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Analyse

Baldrian aus Peking

von Matthias Müller / 14.03.2016

Hatte Chinas Notenbankgouverneur bisher die Öffentlichkeit nolens volens gemieden, wandte er sich am Wochenende bereits zum dritten Mal innerhalb weniger Wochen an dieselbe. Die Kommunikation zeigt Wirkung. NZZ-Korrespondent Matthias Müller analysiert die Versuche der chinesischen Zentralbank, Vertrauen in die Wirtschaftspolitik zu schaffen.

Chinas Notenbankchef Zhou Xiaochuan sieht keinen Anlass, den eingeschlagenen geldpolitischen Pfad zu verlassen. Falls es keine unerwarteten Turbulenzen gebe, werde die People’s Bank of China (PBoC) an der neutralen Geldpolitik festhalten, sagte der 68-Jährige.

Wirtschaft legt zu

Zhou, der innerhalb weniger Wochen mit einem in der Finanz-Zeitschrift Caixin veröffentlichten Interview sowie zwei Medienkonferenzen für chinesische Verhältnisse ein wahres Transparenz-Feuerwerk abgebrannt hatte, versicherte zudem, dass sein Land kein Interesse an einem schwachen Yuan habe. Obwohl laut Zhou die chinesische Währung in den vergangenen Jahren gegenüber den meisten Handelspartnern an Wert gewonnen hat, ist es den chinesischen Exporteuren trotzdem gelungen, im Welthandel Marktanteile hinzuzugewinnen. Zudem werde die Binnenwirtschaft im Gegensatz zum Außenhandel immer wichtiger. Vor diesem Hintergrund besteht für China kein Anlass, mit einer schwachen Währung der heimischen Wirtschaft Auftrieb zu geben.

Und es zeichnet sich ab, dass die chinesische Wirtschaft Tritt fasst. Erstmals seit einem halben Jahr legten die Immobilien-Investitionen im Januar und Februar mit drei Prozent wieder zu; und auch der Ausbau der Infrastruktur geht voran: In den beiden ersten Monaten dieses Jahres erhöhten sich die Investitionen in diesem Bereich um 15,7 Prozent gegenüber der Vorjahresperiode.

Auch für die Verlangsamung der Kapitalabflüsse aus China im Februar hatte Zhou eine Erklärung. In den vergangenen Wochen hätten die Diskussionen über das schwächere chinesische Wachstum und die ultralockere Geldpolitik in Japan sowie in der Euro-Zone zu weltweiten Turbulenzen an den Finanzmärkten geführt. Nun orientierten sich die Investoren wieder stärker an langfristigen Fundamentalfaktoren, was für eine im Außenwert stabile chinesische Währung spreche und zu geringeren Kapitalabflüssen führe, sagte Zhou. Der Yuan legte gegenüber dem Dollar seit Februar denn auch zu. Dieser Umstand dürfte auch der Kommunikations-Offensive Zhous geschuldet sein.

Am Wochenende trat auch der neue Chef der Börsenaufsichtsbehörde, Liu Shiyu, vor die Medien. Der 55-Jährige, der noch keinen Monat im Amt ist, versicherte, der zu Beginn dieses Jahres zunächst implementierte und dann wieder ausgesetzte „Circuit Breaker“ werde in den kommenden Jahren nicht wieder aktiviert; es sei denn, die Struktur der Investoren verändere sich grundlegend. Das Instrument hatte eine kurze Lebensdauer, da es zweimal dazu führte, dass der Börsenhandel in Shanghai und Shenzhen vorzeitig beendet wurde. Es sah vor, dass bei positiven oder negativen Ausschlägen des CSI-300-Indexes von 5 Prozent der Handel zunächst für fünfzehn Minuten ausgesetzt werden sollte, damit die Händler sich wieder beruhigen konnten. Allerdings bewirkte der „Circuit Breaker“ das Gegenteil. An zwei Tagen dauerte es jeweils nur wenige Minuten, bis der Index nach der Pause die nächste Schwelle von –7 Prozent erreichte, wodurch der Handel automatisch sistiert wurde.

Chinas Aktionäre als Herde

Liu führte die Turbulenzen darauf zurück, dass sich an Chinas Börsen vor allem Kleinaktionäre tummeln, welche die fünfzehnminütige Pause nicht dazu nutzten, um in sich zu gehen. Stattdessen verkauften anschließend alle Tiere einer verunsicherten Herde gleich ihre Aktien und verstärkten so das Chaos. Man habe zu wenig über die Struktur der Investoren gewusst, sagte Liu. Dieses Bekenntnis ist ein Armutszeugnis. Es ist ein offenes Geheimnis, dass sich an Chinas Börsen vor allem Kleinaktionäre austoben. Das hätten selbst die Börsenaufseher wissen können.


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