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Analyse

Brasilien im freien Fall

von Alexander Busch / 09.01.2016

Noch vor nicht zu langer Zeit war Brasilien weltweit der Star der Schwellenländer – nun liefert es schlechte Nachrichten aus Politik und Wirtschaft in Serie. Brasilien könnte eine verlorene Dekade erleben, wie zuletzt in den 1980er Jahren.

Vom Zuckerhut hat man einen atemberaubenden Blick über Rio de Janeiro: Der Cristo ist zum Greifen nah, die Traumstrände der Copacabana und Ipanema ebenso, die Brücke über die Guanabara-Bucht, sogar das Maracanã-Stadion lässt sich erkennen. Das war schon immer so. Neu ist, dass man vom Zuckerhut aus einen guten Überblick darüber hat, was in Brasilien gerade scheitert oder durch haarsträubende Fehlplanung und gigantische Korruption in den Sand gesetzt wurde. Brasilien erlebt eine der schwersten Krisen seiner Geschichte – rund zehn Jahre nachdem es zum Star unter den Emerging Markets aufgestiegen ist. Vom Zuckerhut aus wird die Krise ersichtlich.

Der Blick des Cristo.
Credits: EPA/Marcelo Sayao

Pleiten und Korruption

Da wäre zum Beispiel der silbrig-schwarze, futuristische Hochhauswürfel, der aus dem Zentrum Rios herausragt. Es ist die Zentrale von Petrobras. Der staatliche Ölkonzern ist pleite, lediglich die öffentliche Kontrolle sichert ihm das Überleben. Der einst wichtigste ausländische Konzern an der Wall Street hat weder Kapital für Investitionen noch Aussichten, bald welches geliehen zu bekommen. Die Regierungen von Präsident Luiz Inácio Lula da Silva und seiner Nachfolgerin Dilma Rousseff haben das Unternehmen mit einer falschen Industriepolitik in den Ruin geführt.

Solange Petrobras ums Überleben kämpft, werden die größten neu entdeckten Ölreserven der Welt unter dem Meeresboden bleiben müssen. Geschätzt sechs Milliarden Dollar wurden beim Konzern über Korruptionskanäle an Politiker, Manager und Unternehmer abgezweigt. Vom Zuckerhut aus sind auch die Korruptionsfolgen auf der anderen Seite der Bucht zu sehen: In den Schiffswerften in Rios Schlafstadt Niterói regt sich nichts mehr. Halbfertige Ölplattformen stehen im Wasser. Die Arbeiter wurden entlassen, seit Petrobras nicht mehr zahlt. Beim Werftunternehmen Sete Brasil haben mehrere brasilianische Banken Milliarden verloren. Nicht weit von Petrobras befindet sich der bräunlich-goldene Hauptsitz von Vale, einem der größten Bergbaukonzerne der Welt. Schon länger belasten den Konzern die niedrigen Eisenerzpreise, die von über 200 Dollar die Tonne auf unter 40 Dollar gesunken sind. Jedes Quartal streicht der Konzern seine Investitionspläne weiter zusammen und verkündet Beteiligungsverkäufe, um Kasse zu machen. Doch nun hat Vale ein weiteres Problem am Hals.

Untrügliches Zeichen von Boom und Bust in Brasilien
Untrügliches Zeichen von Boom und Bust in Brasilien

Credits: Factset

Vor zwei Monaten brach beim Tochterunternehmen Samarco in den Bergen Brasiliens ein Staudamm. Es brauchte zwei Wochen, bis die Schlammlawine die Atlantikküste erreichte. Mit jedem Tag stieg in Brasilien die Wut über die Umweltkatastrophe. Die Brasilianer sind entsetzt über die laschen Umweltauflagen und die faulen Ausreden des Vale-Chefs Murilo Ferreira. Der wollte die Verantwortung an die Tochter Samarco abschieben.

Aus und vorbei

Die Regierung war bei den Umweltauflagen für den Devisenbringer Vale nachsichtig. Nun muss sie zurückrudern: Vale und der ebenfalls beteiligte australische Konzern BHP Billiton sollen fünf Milliarden Dollar Schadenersatz bezahlen.

Die Serie an schlechten Nachrichten reißt nicht ab: Die Wirtschaft steckt in einer schweren Stagflation – ohne Aussichten auf baldige Besserung. Die Inflation beträgt knapp elf Prozent, und Brasiliens Wirtschaft könnte in den drei Rezessionsjahren acht Prozent schrumpfen, fürchtet der Chefökonom der Credit Suisse, Nilson Teixeira. Es wäre dann die schwerste und längste Rezession Brasiliens in einem Jahrhundert. Teixeira prognostiziert, dass Brasiliens Wirtschaft 2018 wieder dort stehen wird, wo sie sich 2003 befand – vor der Boomphase, die Brasilien nach der Prognose von Goldman Sachs als BRIC-Land in die Liga der Weltwirtschaftsmächte katapultieren sollte.

