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Aufstieg und Fall der Nationen

Brasiliens unaufhaltsamer Niedergang

Meinung / von Gunnar Heinsohn / 11.08.2016

Warum bleibt man in Südamerika in einem mittleren technischen Niveau stecken, während China bei Hightech anlangt?

Das brasilianische Bruttoinlandprodukt schwindet. Es ist vergangenes Jahr um 4 Prozent gesunken und in der ersten Jahreshälfte 2016 um weitere knapp 6 Prozent. Dies wird gemeinhin mit dem Rückgang der Rohstoffpreise, der endemischen Korruption, der Aufblähung konsumtiver Staatsausgaben sowie mangelnder Sparsamkeit in der Hochkonjunktur erklärt.

Dilma Rousseff identifiziert die „politische Krise“, die im Mai zu ihrer Suspendierung vom Präsidentenamt geführt hat, als zusätzlichen Treiber der Arbeitslosigkeit. Diese ist von 6,2 Prozent im Dezember 2013 auf 11,3 Prozent im Juni 2016 geklettert. Auch die Senkung der Monatslöhne um 4 Prozent seit Anfang 2015 auf durchschnittlich 547 US-Dollar stoppt die Entlassungswelle nicht. Wenn Firmen um ihr Überleben kämpfen, sind korrupte Beamte, instabile Verhältnisse und staatliche Verschwender zwar unerfreulich, aber fürs Geschäft zählen vor allem Innovationen, welche die Firma von der globalen Konkurrenz abheben. Die findet sich vor allem in China.

Wenn Firmen um ihr Überleben kämpfen, sind korrupte Beamte, instabile Verhältnisse und staatliche Verschwender zwar unerfreulich, aber fürs Geschäft zählen vor allem Innovationen, welche die Firma von der globalen Konkurrenz abheben.

Das Pro-Kopf-Einkommen dort betrug 1980 nur ein Viertel des brasilianischen. 2015 hat China diesen Rückstand aufgeholt, obwohl die Lateinamerikaner zwischen 1980 und 2013 ihre Wirtschaftsleistung versechsfacht haben. Trotzdem liegt das Einkommen in Brasilien heute nur vier Mal höher als 1980. Was macht China besser? Da sich das asiatische Land nicht durch wenig Korruption auszeichnet, muss es wichtigere Faktoren geben.

Auskunft darüber gibt etwa das US-Patentamt, das potenzielle Neuerungen erbarmungsloser prüft als die Institute anderer Länder. 2002 akzeptierte es 390 chinesische, aber lediglich 112 brasilianische Patente. 2015 stand es 9004 zu 381 für China. Die 210 Millionen Brasilianer (davon 110 Millionen Erwerbstätige) liegen bezüglich Innovationskraft ungefähr gleichauf mit den 4,5 Millionen Neuseeländern (2,5 Millionen Erwerbstätige mit 352 Patenten). Selbst Europas Dauerpatienten – die gut 10 Millionen Portugiesen und knapp 11 Millionen Griechen – entwickelten sich mit einem Sprung von 12 auf 67 bzw. 22 auf 77 Patente vielversprechender als die Latinos, auch wenn dies von der Menge her noch immer hoffnungslos wenig war. Als die Brasilianer Anfang der achtziger Jahre beginnen, ihre Industrie auszubauen, unternimmt China gerade seine ersten Schritte in die Eigentumsökonomie, die permanentes Wachstum benötigt, um die Zinsen aufs Geld zu erwirtschaften.

Doch warum bleibt man in Südamerika in einem mittleren technischen Niveau stecken, während China bei Hightech anlangt? Weil Brasilien in den letzten fünfzehn Jahren keinen Durchbruch geschafft hat. Seine mediokre Industrie hat einen schweren Stand gegen Billigkonkurrenz. Nur ein Innovationsschub würde dies ändern. Doch dafür spricht so gut wie nichts. Von 1000 Schülern in Schanghai haben in der Pisa-Studie 2012 lediglich 38 in Mathematik ungenügend abgeschnitten, derweil haben 554 mit gut oder sehr gut brilliert.

In Brasilien fanden sich unter 1000 Schülern nur 8 mathematisch Begabte, 671 schnitten schlecht ab.

