REUTERS/Athit Perawongmetha

Technologischer Wandel im Finanzsektor

Banken legen Blockchain in Ketten

von Gerald Hosp / 29.07.2016

Blockchain ist kein Orchideenthema mehr. Viele Finanzinstitute experimentieren bereits mit der Technologie. Dabei geht auch der ursprüngliche Reiz verloren. Praktische Probleme werden sichtbar.

Wenn nichts Geringeres als die Revolution des Finanzsektors angekündigt wird, möchte jeder in der Branche dabei sein. Die britische Zentralbank ist hier keine Ausnahme. In einer Rede erklärte jüngst Mark Carney, der Gouverneur der Bank of England, wie sich die Notenbank dem Phänomen neuer Finanztechnologien (Fintech) stellen will. Die Worte Carneys stiessen auf ein grosses Echo. Dies ist auch kein Wunder, denn Carney will den Zugang zu Notenbankgeld für Anbieter von Zahlungssystemen wie Paypal oder Apple-Pay öffnen. Diese können dann am nationalen Zahlungssystem direkt teilnehmen und wären nicht mehr auf Mittlerbanken angewiesen.

Die Bank of England mischt mit

Zudem will die Notenbank mithilfe eines Förderprogramms für Fintech-Jungfirmen die neuen Möglichkeiten für das eigene Tun ausloten. Dabei sollen die Projekte und Unternehmen, die ausgewählt werden, die Notenbank als Referenzkunde angeben dürfen. Die altehrwürdige Bank of England springt auch auf den neuesten Hype an: Blockchain. Die Technologie, die hinter der Kryptowährung Bitcoin steht, soll daraufhin abgeklopft werden, ob und wie sie für die Zentralbank nutzbar gemacht werden könnte. Die Überlegungen gehen hin bis zu digitalem Notenbankgeld.

Damit adelt die Zentralbank die Diskussion um Blockchain. Diese pendelt zwischen Heilsbotschaften zur Demokratisierung des Finanzsektors und der Apostrophierung als reines Modethema. In der Finanzbranche hat sich aber eine kritische Masse an Interesse und Investitionen gebildet. Laut einer Studie von Oliver Wyman und JP Morgan haben die Investitionen in Blockchain-Startups bereits rund 300 Mio. $ erreicht, davon allein 175 Mio. $ in der ersten Hälfte des laufenden Jahres. Was aber wichtiger ist: Immer mehr etablierte Finanzinstitute springen auf den Zug auf. Dabei ist es für die Begeisterung hilfreich, dass oft ein Zeitraum von bis zu fünf Jahren angegeben wird, in dem es zu einem Durchbruch bei der Anwendung der Technologie kommen soll. Dies ist weit genug weg, um wenig konkret werden zu müssen, aber ausreichend nah, um das Interesse am Köcheln zu halten. Der australische Börsenbetreiber ASX will in Kürze eine Blockchain-Lösung für Nachhandels-Prozesse einführen.

Am Anfang der Entwicklung stand 2009 die digitale Währung Bitcoin. Während die Geldeinheit selbst in Misskredit geriet, ist die dahinter liegende Blockchain-Technologie in aller Munde. Dabei handelt es sich, grob gesagt, um eine digitale und dezentralisierte Datenbank, die eine ständig wachsende Zahl von Datensätzen wie eine Kette fortführt und verwaltet. Die Informationen werden zur gleichen Zeit auf unterschiedlichen Rechnern dezentral abgelegt. Dadurch wird eine schnelle Transaktion gewährleistet, die nur äusserst schwer manipuliert werden kann. Es gibt kein zentrales Register. Mittelsmänner werden mit der Blockchain-Technologie ausgeschaltet. Vertrauen entsteht aus dem Prozess heraus.

Die Theorie lautet: In der Finanzbranche gibt es viele Mittelsmänner, die durch die neue Technologie überflüssig werden könnten. Durch eine Revolution zentraler Bereiche der Finanzinfrastruktur sollten Finanzdienstleistungen günstiger und schneller werden. Börsen, zentrale Gegenparteien zur Abwicklung von Wertpapiertransaktionen, mehrstufige Zahlungssysteme, Depotbanken, Broker, aber auch Geschäftsbanken könnten obsolet werden.

