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Bildungsmisere

Bildungsreformen sind wirksamer als Vermögenssteuern

Meinung / von Lukas Sustala / 06.04.2016

4.000 Euro weniger Einkommen, eine geringere Lebenserwartung, höhere Arbeitslosigkeit. Eine Studie zeigt, wie stark Bildung und wirtschaftliche Erfolgsaussichten in Österreich zusammenhängen. Dass das Bildungssystem für die Ungleichheit mitverantwortlich ist, darf nicht überraschen. Dass die Bildungsministerin trotzdem immer „Mission accomplished“ betont, schon. 

Vergangene Woche haben die offengelegten Leseschwächen in den vierten Schulstufen noch für Aufregung gesorgt, besonders weil die Bildungsministerin die schlechten Daten – immerhin weisen vier von zehn Kindern Lesedefizite auf – mit einem „Das Bildungssystem funktioniert“ quittierte. Denn zumindest der Trend, meint sie, sei positiv.

Eine aktuelle Studie des Arbeitsmarktservice in Wien legt allerdings nahe, dass die zunehmende Bildungsmisere wirtschaftlich voll durchschlägt. Das zeigt schon ein Blick auf die Arbeitslosigkeit nach Bildungsabschluss.

Arbeitslosigkeit ist nur eine Folge der gewaltigen Bildungslücken, die in Österreich aufklaffen. Eng verwoben damit dürften auch die gravierenden Unterschiede in der Lebenserwartung sein, die immer wieder dokumentiert werden. Eine Untersuchung dazu hat die Statistik Austria auf Basis der Sterbetafeln von 2006/2007 durchgeführt. Demnach dürfen 35-jährige Männer mit einem Hochschulabschluss im Schnitt erwarten, dass sie noch 48 Jahre leben, jene mit Pflichtschulabschluss kommen hingegen nur auf 42 weitere Lebensjahre. Bei Frauen ist der Unterschied geringer (50 für Hochschulabsolventinnen, 48 für jene mit Pflichtschulabschluss).

Die Gründe für diese Diskrepanz sind mannigfaltig, ein ungesunder Lebensstil spielt wohl ebenso eine Rolle wie der psychologische Stress der höheren Gefahr von Arbeitslosigkeit. Klarerweise muss man für künftige Untersuchungen auch die aktuelle Flüchtlingsbewegung berücksichtigen, denn auch die Arbeitsmarktchancen von Zugewanderten sind gerade auch wegen des Faktors Bildung nicht die besten.

Man kann die Ergebnisse der stellenweise aufgeregt geschriebenen Studie, die auch viele andere Untersuchungen zusammengetragen hat, unterschiedlich interpretieren: Es könnten Forderungen nach höheren Bildungsausgaben gestellt werden, um die kritisierte „Bildungsarmut“ zu bekämpfen. Gleichzeitig dokumentiert die AMS-Autorin mit ihrer Studie auch, dass das relativ teure Bildungssystem österreichischer Prägung beim Output massive Defizite hat. Unter dieser Perspektive könnte Reform statt mehr Budget das Gebot der Stunde sein.

Ungleichheit – Da war doch was

Bildung ist aber, egal zu welcher Schlussfolgerung man kommen mag, der ultimative Faktor hinter der Ungleichheit, verdammt ihr Mangel doch die „Frühen AusBildungsAbbrecher“ (FABA) zu weniger Einkommen, höherer Arbeitslosigkeit und geringerer Lebenserwartung.

Bildung ist und bleibt eine zentrale Quelle von ökonomischer Ungleichheit. Das ist in Österreich nicht wesentlich anders als in anderen Industrienationen, was der Ungleichheitsökonom Thomas Piketty selbst immer wieder betont, viele seiner Jünger aber unerwähnt lassen. Wer hoch hinauf auf der Wertschöpfungsleiter klettern möchte, muss sich mit komplexen Themen beschäftigen können. Hohe Einkommensunterschiede – und in späterer Folge die Vermögensverteilung – verlaufen daher immer auch entlang von Bildungslinien und sind nicht nur Ergebnis eines ungerechten Steuersystems.

Dass das „Bildungssystem funktioniert“, wie die zuständige Ministerin Heinisch-Hosek jüngst meinte, kann man aus sozialdemokratischer Sicht maximal zynisch finden. Wer politisch ein Bildungssystem lobt, das so ungleiche Ergebnisse produziert, kann das fast nur tun, um sich als Nebeneffekt Vermögens- und Reichensteuern zu wünschen. Mit Vermögenssteuern gegen die Versäumnisse des Bildungssystems vorgehen, ist aber keine nachhaltige Strategie. Denn die hohe Wertschöpfung in Österreich – die ja besteuert werden soll – braucht vor allem gut ausgebildete Menschen.

Bildungsmobilität und Chancengleichheit fördern

Es ist aber nicht alles im Bildungssystem verloren. Eine Studie der Agenda Austria zeigte jüngst, dass die Bildungsmobilität in Österreich höher ist als vielfach vermutet. Versäumnisse vermuten die Ökonomen der Denkfabrik vor allem bei der frühkindlichen Bildung, lautet doch eine Kernforderung aus der Studie: „Die frühkindliche Ausbildung spielt eine Schlüsselrolle für eine höhere soziale Mobilität und sollte daher aufgewertet werden.“ Chancengleichheit groß schreiben, anstatt sich im Nachhinein über Ungleichheit zu beschweren, wäre also das Gebot der Stunde.

Die Bildungsministerin, die sich angesichts der Leseschwäche von fast vier aus zehn Kindern in der vierten Volksschule über das funktionierende Bildungssystem freut, betont hingegen in Interviews: „Eine kleine Gruppe von Leuten wird immer reicher, während auf der anderen Seite immer mehr Menschen von Armut bedroht sind. Führen wir zum Ausgleich doch Vermögenssteuern ein, um das Geld dann in die Bildung zu investieren.“ Vermögenssteuern werden angesichts des massiv gewachsenen Bildungsproblems so schnell keine Linderung schaffen. Dem Bildungssystem mangelt es wie OECD und Co. immer wieder an mehr Input in Form sprudelnder Vermögenssteuereinnahmen. Echte Reformen im bereits teuren Bildungssystem hingegen könnten sehr wohl etwas ändern. Aber das passt wohl weniger ins Konzept.


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