Begeht die EZB einen 1.140-Milliarden-Euro-Fehler?

von Lukas Sustala / 05.02.2015

Der Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB), Ewald Nowotny, kritisiert die Anleihenkäufe der EZB als verfrüht. Könnte die Inflation gar bald wieder steigen?

OeNB-Gouverneur Ewald Nowotny ist nicht zufrieden mit der Anti-Krisenpolitik der Europäischen Zentralbank. Die EZB habe ihr letztes Pulver verfrüht verschossen, kritisiert er im Interview mit NZZ Österreich. „Ich habe und hatte Bedenken, die ich mit anderen Kollegen teile“, sagt Nowotny zu dem Anleihenkaufprogramm (Quantitative Easing, QE), das die Märkte insgesamt mit 1.140 Milliarden Euro fluten soll.

EZBBIlanzFeb2015
EZBBIlanzFeb2015

Die EZB könne etwa noch gar nicht sagen, ob ihre zielgerichteten langfristigen Refinanzierungslinien (TLTRODie zielgerichteten Kredite bieten Banken vier Jahre lang billige Finanzierung, mit dem Ziel, dass sie selbst wieder Kredite vergeben.)  und der Ankauf von ABSForderungsbesicherte Wertpapiere, Asset-backed Securities.-Papieren funktionieren. „Ich hätte es für sinnvoll gehalten, einmal die Wirkung dieser Maßnahmen abzuwarten.“

Ewald Nowotny (rechts) hält die jüngste Entscheidung des EZB-Rats unter Präsident Mario Draghi, Staatsanleihen im großen Stil zu kaufen, für übereilt.

Begründet wurde und wird die Maßnahme mit der extrem niedrigen Inflationsrate. Die EZB hat vor allem eine Aufgabe: Die Teuerung soll bei „nahe, aber unter zwei Prozent“ bleiben. Tatsächlich ist die Inflation extrem niedrig, sie ist für die Eurozone sogar zuletzt negativ gewesen. Aber eine wirkliche Gefahr einer DeflationEin nachhaltig fallendes Preisniveau, das die Rückzahlung von Schulden erschwert und eine schwere Wirtschaftskrise nach sich zieht sieht Nowotny nicht.

Die negativen Inflationsraten seien „in erheblichem Ausmaß durch Sonderfaktoren zustande“ gekommen. Es sei für die EZB daher wichtiger, die Kerninflationsrate im Blick zu haben. Die sei in den vergangenen Monaten deutlich stabiler geblieben.

Die Inflation: im zweiten Halbjahr höher

Daher dürfte die Teuerung in der Eurozone im zweiten Halbjahr auch wieder merklich anziehen: „Es ist nicht anzunehmen, dass sich die Entwicklung des Ölpreises noch einmal wiederholt, daher wird sich in der zweiten Jahreshälfte auch der dämpfende Basiseffekt bei der Inflation reduzieren.“ Anders ausgedrückt: Die derzeit für Ökonomen angsteinflößend niedrige Teuerungsrate wird wieder steigen.

Doch die Hoffnung, dass die Geldpolitik die Eurozone in eine ähnliche ökonomische Ekstase wie die USA versetzt – mit höherem Wachstum und niedrigerer Arbeitslosigkeit – könnte sich zerstreuen. Denn in den USA wirke QE stärker, weil dort die Unternehmensfinanzierung deutlich mehr über den Kapitalmarkt laufe. Daher appelliert Nowotny, nicht auf die Fiskal- und die Strukturpolitik zu vergessen. „Die Eurozone muss wirklich aufpassen, dass nicht die gesamte Last der Wirtschaftsbelebung auf der Geldpolitik lastet.“

Griechenland: Regeln, keine Politik

Den jüngsten Schritt der EZB, griechische Staatsanleihen nicht mehr als Sicherheiten zu akzeptieren, verteidigt Nowotny: „Es ist nicht so, dass die EZB Griechenland speziell sanktioniert. Sie folgt einfach ihren Regeln.“ Die EZB habe gar nicht anders agieren können, als die Ausnahmeregelung für griechische Anleihen aufzuheben, die trotz ihres Ramsch-Ratings als Sicherheit bei der EZB gegolten haben.