Heinz-Peter Bader / Reuters

Große Unterschiede

Banken nach dem Stresstest: Österreichische Zweiklassengesellschaft

von Matthias Benz / 06.08.2016

Österreichs Banken durchleiden derzeit sehr unterschiedliche Schicksale. Wie steht es um die grössten Finanzinstitute des Landes und zugleich Osteuropas?

Erste-Group-Chef Andreas Treichl ist offensichtlich genervt, in Sippenhaft genommen zu werden. Man solle klarer zwischen den einzelnen Banken differenzieren, monierte er am Freitag bei der Halbjahreskonferenz. Der Hintergrund des Unmuts liegt darin, dass der österreichische Bankensektor beim Stresstest vor Wochenfrist schlecht abgeschnitten hat. Betrachtet man den Landesdurchschnitt, liegt Österreich bei der Eigenkapitalausstattung europaweit sogar auf dem letzten Platz – noch hinter Italien. Liegt hier also etwas im Argen?

Solide Erste Group

Treichl forderte eine nuancierte Sicht. Seine Erste Group – mit ihren Töchtern gleichzeitig eines der drei grössten Finanzinstitute in Osteuropa – hat am Freitag solide Ergebnisse vorgelegt. Der Halbjahresgewinn lag mit knapp 840 Mio. € höher denn je. Die Rendite auf dem Eigenkapital erreichte mit 15% das Niveau guter Zeiten. Frühere Probleme mit notleidenden Krediten hat man stark eindämmen können. Die wirtschaftlichen Aussichten in den Märkten Ostmitteleuropas sind gut. Und vor allem hat die harte Kernkapitalquote jüngst einen Wert von 13,3% erreicht. Damit stehe man auch im europäischen Vergleich gut da, hiess es.

Das schlechte Abschneiden Österreichs im Bankenstresstest lässt sich tatsächlich teilweise damit erklären, dass ein besonders ausgeprägtes Krisenszenario für Osteuropa angenommen worden war. Man ist also härter geprüft worden als andere. Treichl kann viele der Annahmen nicht verstehen, wie er sagte. Im Gegenteil: Ostmitteleuropa sei eigentlich die Region mit den besten wirtschaftlichen Aussichten für die kommenden Jahre in der ganzen EU. Viele Märkte entwickelten sich gut, es gebe auch noch keine Negativzinsen, und die Zinsspannen seien attraktiver.

RBI als Nachzügler

Das schlechte österreichische Testergebnis liegt auch daran, dass nur zwei Banken geprüft wurden. Und das zweite Institut hat eben besonders schlecht abgeschnitten: die Raiffeisen Bank International (RBI) – oder genauer: die österreichische Raiffeisen Landesbanken Holding, die über die Raiffeisen Zentralbank (RZB) die Mehrheit an der RBI hält. Die RBI wiederum ist eines der grössten Institute in Osteuropa. Der Raiffeisen-Verbund landete im Stresstest mit Blick auf die Kapitalausstattung auf dem blamablen drittletzten Platz im gesamteuropäischen Vergleich.

Das kam nicht ganz überraschend, weil die RBI als Nachzüglerin gilt. Nachdem der ebenso stolze wie politisch einflussreiche Raiffeisen-Verbund mit seiner Tochter in Turbulenzen geraten war, startete die RBI im Frühjahr 2015 ein umfangreiches Sanierungs- und Schrumpfungsprogramm. Tochterbanken der RBI in Polen und Slowenien sollen verkauft werden, aus den Märkten in den USA und Asien zieht man sich zurück, die risikogewichteten Aktiva werden um 20% reduziert, jüngst wurde auch eine Mehrheit der Beteiligung am Versicherer Uniqa verkauft. Das Hauptziel all dessen ist, bis Ende 2017 eine Kernkapitalquote von 12% zu erreichen. Im Stresstest wurden diese Anstrengungen indessen erst beschränkt berücksichtigt.

Die jüngsten Probleme der RBI begannen im Wesentlichen, als der russische Markt als wichtigster Ertragspfeiler einknickte. Zwar liefert Russland auch heute noch einen grossen Teil des RBI-Gewinns, aber wegen der dortigen wirtschaftlichen Verwerfungen im Zuge von Erdölpreisrückgang und Ukraine-Krise ist der russische Gewinnbeitrag spürbar geschrumpft.

Dies hat tiefer liegende Probleme im Raiffeisen-Verbund offengelegt. Es ist nicht mehr so leicht möglich, mit einem profitablen Osteuropa-Geschäft überkommene Strukturen in Österreich querzufinanzieren. Experten fordern seit langem, dass der Raiffeisen-Sektor seine komplexen und mehrstufigen Strukturen verschlankt. In Österreich leistet man sich etwa zu viele Filialen, die einzelnen Landesbanken in den Bundesländern gelten als überflüssig.

Verschleppte Flurbereinigung

Aber die Bereinigung gestaltet sich mühsam, denn die Macht im föderalen Raiffeisen-Verbund geht von den Landesbanken als Haupteigentümern aus. Sie wollen sich naturgemäss nicht selbst abschaffen. Nach langem Ringen hat man sich immerhin darauf geeinigt, bis im Herbst eine Fusion von RZB (als Zwischenholding) und RBI auf den Weg zu bringen. Allein mit diesem Schritt könnte die Kernkapitalquote um 0,4 Prozentpunkte erhöht werden.

Einen schmerzhaften Umbauprozess erst begonnen hat schliesslich die Bank Austria als drittes Institut im Bunde. Die Unicredit-Tochter war bis unlängst die grösste Bank in Osteuropa. Aber nun wird das Osteuropageschäft amputiert, die italienische Mutter will es von Wien nach Mailand holen. Noch in dieser Woche wurde hart um die Konditionen gerungen, denn die Italiener müssen das verbleibende Geschäft in Österreich mit zusätzlichem Eigenkapital von bis zu 2 Mrd. € ausstatten. Klar ist hingegen, dass dem Rest der Bank Austria eine Schrumpfung u. a. mit Filialschliessungen bevorsteht. Damit wird die Flurbereinigung in Österreich mit seinen zu vielen und zu wenig profitablen Banken wohl endlich an Fahrt aufnehmen. Positiv dürfte sich zudem auswirken, dass die Regierung jüngst eine Reduzierung der Bankenabgabe beschlossen hat. Diese hatte die hiesigen Banken über Gebühr belastet. Entsprechend war es schwierig, Eigenkapital aufzubauen.

Am Markt wird differenziert

Insgesamt zeigt sich das Bild einer Zweiklassengesellschaft. Dies wird im Übrigen auch von den Investoren an den Finanzmärkten so gesehen. So wird die Erste Group vergleichsweise gut bewertet: Ihr Wert am Aktienmarkt liegt fast auf der Höhe ihres Buchwerts (vgl. Grafik). Einen grossen „Misstrauens-Malus“ muss hingegen die RBI hinnehmen. Auch die Bank-Austria-Mutter Unicredit wird nur zum Bruchteil ihres Buchwertes gehandelt. Insofern wird Treichls Wunsch bereits erfüllt: An den Aktienmärkten betrachten die Investoren die Banken differenziert. Das ist wohl der „richtige“ Stresstest für die Institute.