Aufstand der Mittelsmänner

Gleichzeitig ist zu beobachten, dass gerade die gefährdeten Mittelsmänner sich intensiv mit Blockchain auseinandersetzen. Laut der Investmentbank Morgan Stanley ist die neue Technologie für die Institute eine Möglichkeit, Prozesse effizienter und kostengünstiger zu gestalten. Schon allein die schnellere Abwicklung von Wertpapiergeschäften würde es Banken ermöglichen, Kapital effizienter einzusetzen und Risiken zu reduzieren. Dabei könnten aber Einnahmen wegfallen und neue Konkurrenten auftreten.

Simon Taylor, ein Berater, der früher bei der Grossbank Barclays Fintech-Beauftragter war, sagte an der Fintech-Week in London, dass zunächst nicht Banken, sondern Funktionen abgeschafft werden. Der Schwerpunkt liege auf Verbesserungen von Arbeitsprozessen, die meist nicht im Fokus der Endkonsumenten stehen und wenig sichtbar sind. Christian Edelmann von der Beratung Oliver Wyman geht davon aus, dass der Druck auf Mittelsmänner wie Depotbanken und Börsen zunehmen wird. Diese müssten sich neu erfinden.

Mehrere Banken wie die UBS, Santander oder Barclays haben eigene Innovations-Labors für Blockchain-Lösungen gegründet. Der Nutzen der Technologie steigt jedoch, je mehr Teilnehmer es im Netzwerk gibt. Deshalb haben sich auch schon Konsortien von Finanzinstituten wie R3 oder Hyperledger Project gebildet, die auf der Suche nach einem Standard für die Branche sind. Je stärker die Banken sich engagieren, desto weniger prägen Startups die Szene.

Bei alledem kommt hinzu, dass die Technologie noch nicht ausgereift genug ist, um weitflächig die gängige Finanzarchitektur zu verdrängen. Banken müssen zudem eine Balance zwischen den Anforderungen an die Sicherheit und die Privatsphäre sowie den Vorschriften der Regulatoren finden. In vielen Fällen scheint die Antwort eine dezentrale Datenbank zu sein, zu der es nur auf Einladung Zugang gibt. Dadurch können die Institute einige Probleme der Technologie in Zaum halten. Darunter leidet aber die Transparenz, die mehr Effizienz bringen soll. Eine Demokratisierung der Branche und Ausschaltung von Mittelsmännern sieht anders aus.

Nur auf Einladung

Die Diskussion, ob eine Blockchain privat oder öffentlich sein soll, zeigt auch, dass Regulierung häufig im Sinne der Platzhirsche wirkt. So sind zwar beispielsweise Geldwäschereibestimmungen und die Kenne-deine-Kunden-Vorgaben für Banken ein Kostenfaktor, sie können aber auch vor Innovationen und Jungfirmen schützen. Aufsichtsbehörden wittern zudem Morgenluft: Blockchain könnte für den Regulator den direkten Zugang zu Daten und eine automatische Durchsetzung von Vorschriften durch intelligente Verträge («Smart contracts») bedeuten.

Die Logik der sich selbst durchsetzenden intelligenten Verträge hat jedoch Kratzer erhalten, nachdem ein Experiment mit einem vollautomatischen Investmentfonds Schiffbruch erlitten hat. Hacker hatten einen Fehler in den Verträgen gefunden und aus dem Fonds Gelder abgezogen. Daraufhin entschloss sich eine Gruppe der Entwickler, eine zentrale Autorität gewissermassen, unter Einholung eines Konsenses unter den Investoren, den Investmentfonds neu zu programmieren und das Geld zurückzuholen. Das Prinzip der Unantastbarkeit wurde verletzt und die Einsicht gewonnen, dass es ohne menschliche Aufsicht nicht geht. Auf dem Weg zu einer neuen, schönen Finanzwelt liegen noch viele Steine.