JEAN-CHRISTOPHE BOTT / KEYSTONE

Interview mit Nobelpreisträger Alvin Roth

„Börsenregeln stammen aus der Zeit, in der es keine Computer gab“

von Sebastian Bräuer / 24.01.2016

Nobelpreisträger Alvin Roth macht einen revolutionären Vorschlag, wie der Aktienhandel sicherer gemacht werden könnte. Auch was die Bewältigung der Flüchtlingskrise angeht, hat der Spieltheoretiker Verbesserungsvorschläge.

NZZ am Sonntag: Eigentlich ist Ihre Karriere ein Wunder: Sie haben einst die High School abgebrochen.

Alvin Roth: Das stimmt. Ich war ein schlechter Schüler und hatte keine Wertschätzung für das, was die Lehrer uns unterrichteten, also bin ich gegangen.

Wie ist aus dem Schulabbrecher ein Nobelpreisträger geworden?

Empfehlen Sie in Ihrer Zeitung bitte nicht, die Schule zu schwänzen. Ich bin sehr für Bildung. Ich habe damals samstags an einem Schülerprogramm der Columbia University teilgenommen. Als ich mich dann für ein Bachelorstudium bewarb, haben sich ein paar Professoren für mich eingesetzt und gesagt, gebt dem Jungen eine Chance.

Gewissermaßen blieben Sie auch in Ihrer akademischen Laufbahn lange ein Außenseiter. Spieltheorie wurde von gestandenen Ökonomen kritisch beäugt. Man ging davon aus, dass sich Menschen rational verhalten.

Seitdem hat es große Fortschritte gegeben. Es ist heute Konsens, dass sich die Menschen nicht so verhalten, wie es traditionelle Modelle von ihnen erwarten. Das ist für mein heutiges Hauptgebiet, das Marktdesign, sehr wichtig. Nehmen Sie Nierenspenden. Jemand, der gerade eine Niere erhalten hat, setzt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit für weitere Spenden ein, obwohl er selbst keine Niere mehr braucht. Das zeigt, Menschen sind nicht egoistisch.

Hat sich die Kritik mittlerweile erledigt?

Revolutionen passieren auf eine Weise, die man als schnell oder langsam bezeichnen kann. Als ich 1974 meinen Abschluss machte, gab es keine experimentelle Ökonomie. Heute bezweifelt niemand mehr, dass ich Ökonom bin. Dabei bin ich von außen reingekommen. Das spricht für die Wissenschaft.

Aber Sie mussten kämpfen. Einmal bezweifelte das Leitmedium „The Economist“, dass Ökonomie überhaupt eine Wissenschaft sei, weil sie anders als die Physik nicht auf naturwissenschaftlichen Erkenntnissen beruhe.

Was für ein Unsinn. Wir arbeiten genauso mit Laborexperimenten. Ich habe einen Leserbrief geschrieben.

Der nicht veröffentlicht wurde.

Beim „Economist“ arbeiten Leute, für die Ökonomie noch das ist, was es war, als sie jung waren und studierten.

Verstehen Sie, dass Kritik am Fach aufkommt, weil angesichts ständiger Wirtschaftskrisen Erklärungsmodelle versagen? Nur wenige sahen den Beinahekollaps 2008 voraus.

Ökonomie ist eine junge Wissenschaft. Es gibt viel mehr, was wir nicht wissen, als was wir wissen. Aber das gilt für alle Wissenschaften. Unsere heutige Medizin wird Ihren Enkeln primitiv erscheinen. Was nicht bedeutet, dass man nicht heute schon zum Arzt gehen sollte, wenn man krank ist. Genauso sollten wir auch heute schon einen Ökonomen um Rat fragen, wenn eine Wirtschaftskrise ausbricht.

Obwohl er sie nicht vorhergesehen hat?

Auch Ärzte tun sich schwer, ganze Epidemien vorherzusagen. Aber sie können erfolgreich Grippe behandeln.

Glauben Sie, dass es eines Tages möglich sein wird, spieltheoretische Erkenntnisse aus einzelnen Bereichen wie ein Puzzle zusammenzusetzen und tatsächlich die gesamte Wirtschaft erklären zu können?

Das ist gut möglich. Es wird aber noch Jahrzehnte dauern und ist eher eine Sache unserer Enkel.

Sie waren am Aufbau einer Nierendatenbank in den USA beteiligt. Warum braucht es dafür Ökonomen?

Weil ein spieltheoretisches Problem vorlag, das dafür sorgte, dass der Markt nicht funktionierte. Abhängig von der Blutgruppe kann es einfach oder schwer sein, einen geeigneten Nierenspender zu finden. Ein Spital, das einen potenziellen Spender mit einer häufigen Blutgruppe gefunden hatte, hatte einen Anreiz, diese Information zu verheimlichen, weil es dann bessere Chancen hatte, die Transplantation selbst auszuführen. Dadurch sank letztlich die Zahl der Spenden, und es kam zu Todesfällen, die vermeidbar gewesen wären. Der Kongress versuchte vergeblich, das Problem zu lösen.

