Bankenhilfe aus Furcht und Vorsicht

von Benjamin Triebe / 17.02.2015

In Russland soll angesichts der Rubel-Krise der Gedanke an mögliche Probleme der heimischen Kreditinstitute gar nicht erst aufkommen. Viele russische Branchen rufen noch nach Staatshilfe, aber den Banken hat Moskau bereits Unterstützung zugesagt. Selbst die Notenbank stellt ihre Prinzipien zurück. Dahinter steckt mehr Prophylaxe als Not, schreibt NZZ-Korrespondent Benjamin Triebe.

Von einer Bankenkrise in Russland ist zwar viel die Rede, aber vorderhand ist es noch der Staat selbst, der Kreditinstitute aus dem Verkehr zieht. Am Montag hat die Zentralbank wieder einmal einem Geldhaus die Lizenz entzogen, diesmal der SB Bank. Dabei handelt es sich um eine kleine Bank. Gemessen an den Nettovermögenswerten rangierte sie im Januar mit umgerechnet 1,2 Milliarden US-Dollar auf Rang 85 des hiesigen Bankensektors. Die Notenbank bemängelte eine sehr risikoreiche Kreditvergabe, mangelnde Kapitalunterlegung und Zahlungsversäumnisse. Die staatliche Einlagensicherung wird den Kunden ihre Guthaben erstatten.

Mit eisernem Besen

Lange vor dem Absturz des Rubels im vergangenen Jahr hat die Notenbank angefangen, mit eisernem Besen zu kehren. Der Bankensektor ist einerseits extrem zersplittert und anderseits hochkonzentriert: Per Januar dieses Jahres zählte die offizielle Statistik zwar 820 Kreditinstitute, aber die zwei großen, staatlich kontrollierten Geldhäuser Sberbank und VTB haben ein absolutes Übergewicht. Bei vielen der kleineren und kleinen Banken ist indes oft nicht klar, mit welchen Methoden sie arbeiten und welchen Zwecken oder Herren sie dienen. Seit Sommer 2013 hat die Notenbank über 100 Banken die Lizenz entzogen, Analytiker loben die Bereinigung.

Dass allerdings eine Bankenkrise zumindest drohen könnte, lässt sich daran erkennen, dass die Notenbank jüngst von ihrem Tugendpfad abgewichen ist – und ein Institut gerettet hat, das eigentlich den Untergang verdient hätte. Ende Dezember versprach sie Hilfe für die Trust Bank, damals nach Vermögenswerten die Nummer 32 der Branche, aber nach Privatkundendepositen die Nummer 15. Laut der Zentralbank war bei der Trust Bank ein Loch von knapp 1,1 Milliarden US-Dollar aufgetaucht. Das wird inzwischen mit Staatsgeld gestopft. Es ist die zweitgrößte Bankenrettung in Russlands Geschichte, übertroffen nur durch die Übernahme der strauchelnden Bank of Moscow durch die VTB im Jahr 2011.

Aber die Frage ist: warum der Bail-out? Die 2004 aus Teilen des zerschlagenen Yukos-Konzerns hervorgegangene Trust Bank war schon lange als suspekter Fall bekannt. In den vergangenen Jahren machte sie sowohl mit dubiosen Transaktionen zur Verschleierung von Kapitalmangel wie auch mit exzessiver Vergabe von Konsumkrediten an Schuldner mit schlechter Bonität von sich reden. 2010 wurde sie von der Rating-Agentur Fitch als kurz vor dem Kollaps eingestuft. In den Wochen vor dem tatsächlichen Kollaps hoben Privatkunden, verunsichert von den Währungsturbulenzen, rund drei Milliarden Rubel ab. Das waren nur rund zwei Prozent aller Retail-Depositen – und trotzdem brach das Institut zusammen. Die Notenbank hat die Staatsanwaltschaft um eine Untersuchung gebeten. Die Haupteigentümer haben sich schon vor dem Crash ins Ausland abgesetzt.

Dass die Trust Bank trotz ihrer Vorgeschichte und dem Reinemachen der Notenbank nicht untergehen durfte, wird in Bankkreisen zu einem großen Teil auf die Signalwirkung zurückgeführt: Der Plan zur Rettung wurde schnell gezimmert, um Aufregung in der Bevölkerung zu vermeiden. Das Kreditinstitut war besonders in Moskau sehr präsent, ironischerweise durch Werbung mit US-Schauspieler Bruce Willis. Der verkündete, diese Bank sei so cool wie er, versprach Kredite in zehn Minuten und lächelte von den Kreditkarten. In jenen Tagen, als der Rubel zum Dollar bis zu 36 Prozent im Wert schwankte, standen bereits genug Russen wegen der Währungskrise vor den Geldautomaten. Sie sollten sich nicht auch noch wegen Sorge um die Banken anstellen.

Kreditvergabe im Fokus

Zu jener Zeit verabschiedete das Parlament auch in großer Hast ein Bankenhilfsprogramm. Demzufolge soll der Staat bis zu 16,1 Milliarden US-Dollar bereitstellen. Wie russische Medien Ende Januar berichteten, kommen 27 der größten Banken für die Unterstützung infrage. Begonnen hat die Auszahlung aber noch nicht. Dass die Übung nicht schneller vorangetrieben wird, wirft ein Licht auf die Problemlage: Dem Bankensektor droht kein akuter systemischer Kollaps. Vielmehr sollen die Geldhäuser prophylaktisch gepäppelt werden – nicht zuletzt, um weiter hohe Kredite an Unternehmen zu vergeben. Bei einem Leitzins von 15 Prozent trotz wahrscheinlicher Rezession sind die übrigen Umstände dafür nicht die besten.

Gesondert von diesem Paket haben bereits die VTB und die Gazprombank Ende 2014 Hilfen erhalten. Die VTB hat notorische Probleme mit einer schwachen Kapitaldecke, aber wie der Gazprombank drohte auch ihr keine akute Liquiditäts- oder Solvenzkrise. Doch beide Institute dürfen in der EU und den USA aufgrund der in der Ukraine-Krise verhängten Sanktionen kein Kapital mehr aufnehmen – genau wie die staatliche Entwicklungsbank VEB, die Landwirtschaftsbank (Rosselkhozbank) und Marktführerin Sberbank. Letztere lehnt Hilfe allerdings ab. Wenn es tatsächlich schon eine Bankenkrise gibt, so hat sie den Stolz der Sberbank noch nicht erreicht.