Ausgerutscht?! Was nach dem Fall des Ölpreises kommt

von Lukas Sustala / 18.05.2015

In der martialischen Welt des Wirtschaftsjournalismus darf er natürlich nicht fehlen: Neben dem Währungskrieg liest man schon von einem Ölkrieg, bei dem nach wie vor nicht klar ist, welche Kriegspartei ihn denn gewinne.

Im Kern geht es natürlich um die Auseinandersetzung zwischen Saudi Arabien auf der einen und den USA auf der anderen Seite. Saudi Arabien nutzte sein Gewicht im Zirkel der ölexportierenden Länder (OPEC), um beim Gipfel im November die interessante Strategie zu verfolgen, die Förderquoten des Ölkartells nicht zu reduzieren, obwohl der Preis bereits kräftig gesunken war. Damit wollte das arabische Land die neuen Ölanbieter aus den USA massiv unter Druck setzen und die eigene Position auf dem Ölmarkt stärken.

Was auf dem Ölmarkt passiert ist

Der Zustand des Ölmarktes lässt sich natürlich von zwei Seiten her analysieren: Angebot und Nachfrage. Auf der Nachfrageseite hat sich eigentlich recht wenig getan. Klar ist, dass die Weltwirtschaft weiter mit rund 3,5 Prozent pro Jahr wächst, deutlich langsamer als in den Boomjahren, aber auch nicht unbedingt mit kräftig angezogener Handbremse.

Die meiste Action hingegen spielt sich auf der Angebotsseite ab. Die Förderung von Schieferöl in den USA hat das Erdölangebot in den vergangenen Jahren kräftig ansteigen lassen:

Woher kam das „überraschende“ Ölangebot? Aus den USA
Woher kam das „überraschende“ Ölangebot? Aus den USA

Fracking habe die Gesetze auf dem Ölmarkt völlig neu geschrieben, sagen die einen und erwarteten nur noch Ölpreise um die 40 Dollar pro Fass.

Die Revolution, abgesagt?

Robin Batchelor teilt die Euphorie nicht. Wenn er über Fracking und Schieferöl spricht, betont er seine Skepsis. Wenn er Shale sagt, leuchten ihm nicht die Augen, weil er an die Explosion der US-Produktion von Öl denkt. „Shale ist nicht die massive Veränderung, als die es weithin dargestellt wird. Ich will die Rolle von Schieferöl nicht kleiner machen als sie ist, aber der Ölpreis übertreibt bei großen Preisbewegungen nach oben und nach unten immer wieder.“ Batchelor verwaltet bei Blackrock, der größten Fondsgesellschaft der Welt und dem wohl wichtigsten Aktionär vieler Ölunternehmen, die Energieportfolios.

Der studierte Geologe verweist etwa auf den Produktionsverlauf beim Fracking. Innerhalb von zwei Jahren sind Fracking-Vorkommen schon wieder nahezu aufgebraucht (siehe Grafik). Die Produzenten müssen daher ständig nach neuen Vorkommen suchen und kräftig investieren. „Die drei besten Förderstellen sind bereits entdeckt. Es ist daher wohl nur wahrscheinlich, dass die Euphorie bezüglich Schieferöl auch wieder abebben wird.“ Zwar gebe es nach wie vor Raum für weitere Überraschungen für das weltweite Ölangebot, etwa wenn andere Regionen der Welt auf den Fracking-Zug aufspringen würden, aber das sei angesichts der deutlich strengeren Umweltregulierungen und schwierigeren Finanzierungssituationen nicht so wahrscheinlich, glaubt Batchelor.

Denn in den USA ist der Schiefer-Boom vor allem auch dank der günstigen Finanzierungskonditionen so weit gelaufen. Shale-Produzenten haben sich auf dem liquiden Markt für Hochzinsanleihen mit günstigen Schulden versorgt. Die könnten dem Sektor demnächst wieder auf den Kopf fallen.

In den USA ist der extrem starke Rückgang des Ölpreises nicht ohne Folgen geblieben. Besonders sichtbar ist der Effekt anhang der folgenden Entwicklung. Die Anzahl der aktiven Bohrgeräten (Rotary Rigs, gemessen vom Öldienstleister Baker Hughes) in den USA ist innerhalb weniger Monaten dramatisch gefallen. Heute sind nur noch 888 Rigs aktiv, vor einem Jahr waren es noch mehr als doppelt so viele. Die extrem schnelle Reaktion zeigt, dass es besonders die Produzenten von Schieferöl trifft. Jene Ölunternehmen, die mithilfe neuer Fracking-Methoden an kleinere Ölvorkommen kommen und diese zu relativ hohen Kosten zutage fördern, stellen angesichts der gefallenen Preise die neue Förderung ein.

Die Ölproduzenten in den USA haben schnell reagiert
Die Ölproduzenten in den USA haben schnell reagiert

Das ist wohl das ultimative Anzeichen für den Schweinezyklus auf dem Ölmarkt. Batchelor zitiert eine alte Weisheit vom Rohstoffmarkt: „Niedrige Preise sind das Heilmittel gegen niedrige Preise und hohe Preise sind das Heilmittel gegen hohe Preise.“ Denn die niedrigen Preise haben vor allem eine Folge. Unternehmen investieren nicht – oder kaum – mehr in neue Produktion.

Investitionsstopp (& Go?)

Ölkonzerne haben insgesamt Investitionsvorhaben im Wert von mehr als 100 Milliarden Dollar auf Eis gelegt. Der Ölmulti Shell sucht nach dem kräftigen Preisrückgang in einem Sparprogramm und einer großen Übernahme sein Heil. Auch der heimische Ölkonzern OMV wird mit Sparen auf den Kampf auf dem Ölmarkt reagieren. Denn der Ölpreiscrash hat dem größten Unternehmen Österreichs im ersten Quartal ein Umsatzminus von 41 Prozent beschert. Sparen, sparen, sparen, lautet die Devise, die auch die Zulieferer der Ölindustrie treffen.

Die Konsumenten können sich in dieser Welt des Ölkonflikts um Marktanteile hingegen relativ wohl fühlen, auch wenn der schwache Euro den Rückgang des Ölpreises ein wenig abfedert. Vorerst aber sind die starken Rückgänge bei dem wohl wichtigsten Rohstoffpreis vorbei. In den vergangenen zwei Monaten ist es beim Ölpreis wieder etwas nach oben gegangen. Beim Treffen der OPEC im Juni dürften aber wesentliche Weichen gestellt werden, ob der Preis weiter deutlich unter 70 Dollar bleibt und damit knapp 40 Prozent unter dem Stand von 2014.