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Interview

Brexit: „Großbritannien hat viel zu gewinnen“

von Lukas Sustala / 22.06.2016

Großbritannien habe im Falle des Brexit ökonomisch wenig zu befürchten, sagt der Ökonom Roger Bootle. Warnungen vor einem Crash der Währung weist er zurück. Warum Österreich aber wohl weniger Grund hat, die Union zu verlassen, erläutert der Euro-Kritiker im Interview mit NZZ.at.

Der Ökonom Roger Bootle hat einen Plan für die Auflösung der Eurozone vorgelegt. Jetzt plädiert er für einen Austritt Großbritanniens aus der EU.
Credits: Capital Economics

Roger Bootle ist so etwas wie der Vordenker des EU-skeptischen Lagers. Der Ökonom und Gründer des Wirtschaftsforschungsunternehmens Capital Economics ist der Preisträger der – dem Preisgeld nach – zweitwichtigsten Auszeichnung in der Ökonomie. Als der britische Lord Simon Wolfson den „Wolfson Economics Prize“ mit einem Preisgeld von 300.000 Pfund ausgelobt hat, reichte Bootle seine „Praktische Anleitung zum Euro-Austritt“ mit 112 Seiten ein und gewann. Heute kampagnisiert Bootle für den EU-Austritt Großbritanniens, obwohl er gleichzeitig vor einer langen Phase der Unsicherheit warnt. Wie kommt der Ökonom zu seinen Schlussfolgerungen? Und würde er den EU-skeptischen Österreichern ebenso zu einem Austritt raten?

NZZ.at: Sie machen Werbung für den Brexit, auch aus ökonomischen Gründen. Hat Großbritannien viel zu gewinnen, wenn am Donnerstag das „Leave“-Camp gewinnt?

Roger Bootle: Bei diesem Referendum geht es nicht nur um Ökonomie, sondern auch viel um Politik. Es gibt viele, die sich dafür aussprechen, die EU zu verlassen, selbst wenn das mit einem Preis verbunden wäre. Darüber muss man sich im Klaren sein.

Also gibt es gar keinen ökonomischen Grund für „Leave“?

Haben in der Brexit-Debatte für viel Zündstoff gesorgt: Die EU-Beiträge Großbritanniens
Haben in der Brexit-Debatte für viel Zündstoff gesorgt: Die EU-Beiträge Großbritanniens
Brutto = Gross Contribution.
Netto = nach Abzug von „Briten“-Rabatt und anderen Rückflüssen, Net Contribution.
Credits: BBC

Doch. Eines ist gewiss: Es gibt keinen hohen Preis von Großbritannien zu zahlen, wenn es die EU verlässt. Aber die Vorteile für Großbritannien außerhalb der EU würden sich auch nicht sofort einstellen. Wenn die „Leave“-Kampagne erfolgreich war, würde man nicht am Tag darauf aufwachen und sagen können „Wow, uns geht es jetzt besser“. Zunächst einmal ist es ja gar nicht gesagt, wie lange es effektiv dauern wird, die EU zu verlassen. In jedem „Zwischenstadium“ wird Großbritannien wohl noch Beiträge an die EU überweisen, also hätte man noch keinen budgetären Effekt.

Aber die Zahlungen sind ja nur ein Aspekt eines EU-Austritts.

Das stimmt. Regulierungen bleiben das zentrale Thema der Menschen aufseiten des „Out“-Camps, und die sind rechtlich und politisch ein heikles Thema. Bei der Entscheidung, die EU zu verlassen, muss man sich auch überlegen, welche Regulierungen man von der EU übernimmt und welche nicht. Hier hat Großbritannien viel zu gewinnen, doch es wird eine Zeit dauern. Ähnlich wird es im Bereich Handel aussehen. Es wird eine Zeit lang dauern, um Freihandelsabkommen mit der EU und anderen Handelspartnern abzuschließen.

Ist es nicht eindeutig, wie Großbritannien im Falle eines „Brexit“ agieren sollte, nämlich handelspolitisch möglichst eng mit Europa vernetzt zu bleiben? Die meisten Ökonomen fordern ja das Bekenntnis zum EU-Binnenmarkt.

