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Finnlands Effizienz-Paket

Bittere Medizin für Europas „kranken Mann“

von Rudolf Hermann / 31.03.2016

Nach monatelangem Ringen sind die finnischen Sozialpartner zu einem Grundkonsens über effizienzfördernde Maßnahmen gekommen. Die Kosten müssen diesmal die Arbeitnehmer tragen.

Mehr arbeiten, weniger verdienen, Abstriche bei Vergünstigungen – das sieht nicht nach einem Kompromiss für die Arbeitnehmer aus. Dennoch haben sich in Finnland nach langem Ringen die Sozialpartner im Grundsatz darauf geeinigt. Nach anderthalb Jahrzehnten, in welchen es mit kurzen Unterbrüchen für die Beschäftigten stetig besser wurde, stehen ihnen nun schmerzhafte Abstriche bevor.

Konsens-Kultur unter Stress

Den sozialen Frieden und die politische Konsens-Kultur, Eckpfeiler der finnischen Version des nordischen Wirtschaftsmodells, stellt dies auf eine harte Probe. Doch weil das Lohnwachstum im nordischen Staat schon seit einiger Zeit nicht mehr von einer entsprechenden Zunahme der Produktivität unterlegt ist und damit die Konkurrenzfähigkeit der finnischen Exportwirtschaft schwindet, ist eine Korrektur nötig geworden. Die Arbeitnehmer müssen sich die höheren Löhne, die sie bereits beziehen, gewissermaßen nachträglich durch Mehrarbeit verdienen.


Credits: NZZ.ch

Die Probleme Finnlands sind seit geraumer Zeit bekannt. Das Verschwinden von Nokia von der Bildfläche als einst marktführender Handy-Fabrikant, eine einschneidende Strukturveränderung in der Forstwirtschaft und der von Sanktionen und Gegensanktionen begleitete politische Konflikt der EU mit Russland haben in den letzten Jahren viel Sand ins Getriebe des einstigen finnischen Wachstumsmotors Export gestreut. Die Ausfuhren liegen heute um 20% unter ihrer besten Performance im Jahr 2007, als Nokia in Hochform war und noch keine globale Krise herrschte. Trotz dem Exporteinbruch leistet sich das Land jedoch den teuersten öffentlichen Sektor unter den hochentwickelten Industrieländern; 58,3% des Bruttoinlandprodukts fließen in dessen Leistungen. Strahlte das Lohnwachstum aus den guten Zeiten vom Export auf andere Bereiche der Wirtschaft und nicht zuletzt auch den öffentlichen Sektor aus, sind dadurch allerdings zwischen 2007 und 2013 die Arbeitskosten stark in die Höhe getrieben worden (siehe Grafik). Dieser Effekt hielt auch dann noch an, als sich Finnlands Wirtschaft nach 2011 auf der Kriechspur wiederfand, die seit nunmehr über vier Jahre nicht verlassen werden konnte. Teure Arbeit und mangelnde Produktivität brachten Finnlands Wirtschaft in der Folge immer mehr in Rücklage, ohne dass die Politiker den Mut zu Reformen gefunden hätten. Finanzminister Stubb spricht von Finnland inzwischen als dem „kranken Mann Europas“.

Höchstnoten verloren

Von den drei großen internationalen Rating-Agenturen genießt Finnland nur noch bei Moody’s die Höchstnote. Ein Bankanalytiker von Nordea sagte, dies sei ein Warnsignal, das Helsinki nicht ignorieren dürfe. Die Gespräche zwischen den Sozialpartnern seien auf derart beklagenswerte Weise geführt worden, dass dies sogar im Ausland Aufsehen erregt habe.

Das Paket zur Effizienzsteigerung – wenn es denn fertig geschnürt wird – soll bis 2019 die Arbeitskosten um 4% verringern und damit die Schaffung von 35.000 Stellen ermöglichen. Im Gegenzug verzichtet die Regierung darauf, angedrohte Austeritätsmaßnahmen durchzusetzen. Auf Steuerreduktionen, wie sie die Gewerkschaften im Gegenzug für den Verzicht auf Lohnzuwachs fordern, will sich Finanzminister Stubb allerdings nicht festlegen.