In Brasilien hingegen fanden sich unter 1000 Schülern nur 8 mathematisch Begabte, aber 671 schnitten schlecht ab. Positiv war einzig zu vermerken, dass 85 Prozent der brasilianischen Jugendlichen zu Protokoll gaben, in der Schule glücklich zu sein. Eine Qualifikation für den Arbeitsmarkt ist das nicht. Es fragt sich ernsthaft, wie sie und die knapp 60 Millionen Einwohner, die Brasilien bis 2050 hinzugewinnen will, ihren Lebensunterhalt verdienen sollen. Ist es sinnvoll, die Pisa-Kompetenzbefunde aus den Wirtschaftsanalysen herauszuhalten? Tragen sie nicht vielmehr dazu bei, die Herausforderungen besser einschätzen zu können? Immerhin sollen auch die in den USA zwischen 1990 und 2007 verloren gegangenen Industriearbeitsplätze zu 44 Prozent auf das Konto chinesischer Importe gehen.

Ein Blick auf die Pisa-Studie zeigt hier: Von 1000 Schülern in den USA schnitten 88 in Mathematik gut oder sehr gut ab, aber 258 landeten mit der Note „ungenügend“ im Abseits. Die Weltmacht steht klar besser da als Brasilien, aber Schanghai schwingt im Vergleich deutlich obenaus. Nun mag die Metropole an der Jangtse-Mündung nicht repräsentativ sein. Schauen wir uns also auch Macau und Taiwan an. In Macau scheiterten 108 (in Taiwan 128) von 1000 Schülern, während 243 (in Taiwan 372) in Mathe glänzten.

Auch verglichen damit sieht Amerika – unter welcher Regierung auch immer – schlecht aus. Deutschland rangiert mit 177 Gescheiterten bei 175 Erfolgreichen zwischen beiden Lagern in einer passablen mittleren Liga. Dieses Abschneiden ist immerhin besser als jenes Österreichs (187 negativ, 143 positiv). Die Schweizer Werte – 124 unten, aber 214 oben – stimmen da hoffnungsvoller. Wie sollte es in Brasilien aufwärtsgehen, wenn selbst die USA schwächeln? Noch verteidigen dort aschkenasische Überflieger wie Larry Ellison (Oracle), Sergey Brin (Google) und Mark Zuckerberg (Facebook) den westlichen Technologievorsprung.

Als das Team USA 2015 die Internationale Mathematik-Olympiade gegen den Dauersieger China gewann, standen – zum Entsetzen weisser Rassisten – drei asiatische und zwei aschkenasische Rechenkünstler im US-Sechserteam.

Doch ohne ihre ostasiatischen Mitarbeiter und Ehepartner steckten womöglich auch diese Giganten schon in ihrer Spätphase. Solche Verbindungen bewähren sich auch anderweitig: Als das Team USA 2015 die Internationale Mathematik-Olympiade gegen den Dauersieger China gewann, standen – zum Entsetzen weisser Rassisten – drei asiatische und zwei aschkenasische Rechenkünstler im US-Sechserteam. Dessen ungeachtet, muss Facebook bei Wechat die raffinierte Ein-Plattform-Kombination aus Messaging, Videokonferenzen, Kaufabschlüssen und Bezahldiensten abkupfern, um den Anschluss nicht zu verlieren. Von israelischen Hightechfirmen wie Playtika und Toga Networks holen sich auch chinesische Unternehmen, was ihnen – noch – als überlegen erscheint. Gleichwohl sind Zhang Xiaolong – der Entwickler von Wechat – und seine Heimatstadt Guangzhou in Europa nur selten ein Thema.

Und wer kennt schon die Namen der chinesischen Wettbewerber von Wechat? Die jagen den erst 2011 gestarteten Marktführer – Facebook blüht seit 2003 – so rastlos, dass der „Economist“ jetzt spottet, dass „westliche Apps für chinesische Nutzer hoffnungslos veraltet wirken“.

Gunnar Heinsohn ist Soziologe, Ökonom und Verfasser mehrerer Bücher. Er lehrt am Nato Defense College in Rom.