Das ist ein Täuschungsmanöver. Wenn man Teil des Binnenmarktes ist, muss man ja auch seine Regeln und Gesetze akzeptieren. Dann zahlt man Geld in die EU, wie es Norwegen oder die Schweiz eben machen. Das Ziel müsste daher wohl sein, außerhalb des Binnenmarktes zu bleiben, damit man nichts bezahlen muss und es keinen Zuzug von Arbeitsmigranten nach Großbritannien gibt. Aber gegeben dieser Einschränkungen sollte man wohl den engsten Deal mit der EU, der möglich ist, verhandeln.

Großbritannien ist eine sehr spezielle Volkswirtschaft, etwa mit einem sehr bedeutsamen Finanzsektor. In anderen EU-Ländern sieht die ökonomische Gleichung wohl anders aus. Österreich etwa ist eine kleine, offene Volkswirtschaft in Zentraleuropa. Wie beurteilen Sie in diesem Fall die Abwägung bei einem möglichen Referendum? „Leave“ oder „Remain“?

Die Ökonomie eines Austritts wäre eine ganz andere. Der Anteil des Handels mit der EU ist in Österreich enorm. Das erhöht die möglichen Verluste eines Austritts. Wenn man dieselbe Analyse für Österreich anstellt wie für Großbritannien wird das Ergebnis ein anderes sein. Es wäre deutlich sinnvoller, in der Union zu bleiben. Das muss zwar nicht heißen, dass das Argument für einen Verbleib ein starkes wäre, es wäre aber sicherlich stärker als für Großbritannien. Man muss immer die Kosten der Regulierungen gegen die Verluste der Handelsbeziehungen abwägen. Aber ich muss es wiederholen. Die Frage über den Verbleib in der EU ist nicht alleine eine ökonomische, sondern auch eine politische, denn zentrale, emotionale Themen wie Migration sind eng mit der EU verbunden.

Ein weiterer großer Unterschied zwischen Österreich und Großbritannien ist die Währung. Österreich ist Teil der Eurozone und hat keine eigenständige Währung und Geldpolitik. Wie verändert das die Überlegung?

Die österreichische Situation ist ja relativ ähnlich zur deutschen. Es gibt Leistungsbilanzüberschüsse, gleichzeitig hatte der durchschnittliche Arbeitnehmer nicht wirklich stark von dem starken Leistungsbilanzergebnis profitiert. Es könnte daher sinnvoll sein, wenn man die Währung aufwertet. Man bekommt eine Umverteilung von Einkommen innerhalb der Wirtschaft, weg von exportierenden Unternehmen hin zu Konsumenten. Damit führt die Währung zu einer Umgestaltung der Wirtschaft. In dieser Hinsicht war der Euro für Europa ziemlich schlecht, denn er hat Deutschland ermöglicht, sich auf Kosten der Nachfrage anderer gut zu entwickeln. Wenn Deutschland oder Österreich nun den Euro verlassen, würde das ihren Währungen Auftrieb verleihen und das würde die Einkommen der Konsumenten stärken und der Konsum würde steigen.

Eine steigende Währung wäre also eine gute Anpassung?

Absolut.

Sie kritisieren immer wieder die Migration von Arbeitskräften innerhalb der EU. Aber krankt die Eurozone nicht gerade an zu wenig Migration, wie etwa der Präsidentenbericht der EU-Institutionen meint? Die US-Volkswirtschaft ist in der großen Finanzkrise ganz anders mit dem Schock umgegangen. Wenn in Nevada eine Immobilienblase platzt und im Bausektor keine Jobs mehr besetzt werden, dann ziehen die Menschen in andere Bundesstaaten. Nach der spanischen Immobilienblase hat man so ein Verhalten in Europa hingegen nicht gesehen.

Leute sorgen sich nicht um die Migration, die durch kurzfristige Konjunkturschwankungen ausgelöst wird, sondern auf große Unterschiede beim Wohlstandsniveau zurückzuführen ist – vor allem zwischen dem ehemaligen Ostblock und Westeuropa.

