Matthew Thayer / Keystone

Bayer übernimmt Monsanto

von Christoph Eisenring / 14.09.2016

Es ist die grösste Übernahme, die je eine deutsche Firma gewagt hat: Bayer will für 66 Mrd. $ den US-Saatguthersteller Monsanto kaufen. Künftig dürften vier Firmen den Agrochemikalien-Markt prägen.

Am Samstag wird in deutschen Städten gegen die geplanten Handelsabkommen mit Kanada und den USA demonstriert. Ein Lieblingsfeind der Globalisierungskritiker ist die amerikanische Firma Monsanto, die weltweit führend ist in der Herstellung von gentechnisch verändertem Saatgut. Es ist deshalb etwas ironisch, dass mit Bayer ausgerechnet ein deutsches Unternehmen Monsanto für 66 Milliarden Dollar (inklusive Schulden) übernehmen will. Bayer-Chef Werner Baumann erinnerte an einer Telefonkonferenz daran, dass Tausende Landwirte freiwillig Monsanto-Produkte kauften. Und er machte folgende Rechnung: 2050 werden 10 Milliarden Menschen auf der Welt leben. Gleichzeitig werde erwartet, dass die Ackerfläche um 17 Prozent abnehme. Dies verlange nach einem Produktivitätsgewinn von 60 Prozent, um 2050 den Planeten zu ernähren.

Baumanns Husarenstück

Baumann ist sicher, dass die Übernahme Kunden und Aktionären nützt. Seinen Optimismus zieht er daraus, dass sich die beiden Firmen ergänzen: Monsanto ist führend bei Saatgut, Bayer hat dagegen eine starke Position bei chemischen Mitteln, die die Saat gegen Pilze, Unkraut oder Insekten schützen. Farmern will man künftig aufeinander abgestimmte Produkte anbieten, die sie von der Aussaat bis zur Ernte benötigen. Monsanto macht ferner 82 Prozent des Umsatzes in Nord- und in Südamerika, während Bayer geografisch breiter aufgestellt ist.

Durch die Kombination entsteht die grösste Firma für Agrarchemie, die ein Viertel des Marktes abdeckt. Dieser wird derzeit durcheinandergeschüttelt. So wird der Staatskonzern Chem China die Schweizer Firma Syngenta übernehmen. Zudem sind die Chemiefirmen Dow Chemical und DuPont daran, ihre entsprechenden Sparten zu bündeln. Angesichts dieser Fusionitis werden die Kartellämter diverser Länder die Transaktion kritisch beäugen. Auch müssen die Monsanto-Aktionäre der Übernahme noch zustimmen. Bayer ist indes überzeugt, dass alle Hürden bis Ende 2017 überwunden sind. Scheitert die Übernahme noch, wäre Bayer bereit, Monsanto 2 Milliarden Dollar zu zahlen.

Dem 53-jährigen Baumann gelingt gleich zu Beginn seiner Amtszeit als Bayer-Chef ein Husarenstück. Vier Monate hatte er um Monsanto geworben. Er nützt die günstigen Finanzierungsbedingungen durch die extrem lockere Geldpolitik. Zudem befinden sich die Agrarmärkte in einer Schwächephase. Der Zeitpunkt für eine Offensive war somit gut gewählt. Bayer hat in der Vergangenheit auch gezeigt, dass es grosse Akquisitionen gut über die Bühne bringt, man denke an den Kauf der Pharmafirma Schering vor zehn Jahren.

Bayers Charakter ändert sich

Auch wenn Monsanto und Bayer sich gut ergänzen mögen, bleiben strategische Fragen offen. Durch den Kauf der Firma aus St. Louis ändert sich nämlich der Charakter von Bayer. Sie wurde bisher als Pharmafirma wahrgenommen. Produkte wie Aspirin oder der Blutverdünner Xarelto bringen viel Umsatz. Mit Monsanto werden die Pharma-Aktivitäten und Agrarchemikalien jetzt gleich gross. Damit stellt sich aber die Frage, welche Vorteile es hat, diese Geschäfte unter einem Dach zu vereinen.

Wenn Monsanto und die Agrarchemie von Bayer so gut zusammenpassen, hätte man sie auch gemeinsam an die Börse bringen können – stattdessen zahlt Bayer einen Aufpreis von 44 Prozent auf den Monsanto-Aktienkurs, das entspricht dem Niveau, auf dem er im Mai und damit vor aufkommenden Gerüchten über Bayers Interesse notiert hatte. Es gibt zudem Zweifel, ob Bayer künftig noch genug Mittel hat, um seine Pharma-Produktepipeline zu stärken. In der Vergangenheit stammten die Neuheiten laut Bank-Analytikern etwa je zur Hälfte aus Eigenentwicklungen und Zukäufen. Hat die Übernahme auch den Zweck, seinerseits Bayer davor zu schützen, von jemandem geschluckt zu werden? Als Pharmaunternehmen ist Bayer jedenfalls nur ein mittelgrosser Akteur.