Everett Kennedy Brown / Keystone

Dresscode in der City

Braune Schuhe gefährden die Karriere

von Gerald Hosp / 09.09.2016

Investmentbanken in London bevorzugen Abgänger von Eliteuniversitäten – nicht nur wegen der exzellenten Ausbildung, sondern auch aus Gründen der Kulturkompetenz.

Jeder Stamm hat seine geschriebenen und ungeschriebenen Regeln. Wer diese nicht kennt, gehört – eben – nicht zum Stamm. Dies bekommen in der City, auf dem Londoner Finanzplatz, laut einem Bericht der Kommission für soziale Mobilität vor allem diejenigen Stellenbewerber zu spüren, die nicht auf einer Privatschule oder an einer Eliteuniversität waren. Aspiranten mit einem weniger privilegierten Hintergrund begehen häufiger als Eton- oder Oxford-Abgänger den Fauxpas, braune Schuhe zu einem Geschäftsanzug oder Krawatten mit einem lauten Muster zu tragen. Bankern vom Kontinent werden die braunen Schuhe noch verziehen, Briten aber nicht. Vor allem für Jobs mit Kundenkontakt sind ein properer Haarschnitt und ein gut sitzender Anzug ein Anzeichen dafür, die Kultur der Investmentbanken zu kennen. Zudem signalisiert ein geschliffenes Auftreten auch ein gerüttelt Mass an Selbstvertrauen, das für das Arbeiten in Finanzinstituten offenbar erforderlich ist. Was will man aber auch von einer Branche erwarten, die mit imponierenden Bauten oberflächlich Solidität und Vertrauenswürdigkeit demonstrieren will?

Die Studie der Kommission spiegelt auch die ewige Diskussion über die Chancen(un)gleichheit im klassenbewussten Grossbritannien. Die neue Premierministerin Theresa May wird nicht müde zu betonen, dass sie ein Land möchte, in dem jeder die gleichen Möglichkeiten habe. Die Zusammensetzung der britischen Elite deutet noch in die Gegenrichtung hin. Nur rund 7% der Schüler auf der Insel besuchen eine Privatschule. Laut dem Sutton Trust haben aber 51% der Top-Banker eine nichtstaatliche Schule absolviert. Ähnlich hoch ist übrigens der Anteil bei den führenden Journalisten und bei den Medizinern. Das Parlament und auch die britischen Gewinner von Olympiamedaillen setzen sich zu einem Drittel aus „Privatschülern“ zusammen. Da ist es schon beruhigend, dass das Enfant terrible Boris Johnson trotz schlechtem Haarschnitt und zu grossen Anzügen Aussenminister werden konnte. Der Eton- und Oxford-Abgänger kennt die Stammesbräuche aber wohl so gut, dass er sich gezielt darüber hinwegsetzen kann.