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US-Zinswende

Besser spät als nie

Meinung / von Thomas Fuster / 17.12.2015

Nach quälend langem Zögern ringt sich Amerikas Notenbank endlich zur Zinswende durch. Das ist ein Zeichen der Stärke – und Grund zur Hoffnung auch für Europa.

Selten ist ein Zinsschritt langwieriger vorbereitet worden. Seit über einem Jahr wird an den Finanzmärkten über eine Abkehr der USA von der Nullzinspolitik spekuliert. Doch stets fand das Fed triftige – und weniger triftige – Gründe, den Schritt hinauszuzögern. Nun ist es endlich so weit: Amerikas Währungshüter haben sich einstimmig zur ersten Leitzinserhöhung seit bald einem Jahrzehnt durchgerungen. Angesichts einer faktischen Vollbeschäftigung, eines soliden Wirtschaftswachstums und einer mittelfristig im Zielbereich erwarteten Inflation kommt der Auftakt zur geldpolitischen Normalisierung zwar reichlich spät – doch besser spät als nie.

Der 16. Dezember als Anfang vom Ende eines gigantischen Experiments.

Das Datum des 16. Dezembers 2015 wird in künftigen Büchern zur Finanzkrise zweifellos Erwähnung finden als der Anfang vom Ende eines gigantischen Experiments. Überbewerten sollte man die Zäsur aber nicht. Noch immer praktizieren die USA eine ultraexpansive Geldpolitik. Die erhoffte Normalisierung der monetären Koordinaten verbleibt in ferner Zukunft. So hat die Fed-Chefin Janet Yellen am Mittwoch angedeutet, dass weitere Zinsschritte nur sehr behutsam und in Abhängigkeit stützender Wirtschaftsdaten erfolgen werden. Gradualismus heißt das Zauberwort. Eine rasche Rückkehr der Zinsen zu einem Vorkrisenniveau ist nicht zu erwarten.

Die Zurückhaltung Yellens hat ihren Grund: Zwar wäre es im Interesse aller großen Notenbanken, wenn die Leitzinsen sich bald wieder deutlich von der Nullgrenze abheben würden. Denn nur mit klar positiven Sätzen erobern die Währungshüter zinspolitischen Spielraum zurück, um künftigen Verwerfungen wirksamer begegnen zu können. Doch die Zentralbanken stecken in einem Dilemma: Niemand will mit höheren Zinsen vorpreschen, da man sonst internationales Kapital anzieht, was die heimische Währung stärken und den konjunkturellen Aufschwung abwürgen könnte. Also bleibt jeder ruhig und hofft, dass sich der andere zuerst bewegt.

Das Fed hat mit der unter Alan Greenspan jahrelang viel zu großzügigen Geldpolitik maßgeblich die Finanzkrise ab 2007 mitausgelöst.

Dass sich nun das Fed zumindest ein bisschen bewegt, ist aus zwei Gründen richtig und wichtig: Erstens kommt dem Dollar als globaler Leit- und Ankerwährung eine eigentliche Führungsrolle zu – ob man das mag oder nicht. Zweitens hat das Fed mit der unter Alan Greenspan jahrelang viel zu großzügigen Geldpolitik nicht nur maßgeblich die Finanzkrise ab 2007 mitausgelöst. Die in der Folge praktizierte Politik einer quantitativen Lockerung (QE) zwang dem Rest der Welt faktisch auch eine Nullzinspolitik auf, da sonst eine bedrohliche Aufwertung der Heimwährung resultiert hätte. Dass nun die USA als Erste wieder den Ausgang anvisieren, gibt ein starkes Signal.

Für die Euro-Zone und die Schweiz ist die zinspolitische Kehrtwende eine gute Nachricht. Wenn mit der Zinserhöhung der Dollar für Anleger weiter an Attraktivität und somit an Wert gewinnt, nimmt dies ein wenig Druck sowohl vom Euro als auch vom überbewerteten Franken. Das wird auf absehbare Zeit zwar noch kein zinspolitisches Nachziehen der Europäischen Zentralbank oder der Schweizerischen Nationalbank zur Folge haben, da sich die Konjunktur auf dem alten Kontinent weit fragiler präsentiert als diejenige in den USA. Zumindest sinkt aber die Notwendigkeit, die eigene Geldpolitik noch aggressiver zu lockern. Das ist in Zeiten des permanenten Ausnahmezustands immerhin etwas.


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