereinigten Wirtschaftsleistung pro Kopf. Kurz darauf erwirtschafteten auch die Bewohner Warschaus und Bratislavas pro Einwohner mehr als die Wiener. In absoluten Eurobeträgen liegt Wien freilich noch deutlich vorne. Und ein übermäßig hoher Anteil der in urbanen Räumen erbrachten Wirtschaftsleistung fließt in Unternehmensprofite. Dennoch ist das kaufkraftbereinigte Bruttosozialprodukt pro Kopf ein guter Indikator, wie viel greifbarer Wohlstand von den Bewohnern generiert wird. Demnach kann sich ein Warschauer statistisch um 17 Prozent mehr Kaffee bei Starbucks und Burger bei McDonalds kaufen, als ein Wiener bei sich zu Hause.

Der rasante ökonomische Aufstieg in Osteuropa und das Hintertreffen Wiens sind jedoch eng verflochten, wie Dalia Marin, Ökonomin an der LMU München, beschreibt. Eine Welle an Auslandsinvestoren, allen voran österreichische Firmen, nutzten das Potenzial, das in den jungen und im Vergleich zu den Lohnkosten gut ausgebildeten Bevölkerungen der neuen Mitgliedsländer steckt. Allerdings haben österreichische Unternehmen wie keine anderen ihre Innovationstätigkeiten in den Osten verlegt. Andere Auslandsinvestoren behielten Forschung und Entwicklung meist am Standort der Mutterkonzerne. Die positiven Nebeneffekte von der hohen Wertschöpfungstätigkeit beflügelten Innovationen vor Ort und hielten viele hoch qualifizierte Arbeitskräfte in den Ostmetropolen.

Laut Marin hat die Entwicklung in Osteuropa aber eine Kehrseite für Österreich: Die heimische wirtschaftliche Dynamik ist im EU-Vergleich abgeflaut. Im vergangenen Jahr sind in der EU nur Griechenland und Finnland langsamer gewachsen als Österreich. Letztlich haben zwar heimische Unternehmen von der Osterweiterung profitiert, aber auf Investitionen im hiesigen Standtort haben viele lieber verzichtet. Die guten Leute gibt es eben woanders – und billiger. Eine These, die nicht von der Hand zu weisen ist.