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Treiber an der Börse

Brexit ist der neue Erdölpreis

von Werner Grundlehner / 21.06.2016

Der mögliche Austritt der Briten aus der EU muss seit Wochen für so ziemlich jede Bewegung an den Finanzmärkten herhalten. Dabei ist vieles anders, als es scheint.

Der Grund, warum die US-Notenbank in der vergangenen Woche die Zinsen nicht angehoben hat? – Der Brexit. Der Treiber des Bond-Rallys und der Aktienschwäche? – Der Brexit. Warum kaufen Investoren vermehrt Gold? – Wegen des Brexit. Kaum eine Bewegung an den Finanzmärkten wurde in den vergangenen Wochen nicht mit der anstehenden Volksabstimmung der Briten über den Verbleib in der EU begründet. Damit hat dieser den Erdölpreis als Begründung für alles abgelöst.

Anfang des laufenden Jahres fiel die Notierung für den Energieträger deutlich unter 30 Dollar pro Fass. Die Folgen des extrem tiefen Erdölpreises waren für die Weltwirtschaft sowohl negativ als auch positiv. Doch die Finanzmärkte sahen vor allem die Nachteile. So wurde der tiefe Preis als Grund gesehen, warum viele Schwellenländer in eine Rezession fielen, und als Indikator für das Wegbrechen des Konsumentenvertrauens im Westen.

Ähnlich verhält es sich mit einem möglichen Brexit. Obwohl insbesondere die politischen Implikationen eines Austritts der Briten riesig wären, dürften sie kaum der alleinige Grund für die Verunsicherung an den Finanzmärkten sein. Vielmehr wird den Investoren immer stärker vor Augen geführt, dass die Notenbanken zusehends mit ihrem Latein am Ende sind. Auf die Realwirtschaft hat die extrem expansive Geldpolitik der vergangenen Jahre kaum Wirkung gezeigt: Die Inflation liegt weit unter dem Zielwert, das Wachstum kommt nicht in Fahrt, und die Unternehmensgewinne beginnen zu bröckeln. Die aufkommende Diskussion zum Einsatz von „Helikoptergeld“ hat das Vertrauen erst recht erschüttert.

Doch was ist mit England? Würde es tatsächlich zu einer Trennung von England und der EU kommen, hätten beide Seiten großes Interesse daran, schnelle, pragmatische Lösungen zu finden, um die wichtigen wirtschaftlichen Beziehungen am Leben zu erhalten. Gerade aus Sicht der EU ist England mit seinem enormen Handelsbilanzdefizit viel zu wichtig, um das Land den Amerikanern und Asiaten zu überlassen.

Auch in puncto Finanzplatz hat etwa die Schweiz gezeigt, dass es durchaus auch ein Leben außerhalb der EU geben kann. Zudem beschleicht den unbedarften Beobachter der Verdacht, dass es der politischen Führung in der EU durchaus gefällt, dass der Brexit als Risiko für den Wohlstand der Europäer dargestellt wird. Denn mit einem Austritt wäre der Ausbau der EU zu einem europäischen Zentralstaat keine Option mehr.

Auch wenn man die Ängste um die Folgen des Brexit nicht teilt, sollten Investoren sich für den Tag der Abstimmung positionieren. Falls der Brexit abgelehnt wird, was trotz teilweise anderslautenden Prognosen wahrscheinlich ist – in Fragen mit schwer abschätzbaren langfristigen Folgen entscheidet sich der Stimmbürger meistens für den Status quo –, wird es zu einem gewaltigen Erleichterungs-Rally kommen, insbesondere im Pfund und in Aktien.