Neuer Life-Science-Konzern

Bayer will mit Monsanto hoch hinaus

von Christoph Eisenring / 24.05.2016

Bayer und Monsanto passen auf dem Papier zwar gut zusammen. Trotzdem mutet Firmenchef Baumann seinen Aktionären mit dem geplanten Kauf viel zu. Hätte die Firma noch genug Spielraum, auch die Pharmasparte zu entwickeln?

Die ersten Reaktionen auf Bayers Plan, Monsanto zu übernehmen, sind letzte Woche nicht nach dem Gusto der Konzernführung ausgefallen. Der Aktienkurs von Bayer hat Federn lassen müssen. Bayer hat deshalb das Angebot, das die Firma am 10. Mai Monsanto-Chef Hugh Grant unterbreitet hatte, am Montag publik gemacht.

Monsanto äußerte sich nicht, hatte aber letzten Donnerstag erklärt, sich erst wieder zu melden, wenn man die Offerte geprüft habe. Die Furcht der Aktionäre sei unbegründet, erklärte der neue Bayer-Chef Werner Baumann in einer Telefonkonferenz. Er ist überzeugt, dass sich die beiden Firmen ideal ergänzen würden – sowohl was die Expertise als auch was die geografische Abdeckung anbelangt.

Integrierte Anbieter gefragt

Die Idee tönt zunächst einleuchtend: Landwirte könnten nach einem Zusammenschluss alles aus einer Hand beziehen – also was sie von der Aussaat bis zur erfolgreichen Ernte an Produkten benötigen. Monsanto ist der führende Anbieter von Saatgut, etwa für Mais und Sojabohnen. Hier ist Bayer bis jetzt wenig vertreten. Dagegen ist Bayer bei Herbiziden, Fungiziden und der Insektenbekämpfung stark. Und während Monsanto 82 Prozent seines Umsatzes in Nord- und Südamerika erzielt, ist Bayer geografisch breiter aufgestellt.

Dass Monsanto und Bayer theoretisch gut zusammenpassen, sieht auch das Gros der Bankanalysten so. Die Schweizer Syngenta verfolgt ebenfalls die Strategie, Saatgut und Pflanzenschutz aus einer Hand anzubieten, bis heute aber noch nicht mit durchschlagendem Erfolg.

Gerade in reiferen Märkten wie den USA, Brasilien oder Argentinien seien die Farmer nicht unbedingt auf integrierte Anbieter angewiesen, da sie selbst das Know-how hätten, passende Produkte verschiedener Hersteller zu kombinieren, sagt Philipp Lienhardt, Analytiker bei Julius Bär. Attraktiv könnten „Vollanbieter“ aber besonders für Bauern in weniger entwickelten Agrarstaaten sein, fügt er an.

Ein neues Gesicht

Bayer-Chef Baumann warb noch mit einem zweiten Argument. Sein Konzern habe in den letzten zehn Jahren übernommene Firmen bestens eingebunden. Monsanto sei dabei nicht schwieriger zu integrieren als der deutsche Pharmakonzern Schering, der 2006 gekauft wurde und etwa gleich viele Mitarbeiter hatte – Monsanto hat 22.500. So gut dieser Erfolgsausweis auch ist, Monsanto ist aus zwei Gründen von einem anderen Kaliber: Erstens ändert die Übernahme das Gesicht von Bayer.

Wer heute eine Aktie von Bayer besitzt, hat primär in eine Pharmafirma investiert. Nach einer Übernahme von Monsanto würden die Geschäfte mit Medikamenten und diejenigen mit der Landwirtschaft je etwa die Hälfte am Umsatz ausmachen. Für Baumann passt diese Aufstellung zwar zum Konzept eines „Life-Science“-Konzerns. Man muss indes kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass Investoren die Frage stellen werden, ob ein solches Konglomerat noch zeitgemäß sei.

Der zweite Unterschied zu früheren Transaktionen ist die Dimension des Kaufpreises von 62 Milliarden Dollar (inklusive Schulden) – wenn es denn dabei bleibt. Es wäre die größte Akquisition einer deutschen Firma überhaupt. Diese Summe soll zu drei Vierteln durch Schulden und zu einem Viertel durch eine Kapitalerhöhung aufgebracht werden. Die bange Frage lautet dann: Hat Bayer noch genügend Spielraum, um das Pharmageschäft zu stärken?

Gemäß den Analysten der Bank Berenberg stammte aus der jüngsten Welle von erfolgreichen Medikamenten bei Bayer die Hälfte aus eigener Entwicklung, die andere Hälfte aber aus Zukäufen. – Überzeugt hat Baumann die Bayer-Aktionäre jedenfalls noch nicht. Der Wert der Aktien verlor noch einmal 5,7 Proznet, während Monsanto zur Marktöffnung um sieben Prozent zulegte.

Zwar sei das Angebot gemessen am Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) ähnlich hoch wie die Offerte von ChemChina für Syngenta, sagt Analyst Lienhardt. Gleichzeitig veranschlage aber Bayer die Einsparungen und Zusatzerträge aus der Akquisition auf jährlich 1,5 Milliarden Dollar, während sie bei ChemChina gering sein dürften, ergänzt er.

Aus dieser Warte könnte es für Bayer somit noch teurer werden. Derzeit bietet Bayer einen Aufschlag von 37 Prozent auf den Monsanto-Aktienkurs vom 9. Mai, als das Angebot lanciert wurde. Bayer-Chef Baumann will mit der Offenlegung wohl vor allem erreichen, dass sich Monsanto an den Verhandlungstisch setzt.