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Boomende Flusskreuzfahrten: Die Sehnsucht nach dem Strom

von Daniel Imwinkelried / 15.10.2016

Der Bergtourismus kriselt, und vielen Mittelmeerdestinationen geht es schlecht. Die Flusskreuzfahrtbranche erzielt dagegen hohes Wachstum. Auch sie muss aber nach neuen Märkten Ausschau halten.

Über die Mittagszeit herrscht in der Burgunder Weinbaustadt Beaune Hochbetrieb. Eine amerikanische Reisegruppe drängt in das Hôtel-Dieu, das berühmte Krankenhaus aus dem 15. Jahrhundert. Unterwegs sind die amerikanischen Touristen im Osten Frankreichs allerdings nicht per Bus wie noch ihre Eltern. Sie bereisen die Region auf einem Kreuzfahrtschiff auf der Saône und der Rhône.

Manche Bereiche des Fremdenverkehrs sind jüngst in eine Krise geraten. Der Schweizer Bergtourismus etwa leidet unter dem starken Franken, und in gewissen Ländern am Mittelmeer hat die Angst vor Anschlägen die Gäste vertrieben. Ein- oder zweiwöchige Schiffsreisen dagegen sind in den vergangenen Jahren immer beliebter geworden – nicht nur auf dem Meer, sondern eben auch auf Europas grossen Flüssen wie dem Rhein, der Donau, der Rhône und der Saône. Laut der Branchenvereinigung IG River Cruise unternahmen im vergangenen Jahr 1,33 Mio. Passagiere eine solche Reise, 21% mehr als im Vorjahr. Dabei täuscht der flüchtige Eindruck im burgundischen Beaune nicht. Nordamerikaner waren im 2015 auf Europas Flüssen zum ersten Mal das bedeutendste Gästesegmente mit einem Anteil von 38%, womit sie die Deutschen auf den zweiten Rang (29%) verdrängten.

Vom Wachstum überrascht

Die Triebfeder dieser neuesten Entwicklung ist die Basler Gesellschaft Viking River Cruises. Die vom Norweger Torstein Hagen gegründete Firma hat das Nordamerika-Geschäft stark forciert, und ein beachtlicher Teil der jüngst in Dienst genommenen Flussschiffe geht auf ihr Konto (vgl. Grafik). Heute betreibt das Unternehmen 52 Schiffe auf Europas Gewässern. Insgesamt schippern auf ihnen 340 Kreuzfahrtboote mit Platz für 50 000 Passagiere.

Eine rasante Veränderung erlebte auch der Schweizer Quellmarkt, dessen Entwicklung massgeblich von den beiden Anbietern Twerenbold und Thurgau Travel vorangetrieben wurde. Der Unternehmer Werner Twerenbold entschied sich 2004, ein firmeneigenes Flussschiff bauen zu lassen, um Synergien mit den angestammten Busreisen zu schaffen. Ein Schiff sei viel, habe sein Vater damals gemeint, sagt der heutige Unternehmenschef Karim Twerenbold. Mittlerweile betreibt das KMU unter der Marke Excellence bereits acht Schiffe, die ihm zur Mehrheit gehören und von der Ausstattung her im oberen Segment positioniert sind.

Auch Twerenbolds Hauptkonkurrent, der Thurgau-Travel-Eigentümer Hans Kaufmann, sagt, er habe es nicht für möglich gehalten, wie rasch sich der Markt entwickle. Etwas gebremst wurde das europäische Geschäft in den vergangenen Jahren höchstens durch niedrige Wasserstände oder eine Hochwasserkatastrophe, wie sie sich 2013 in Passau ereignete. Politische Turbulenzen brachten die Aktivitäten auf dem Nil zum Erliegen, dort sind Schweizer Anbieter aber nur ganz marginal tätig.

Kein Stress

Der Boom gründet laut der Einschätzung von Branchenvertretern auf verschiedenen Faktoren. So könnten die Gäste von Reiseziel zu Reiseziel gondeln, ohne dass sie jeweils die Koffer packen und neu einchecken müssten. Träge dahinfliessende Gewässer hätten auf die Passagiere eine beruhigende Wirkung, und gerade alte sehenswerte Städte würden häufig an Flüssen liegen, da diese vor dem Eisenbahnzeitalter die Lebensadern der Wirtschaft waren.

Noch spricht dieser Mix aber vornehmlich eher reife Semester an. «Die Demografie spielt der Branche in die Hände», sagt Twerenbold. Laut den Daten von IG River Cruise sind zwei Drittel der europäischen Flusspassagiere zwischen 56 und 75 Jahre alt. Der Anteil der unter 40-Jährigen beträgt nur knapp 10%. Darin unterscheidet sich das Flussgeschäft stark von den Kreuzfahrten auf dem Meer, die zunehmend auch bei Familien und jungen Leuten auf Anklang stossen. Meerschiffe haben sich immer mehr zu schwimmenden Ferienresorts entwickelt, und bald wird mit der «Norwegian Joy» ein Koloss vom Stapel laufen, auf dem es sogar eine Kartbahn gibt. Den Reedereien ist es mit solchen Vergnügungsangeboten gelungen, neue Gästesegmente zu erschliessen. Zusätzlich ausgeweitet haben die Anbieter das Geschäft, indem sie Themenreisen für verschiedene Kunden entwickelt haben. So bleiben Ländlermusik-Freunde oder Frischvermählte unter sich.

Umgebautes Boot für Chinesen

Demgegenüber existieren bei der Flusskreuzfahrt systembedingt Schranken, die das Wachstum limitieren. So sollte ein Schiff nicht länger als 135 Meter sein, weil es sonst nicht mehr in die Schleusenbecken passt, und das starke Verkehrsaufkommen führte bei beliebten Anlagestellen schon zu Engpässen, die sich nur durch eine gute Planung umschiffen lassen. Ohnehin scheint die Phase des ungestümen Wachstums zu Ende zu sein, was sich auch an einer sinkenden Zahl neu in Betrieb genommener Schiffe zeigt (vgl. Grafik). Gleichwohl gehen Branchenvertreter von weiter steigenden Passagierzahlen aus. Gespannt beobachten sie allerdings, ob die Terroranschläge in Frankreich und Belgien die Reiselust der Amerikaner dämpfen werden.

Weil die Anbieter trotz starkem Wachstum noch in einem engen Markt agieren, suchen sie nach Möglichkeiten, wie sich die Geschäfte ausweiten liessen. Man habe zunehmend Erfolg im Alterssegment 50 plus, sagt ein Veranstalter. Gleichzeitig erschliessen die Unternehmen neue Reisegebiete, die ebenfalls helfen sollen, jüngere Gäste zu gewinnen. Vor einigen Jahren entschied sich Kaufmann von Thurgau Travel, das Flussgeschäft in Burma mit einem lokalen Partner aufzubauen. Weil mit einer solchen Reise ein Langstreckenflug verbunden ist, seien die Gäste, welche dieses Angebot nutzten, zehn bis fünfzehn Jahre jünger als die angestammte Kundschaft, sagt er. Sozusagen den umgekehrten Weg geht die expansive Viking-Gruppe. Nachdem sie mit voller Kraft den amerikanischen Quellmarkt erschlossen hat, richtet sie ihren Blick nach Osten. Extra für Gäste aus China liess sie soeben ein Schiffe umbauen für Reisen auf dem Rhein.