Mr. Cryan, übernehmen Sie

von Claudia Aebersold Szalay / 09.06.2015

Der designierte Chef der Deutschen Bank wird sich um eine ganze Reihe von Baustellen kümmern müssen. Vor allem aber muss er tiefe interne Gräben überwinden, berichten NZZ-Wirtschaftskorrespondentin Claudia Aebersold Szalay aus Frankfurt und Redakteur Ermes Gallarotti aus Zürich.

Die euphorische Reaktion an den Aktienmärkten auf die Nominierung John Cryans zum neuen Chef der Deutschen Bank vom Montag kann auf zwei Arten interpretiert werden. Entweder als Erleichterung über das Ende der kurzen, aber turbulenten Ära der Co-CEO Jürgen Fitschen und Anshu Jain; oder aber als Vorschusslorbeeren für den Briten und ehemaligen UBS-Banker Cryan, der demnächst das Ruder der größten Bank Deutschlands übernehmen wird. Hält man sich an die zweite Interpretation, ist der Kurssprung von über acht Prozent ein guter Auftakt für den designierten Chef, aber auch eine schwere Bürde. Die Aktionäre der Bank setzen genauso wie die Marktteilnehmer große Hoffnungen in Cryan, und dieser wird erst noch zeigen müssen, dass er sie erfüllen kann.

Es brennt an vielen Stellen

Die Ausgangslage ist für den 54-Jährigen alles andere als einfach. Cryan übernimmt eine Bank, die ihre operative Stärke derzeit nicht ausspielen kann, weil sie unter den Altlasten der Subprime-Krise leidet; ein Haus, dessen Ruf in den vergangenen Quartalen unter Strafzahlungen und juristischen Disputen gelitten hat und das wegen dieser Querelen nie vom an und für sich sehr erfreulichen Umstand profitieren konnte, ohne Staatshilfe durch die Finanzkrise gekommen zu sein. Cryan wird einem Finanzinstitut vorstehen, durch das sich eine große Kluft zieht, zwischen Investment Banking und dem Rest der Bank, zwischen London und Frankfurt.

Er wird eine Bank zu neuer Stärke bringen müssen, deren neue Strategie eben erst skizziert, intern heftig umstritten und mangels Details noch kaum belastbar ist. Zwar hat Cryan eingewilligt, die jüngsten strategischen Weichenstellungen, die eine Abspaltung der Postbank, eine Reduktion des eigenen Filialnetzes sowie eine bescheidene Reduktion der Investment-Banking-Aktivitäten vorsehen, in ihren groben Zügen umzusetzen, um der Bank erneut eine Phase der Unsicherheit zu ersparen. Aufsichtsratschef Paul Achleitner und Cryan waren sich in diesem Punkt einig: Die Deutsche Bank braucht in erster Linie Ruhe.

Deshalb wird Cryan, der während seiner Warburg/UBS-Zeit als Leiter der Investment-Banking-Einheit Financial Institutions Group Banken unter anderem in Fragen der Strategie beraten hat und deshalb auch im strategischen Denken geschult ist, bei der Deutschen Bank keine Revolution planen, sondern eher kleinere Retuschen vornehmen.

Eine Armee bändigen

Darüber hinaus kommt Cryan die wichtige Aufgabe zu, bei den Großkunden, der Öffentlichkeit, der Politik und vor allem bei den Aufsichtsbehörden rund um den Globus die Bank wieder als verlässlichen Partner zu positionieren. Von all diesen Herausforderungen scheint die interne (Personal-)Politik die größte zu sein. Der scheidende Jain, der jahrelang das Investment Banking der Bank geleitet hatte, bevor er zum Co-CEO wurde, wird diesen Bereich auch nach seinem Ausscheiden noch prägen wie kein Zweiter. Seine „Armee“, wie die Investmentbanker, die unter seiner Führung groß geworden sind, genannt werden, bleibt der Bank im Großen und Ganzen auch nach seinem Rücktritt erhalten.