Was haben Sie besser gemacht?

Wir haben ein Austauschprogramm geschaffen, das auf Erkenntnissen über das Funktionieren von Märkten basierte. Spitäler müssen wissen, dass sie für jede Niere, die sie infolge geteilter Informationen abgeben, ausreichend Geld erhalten.

Jetzt engagieren Sie sich dafür, ein System, das schon in den USA komplex umzusetzen war, auf andere Länder auszuweiten. Mit welchem Erfolg?

Auf den Philippinen hat gerade das erste Paar aus Spender und Empfänger den Jahrestag der Transplantation gefeiert. Je größer die Datenbank, desto besser funktioniert sie. Länder, in denen es viele Spender gibt, profitieren genauso wie Länder mit Spendermangel. Jeder profitiert von einem funktionierenden Markt. In Nigeria waren wir bisher leider weniger erfolgreich. In Ermangelung eines funktionierenden Gesundheitssystems wird Nierenversagen dort häufig nicht früh genug erkannt. Aber das weltweite Potenzial ist groß.

Wie bewerten Sie die aktuellen Schwankungen bei Aktienpreisen? Handelt es sich hier auch um einen schlecht funktionierenden Markt?

Kursrutsche können auch von Neuigkeiten getrieben sein. Momentan verarbeiten die Märkte die Nachricht, dass der Erdölpreis tief gefallen ist.

Das erklärt aber nicht, warum es an einem Tag 3 Prozent abwärtsgeht und an den nächsten beiden Tagen wieder genauso weit nach oben.

Da ist die Volatilität in der Tat höher als durch die Informationslage gerechtfertigt. Es ist ein Zeichen von Unsicherheit. Was mich aber mehr beunruhigt, ist die Volatilität als Folge des Hochfrequenzhandels. Beim „Flash Crash“ im Jahr 2010 stürzten Aktien innerhalb weniger Minuten ab, weil Algorithmen auf andere Algorithmen reagierten, ohne dass es fundamentale Gründe gegeben hätte. Das hätte mit einem guten Marktdesign verhindert werden können.

Was schlagen Sie vor?

Es wäre möglich, Angebot und Nachfrage nur im Sekundentakt zusammenzubringen und die Transaktionen nur noch in diesem Rhythmus umzusetzen. Das würde eine Regeländerung voraussetzen.

Warum halten Sie einen solchen Eingriff für notwendig?

Dank Investitionen in Milliardenhöhe ist es heute möglich, Informationen in weniger als neun Millisekunden von der New York Stock Exchange an die Chicago Mercantile Exchange zu senden. Zum Vergleich, ein Augenblinzeln dauert Hunderte Millisekunden. Wer die Technologie besitzt, hat einen Vorteil, was letztlich dazu führt, dass die Liquidität sinkt, weil andere Marktteilnehmer unsicherer werden. Die Regeln, nach denen Aktien gehandelt werden, stammen noch aus Tagen, an denen es keine Computer gab. Das Marktdesign von Zeit zu Zeit zu ändern, ist nicht ungewöhnlich.

Jahrzehntelang herrschte die Lehrmeinung, Märkte sollten möglichst frei sein.

Ein Markt ist dann gut, wenn seine Regeln so gut sind, dass Teilnehmer frei agieren können. Schon Friedrich August von Hayek war der Meinung, dass funktionierende Märkte Eigentumsrechte voraussetzen.

Eine Lokalzeitung hat über Sie geschrieben: „Der Ökonom, der aufhörte, die Welt nur zu studieren, und der begann, sie in Ordnung zu bringen.“ Eine treffende Beschreibung?

Es geht in der Tat darum, Märkte in Ordnung zu bringen. Mit Spieltheorie lässt sich herausfinden, was dafür zu tun ist. Übrigens nicht nur auf Märkten, in denen mit Geld gehandelt wird.

Der Ansatz dürfte Kritiker auf den Plan rufen, die von Weltverbesserungs-Gelüsten sprechen.

Es geht ja nur um bestimmte Märkte, nicht um die ganze Welt. Es gibt Makro- und Mikro-Ökonomen. Marktdesigner sind im Grunde Nano-Ökonomen. Ich habe geholfen, die Vermittlung von Schülern an öffentliche Schulen in New York und Boston zu verbessern und die Verteilung der Ärzte auf Spitäler in den USA.

Haben Sie einen Vorschlag, die Flüchtlingskrise in Europa besser zu bewältigen?

Wegen der Dublin-Regeln müssen Flüchtlinge in dem Land Asyl suchen, in dem sie sich zum ersten Mal ausweisen. Das lässt sie zögern, Informationen preiszugeben. Wahrscheinlich wäre es zunächst einmal besser, sämtliche Informationen schon in Ankunftsländern wie der Türkei und Jordanien aufzunehmen. Es muss attraktiver werden, sich offiziell in der Türkei zu melden, als mit dem Boot übers Meer zu flüchten.