REUTERS/Luke MacGregor/Files

Währung

Boris Johnson taucht auf, das Pfund taucht ab

von Christof Leisinger / 23.02.2016

Die britische Währung gibt nach. Ihr fehlt wegen nachlassenden Wachstums die Zinsphantasie. Dazu kommen Sorgen über die negativen Folgen eines möglichen EU-Austritts.

Die Diskussionen über einen möglichen Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union belasten das Pfund. Die Währung verlor in den vergangenen Tagen bis zu 2,5 Prozent zum Franken, nachdem sie seit Mitte November 2015 schon um 9,5 Prozent nachgegeben hatte.

Gegen den Dollar ging es alleine am Montag 2,1 Prozent nach unten, nachdem bekannt geworden ist, dass der Londoner Bürgermeister Boris Johnson für den Austritt Großbritanniens werben wird. Der mittelfristige Trend zeigt eine deutlich stärkere Abwertung, zum Franken, zum Dollar und zum Euro.

Wirtschaft verliert Dynamik

Das Pfund gilt gemessen an Bewertungsmodellen wie der Kaufkraftparität als um 25% unterbewertet zur Schweizer Währung. Das heißt aber nicht, dass es nicht noch schwächer werden könnte. Tatsächlich fürchten Investoren, die britische Wirtschaft würde nur noch schwach wachsen, sollte die Bevölkerung des Landes bei dem für den 23. Juni anberaumten Referendum gegen den Verbleib im Euro-Raum stimmen.

Schon in den vergangenen Monaten haben die Wachstumsraten des britischen Bruttoinlandprodukts stetig abgenommen und im vierten Quartal des vergangenen Jahres ein Tief von 1,9% erreicht. Noch im zweiten Quartal 2014 war die Wirtschaft um 3% gewachsen. Die Konsumentenstimmung stagniert auf erhöhtem Niveau, und die Auftragseingänge der Industrie tendieren eher nach unten als nach oben.

Das gibt der Bank of England zusammen mit einer sehr tiefen Inflationsrate knapp über null Prozent die Möglichkeit, den Leitzins weiterhin auf dem rekordtiefen Niveau von 0,5 Prozent zu belassen. Sollten sich die britischen Wähler für den „Brexit“, also für einen Abschied aus der Euro-Zone, entscheiden, würde die britische Wirtschaft schon vor dem möglichen Austritt am 1. Januar 2019 weiter geschwächt werden. Manche Fachleute rechnen schon im Vorfeld des Referendums mit ersten deutlicheren Beeinträchtigungen, da jüngste Umfragewerte auf eine hohe Wahrscheinlichkeit für ein negatives Votum hindeuten.

Das Pfund bleibt angeschlagen

Durch den effektiven Verlust des uneingeschränkten Zugangs zum europäischen Binnenmarkt würden später dann nicht nur die Handelsbeziehungen behindert, die Großbritannien mit den anderen EU-Staaten unterhalte, sondern das Land würde zudem die „Magnet-Funktion“ für ausländische Direktinvestitionen aus Nicht-EU-Ländern verlieren, heißt es. Das Pfund werde deswegen voraussichtlich unter Druck bleiben, und die britischen Renditen könnten steigen, sobald der Markt beginne, eine Risikoprämie einzupreisen. Manche Analytiker sehen im Extremfall sogar die Finanzstabilität Großbritanniens gefährdet. Die Konstruktiven unter ihnen denken, die Bank of England werde spätestens dann stabilisierend eingreifen müssen, wenn das Pfund zu schwach sei und die Importpreise deutlich steigen würden.