Damals wurde Brasilien mit seinen gigantischen Ölvorräten und dem führenden Ethanolprogramm der Welt zum Ernährer und Rohstoffzulieferer der Menschheit. Über mehrere Jahre hinweg feierte die Börse in São Paulo die stärksten Indexgewinne und die größten Börsengänge weltweit. Die Regierung ermöglichte 30 Millionen Menschen den Aufstieg in die Mittelschicht, und das Land redete beim Klimawandel, im Welthandel und während der Finanzkrise 2009 mit den Großmächten auf Augenhöhe mit. Aus und vorbei. Vom zeitweiligen Spitzenplatz fünf unter den weltgrößten Ökonomien dürfte Brasilien bald auf Rang zehn oder noch weiter abgerutscht sein. Brasilien ist keine Vorzeigeökonomie mehr, noch hat es eine fähige Regierung. Sein Einfluss in der Welt ist heute unbedeutend. Das Land hat sich weitgehend aus der Weltpolitik zurückgezogen und übt nicht einmal mehr in Lateinamerika Einfluss aus.

Sparen hat keine Chance

Es gibt derzeit keine Hoffnung, dass sich kurzfristig etwas bessern könnte. Das liegt einerseits an den Korruptionsskandalen, welche die Politik in Beschlag nehmen. Viele der wichtigsten Politiker der Regierungskoalition wurden schon verurteilt oder fürchten, dass sie von der Bundespolizei festgenommen werden. Die Präsidentin Dilma Rousseff ist zudem damit beschäftigt, das Amtsenthebungsverfahren zu vermeiden, welches die Opposition gegen sie gestartet hat. Erst im März dürfte der Kongress darüber abstimmen. Die Opposition will den Entscheid möglichst lange hinauszögern, damit der Druck der Straße gegen die Präsidentin zunimmt. Denn die Folgen der Rezession mit steigender Arbeitslosigkeit und Firmenpleiten werden in den nächsten Monaten für die Bevölkerung spürbar werden, so das Kalkül der Rousseff-Gegner.

Der Misery Index (Elendsindex) zeigt die Summe von Arbeitslosenquote und Inflationsrate an und spiegelt damit die makroökonomischen Herausforderungen eines Landes wider.

Doch so verrinnt kostbare Zeit: Ein Haushaltsausgleich muss dringend her, um zu verhindern, dass die Verschuldung Brasiliens weiter ansteigt. Den Status als sicherer Schuldner von Fitch und S&P hat Brasilien bereits verloren. Moody’s dürfte Brasilien-Anleihen in Kürze ebenfalls auf Ramschniveau herabstufen. Doch Sparmaßnahmen haben derzeit kaum Chancen, den Kongress zu passieren. Die Verschuldung könnte bis 2018 auf 90 Prozent des Bruttoinlandproduktes anwachsen, fürchtet Armínio Fraga, Investmentbanker und ehemaliger Präsident der Zentralbank. Brasilien steuert auf eine Verschuldungskrise zu – wie früher in den achtziger Jahren. Dem Land droht erneut eine „verlorene Dekade“.

Olympiade über toten Hunden

Eigentlich haben die Verantwortlichen schon längst das Handtuch geworfen.

Auch der Exportmotor stottert: Die Preise für Brasiliens Rohstoffe wie Soja, Eisenerz oder Zucker sind so niedrig wie zuletzt vor zehn Jahren. Grund dafür ist die stagnierende Nachfrage aus China. Jetzt rächt sich, dass Brasilien die Einnahmen des Rohstoffbooms weitgehend mit Konsum verprasst hat, aber nicht an den Reformen gearbeitet hat, die nötig wären, um Brasiliens Wirtschaft produktiver zu machen. Die durchschnittliche Arbeitsproduktivität des Brasilianers stagniert seit den achtziger Jahren. Bis vor kurzem konnte das mit einem Zustrom junger Menschen auf den Arbeitsmarkt kaschiert werden. Doch der demografische Bonus Brasiliens zehrt sich auf. Die brasilianische Gesellschaft altert rapide.

Noch ein anderes Monument des Scheiterns lässt sich vom Zuckerhut aus nicht nur sehen, sondern bei richtiger Windrichtung sogar riechen: die Guanabara-Bucht und ihr Kloakengestank. Die Abwässer von zehn Millionen Menschen fließen ungeklärt in die Bucht. Bisher störte das nur die Armen in Rios Favelas. Doch in einem halben Jahr wird die Weltöffentlichkeit auf die Bucht starren: In dieser werden sich dann olympische Segler und Surfer messen. Brasilien versprach, die Bucht zu säubern, Milliarden wurden ausgegeben – inzwischen haben die Organisatoren zugegeben, dass sie maximal ein Fünftel der Bucht werden säubern können. Netze an den Zuflüssen sollen verhindern, dass Jollen, Katamarane und Surfboards über tote Hunde, treibende Bettgestelle oder Autoreifen brettern müssen. David Zee, Ozeanologe an der staatlichen Universität Rios, sagt: „Eigentlich haben die Verantwortlichen schon längst das Handtuch geworfen.“ Das beschreibt den derzeitigen Zustand Brasiliens auch sonst recht gut.