Nicht nur wird sein Geist weiterhin die Handelsräume der Deutschen Bank prägen, seine Leute werden auch ganz konkret das Sagen haben, denn die Investmentbank ist und bleibt, auch unter der neuen Strategie, der Ertragsmotor der Bank. Zudem hat Jain bei seiner Ernennung zum Co-CEO langjährige Weggefährten auf Schlüsselpositionen gehievt. Genannt werden können hierbei etwa Henry Ritchotte, der gegenwärtige COO der Bank, Michele Faissola, der heute das Assetmanagement und die Vermögensverwaltung leitet, oder Colin Fan, der Co-Leiter des Investment Banking. Es ist unklar, ob der eine oder andere von ihnen Jain folgen und die Bank verlassen wird. Wie auch immer, Cryan wird ehemalige Jain-Leute und die Investmentbanker, die heute in der Bank das Sagen haben, entweder durch eigene Gewährsleute ersetzen oder aber auf seine Seite bringen müssen. Eine diffizile Angelegenheit.

UBS nicht als Kopiervorlage

Spekulationen, wonach Cryan als ehemaliger UBS-Mann die unter Axel Weber bei der Schweizer Grossbank eingeleitete Transformation auf die Deutsche Bank übertragen könnte, greifen zu kurz. Die Fokussierung auf das Vermögensverwaltungsgeschäft bei gleichzeitigem Teil-Abschied vom Investment Banking, wie sie bei der UBS in den vergangenen Quartalen erfolgreich umgesetzt worden ist, ist für die Deutsche Bank keine Option. Die Größenverhältnisse zwischen Vermögensverwaltung und Investmentbank sind ganz andere als bei der UBS. Die Deutsche Bank verdient ihr Geld mit dem Investment Banking. Die im Vergleich dazu kleine Vermögensverwaltung könnte eine drastische Reduktion des Investment Banking nicht kompensieren.

Das weiß Cryan, und er wird sich deshalb davor hüten, das Investment Banking der Deutschen Bank übermäßig zusammenzustreichen. Trotzdem wird er es auf seine Linie bringen und dafür schauen müssen, dass die Königsdisziplin der Bank in Zukunft kein Reputationsrisiko mehr darstellt. Gleichzeitig wird er die Retail-Banker im eigenen Haus, die sich als die großen Verlierer der neuen Strategie sehen, wieder an Bord holen und ihnen gebührend Wertschätzung zukommen lassen müssen, damit sie sich noch als Teil der Bank sehen. Cryan ist es gewohnt, in turbulenten Zeiten einen kühlen Kopf zu bewahren. Das hat er während seiner Zeit bei der UBS – die wohl unübersichtlichsten und schwierigsten Jahre in der Geschichte der Großbank – bewiesen. Als die Schweizer Bank in der Subprime-Krise in Schieflage geriet und staatlich gestützt werden musste, kam ihm als CFO die schwierige Aufgabe zu, den Überblick über die verworrene Finanzsituation und die eingegangenen Risiken zu gewinnen. Als UBS-Finanzchef machte er sich einen Namen, er war als nüchterner Zahlenmensch bei der Investorenschaft sehr geschätzt. Seine Erfahrung in der Beratung von Banken und Versicherungen bei der UBS scheint ihm geholfen zu haben, die Mentalität großer Investoren zu verstehen. Dies dürfte ihm heute auch bei der Deutschen Bank helfen, denn die Aktionäre der Bank sind alles andere als zufrieden. Zudem können sie nicht als homogene Gruppe betrachtet werden. Während Kleinaktionäre, aber auch namhafte Aktionärsberater wie der britische Hermes oder der amerikanische ISS seit längerem für einen Neuanfang und die Abkehr von spekulativen Praktiken im Investment Banking plädieren, haben einzelne Großaktionäre stets zu Jain gehalten, da er für sie als Garant für Rendite galt. Die unterschiedlichen Wünsche, die von außen an die Bank herangetragen werden, muss Cryan nun ebenso unter einen Hut bringen wie die vielfältigen Ansprüche, die innerhalb der Bank an ihn gestellt werden.