REUTERS/Kim Kyung-Hoon

Geldanlage

Biotech-Aktien auf dem Krankenlager

von Werner Grundlehner / 27.02.2016

Die Biotech-Aktien sind früher und heftiger als der Gesamtmarkt unter die Räder gekommen. Doch die Stabilität der großen Konzerne und die Innovationsfähigkeit der Branche werden verkannt.

Die Aktien aus dem Biotech-Sektor lassen sich wenig von Börsentrends und Konjunktur beeinflussen. Sie bewegen sich mit den Erfolgen der eigenen Produkte-Pipeline. Gelingt es einem Unternehmen, eine lukrative Partnerschaft einzugehen oder ein erfolgreiches Medikament zu lancieren, applaudiert die Börse. So die Theorie.

Zurück in alte Muster

In der Realität verhalten sich die Aktien des Sektors aber sehr zyklisch. In Boomphasen lassen sich die „Geschichten“ über künftige Erfolge prächtig verkaufen, wobei der Sektor in Korrekturen jeweils zu den größten Verlierern zählt. Im jüngsten Boom waren auch die Übernahmephantasie und ein IPO-Boom entscheidende Treiber. Große Pharmafirmen, die ihre Produkt-Pipeline nicht mehr mit eigenen Entwicklungen auffüllen konnten, kauften vielversprechende Kleinunternehmen en masse – oft zu sehr ambitionierten Preisen.

Dies führte häufig zu sehr hohen Bewertungen. Das war auch ein Grund, dass die Anleger im vergangenen Sommer in „alte Muster“ zurückfielen und Biotech-Titel als Erstes und in großem Umfang abstießen. Mitte Juli schien die Welt noch in Ordnung. Der US-Konzern Celgene kaufte für 8 Milliarden Dollar die kleine Receptos. Doch als Konkurrent Biogen einige Tage später ein enttäuschendes Quartalsergebnis publizierte, begann sich die Abwärtsspirale zu drehen. Amerikanische Branchen-Indizes büßten mehr als 40 Prozent ein. Dieser Rückschlag hat jedoch dazu geführt, dass mittlerweile selbst konservative Value-Investoren wieder auf US-Biotech-Aktien setzen. Mit gutem Grund: Rudi van den Eynde, Fondsmanager des Candriam Biotech-Fonds, weist darauf hin, dass die „großen fünf“ der US-Biotech-Valoren (Celgene, Amgen, Biogen, Gilead Sciences und Regeneron) derzeit eine Bewertung aufwiesen, die unter dem Marktschnitt und auch unter jenem der großen Pharmawerte liege: „Diese Bewertung ist ein Witz.“ Neben dem allgemeinen Stimmungsumschwung an den Börsen ist der Rückschlag auch auf das „politische Theater“ im US-Präsidentschaftswahlkampf zurückzuführen. Vor acht Jahren habe die Börse aus Angst vor Obamacare genau die gleiche Reaktion gezeigt, erinnert sich ZKB-Analytiker Michael Nawrath.

Das System der völligen Preissetzungsfreiheit werde sich nicht halten können, glaubt Nawrath. Aber die Innovation werde nicht abgewürgt, wobei das Preisniveau in den USA drei- bis viermal höher bleibe als im Rest der Welt. Die Kosten-Nutzen-Abwägung wird ins Zentrum rücken. Doch viele Medikamente können ihre Preise rechtfertigen. So sorgen die zwei äußerst erfolgreichen Hepatitis-C-Medikamente von Gilead, deren Preissetzung auch stark kritisiert wurde, dafür, dass die Krankheit erstmals geheilt und nicht nur gestoppt und unterdrückt wird. Das verspricht Heilung für 200 Millionen Menschen. Gilead hat den Jahresumsatz innerhalb von drei Jahren von 9,4 Milliarden auf 32 Milliarden Dollar erhöht. Jüngste Meldungen in den Bereichen HIV und Zika-Virus zeigen, dass auch andernorts Durchbrüche bevorstehen könnten. Auch in den Anwendungen Immun-Onkologie, Parkinson, Multiple Sklerose und Alzheimer sind die Arbeiten an bahnbrechenden Anwendungen weit fortgeschritten.

Neue Blockbuster unter Druck

Diese Innovationsflut führt gemäß Nawrath aber auch dazu, dass sich erfolgreiche Mittel mit Milliardenumsätzen weniger lang halten können. Dies im Gegensatz zu den neunziger Jahren, als Mittel gegen Depression, Bluthochdruck und Potenzstörungen jahrelang die höchsten Umsätze erzielten. Das Zentrum der Industrie bleiben die USA, wo in puncto Risikokapital, internationaler hochtalentierter Fachleute und Risikobereitschaft ein ideales Klima herrscht. Hierzulande kann sich nur Actelion als etabliertes Biotech-Unternehmen bezeichnen. Alle anderen wie Basilea und Newron müssen erst noch beweisen, dass sie umsatzstarke Anwendungen zur Marktreife bringen können.

Geldanlage

Privatanleger ohne Spezialwissen setzten mit Vorteil auf Anlagefonds, beispielsweise den iShares Nasdaq Biotechnology ETF, der in 190 US-Biotech-Werte investiert. Europa sei bezüglich Biotech seit 30 Jahren „eine Wüste“, sagt Nawrath. Der Analytiker empfiehlt auch Pharmawerte mit einem starken Standbein in Biotech-Themen wie der Immun-Onkologie, also beispielsweise Bristol Myers, Merck und Roche – wobei Letztere ab 2017 wegen Biosimilars bereits unter Druck kommen könnte.