Roger Bootle

Man könnte sich sicher vorstellen, dass die Arbeitslosenrate in Griechenland und Spanien niedriger wäre, wenn mehr Menschen ausgewandert wären, aber das ist eine seltsame Lösung. Fangen wir beim Grundsätzlichen an. Nevada ist kein Land, oder? Ich habe noch nie einen „Nevadianer“ getroffen, der die nevadische Nationalhymne gesungen hat und der seine Loyalität dem nevadischen König, Staatsoberhaupt oder Höchstgericht empfindet. Wenn Menschen Nevada in großen Zahlen verlassen, ändern sich ihre nichtökonomischen Lebensumstände deutlich weniger. Und das ist Menschen einfach wichtig. Wenn fünf Millionen Italiener Italien verlassen, um in Teilen der EU, denen es wirtschaftlich viel besser geht, Arbeit zu finden, dann hätte es für Italien wohl auch abseits der Ökonomie desaströse Konsequenzen. Wir sollten uns um Italien auch abseits von BIP-Zahlen sorgen. Zweitens: Sie haben von Schocks und Migration gesprochen. Diese Ursache für die Bewegung von Arbeitskräften beobachten wir ja nicht. Leute sorgen sich nicht um die Migration, die durch kurzfristige Konjunkturschwankungen ausgelöst wird, sondern auf große Unterschiede beim Wohlstandsniveau zurückzuführen ist – vor allem zwischen dem ehemaligen Ostblock und Westeuropa. Große Zahlen an Menschen verlassen ihre Heimat, um im Westen Arbeit zu finden. Das ist kein zyklischer Schock.

Sie werden am 23. Juni für „Leave“ stimmen. Sorgen Sie sich nicht ähnlich wie Investor George Soros um die Volatilität an den Finanzmärkten? Soros erwartet ja einen „Schwarzen Freitag“ für das britische Pfund.

Aber es sagt wenig Gutes über das „Remain“-Camp aus, wenn es auf die Unterstützung von Goldman Sachs, JPMorgan und George Soros angewiesen ist.

Roger Bootle

Da muss man sich aber fragen, ob einer der Fonds von Herrn Soros nicht genau darauf wettet. Er ist schließlich ein versierter Spekulant, der dem britischen Finanzministerium knapp zwei Milliarden Pfund abgeknöpft hat im September 1992. Da finde ich es schon ziemlich absurd, wenn er sich in diese Debatte einmischt. Vielleicht sollte er sich auf das besinnen, was er am besten kann. Aber es sagt wenig Gutes über das „Remain“-Camp aus, wenn es auf die Unterstützung von Goldman Sachs, JPMorgan und George Soros angewiesen ist. Da muss die „Leave“-Kampagne nicht wirklich viel unternehmen.

Zurück zur Volatilität. Erwarten Sie einen Crash des Pfunds?

Ich bin mir nicht sicher. Ich gehe schon davon aus, dass das Pfund ein bisschen fallen wird. Aber es wurde schon so viel darüber gesprochen, dass es höchst unwahrscheinlich ist, dass es ein wirklich Schock wäre. Ein schwächeres Pfund wäre aber positiv, denn in meinen Augen gibt es Anzeichen für eine Überbewertung der Währung. An den Finanzmärkten würden wohl einige Aktien fallen, gleichzeitig werden Exportunternehmen profitieren. Die Notenbank könnte sicher die Zinsen senken, wenn eine negative Stimmung länger anhält. Britische Staatsanleihen wären wohl gefragt.

Die Frage für die Währung ist aber auch, was ein Brexit für den europäischen Kontinent bedeuten würde, schließlich könnte ein Austritt Großbritanniens eine politische Krise nach sich ziehen. Und dann ist für mich nicht klar, ob das Pfund oder der Euro schwächer stehen sollten. Klar ist wohl, dass beide gegen den US-Dollar und andere Weltwährungen fallen könnten. In jedem Fall lassen sich die Folgen nicht genau einschätzen. Eine Phase hoher Unsicherheit ist jedenfalls die Folge einer Mehrheit für „Out“. David Cameron müsste wohl zurücktreten, ein neuer Premierminister müsste auch die Handelsbeziehungen mit der EU aushandeln, viele Schlüsselthemen wären plötzlich auf dem Tapet. Wochen und Monate der Unsicherheit wären die Folge.


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