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Im Krisenmodus

„Brexit-Sorgen“ belasten das britische Pfund immer noch

von Christof Leisinger / 13.04.2016

Die britische Währung befindet sich wegen unsicheren Verbleibs in der Europäischen Union im Abwärtstrend. Dieser könnte nach der Abstimmung brechen, wenn sich die Zinserwartungen verändern.

Gegner und Befürworter eines Brexit liefern sich im Vorfeld des für den 23. Juni angesetzten Referendums ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Sollten sich die Briten zum Austritt aus der Europäischen Union entscheiden, würde das sowohl die Wirtschaftspolitik der Euro-Zone als auch die Finanzmärkte beeinflussen. Politisch könnte sich die Teilung verstärken, die sich heute am beachtlichen Zulauf rechtspopulistischer Parteien im Norden und linkspopulistischer Ausgabefetischisten im Süden andeutet.

Abwärtsbewegung als Trend

Am Devisenmarkt zeigen sich die Folgen der Verunsicherung über den Ausgang der delikaten Abstimmung schon seit Wochen in Form einer schwachen Währung. Denn das Pfund, das sich in den Jahren 2010 bis 2015 mit beachtlichen Avancen vom enormen Schwächeanfall im Jahr 2008 erholt hatte, tendiert nun schon wieder seit Wochen schwach.

Seit November des vergangenen Jahres hat es bis zu 14 Prozent zu Euro und Franken verloren und gut 10 Prozent zum Dollar. Damals hat die Währung praktisch einen Trend etabliert, der bis heute anhält und der einmal mehr theorielastige Beobachter widerlegt, die gerne argumentieren, die Entwicklung der Wechselkurse sei nicht prognostizierbar. Tatsächlich behaupten Praktiker nicht nur das Gegenteil, sondern manche beweisen es auch, indem sie unter anderem auf Trendfolgemodelle setzen. Die Erfahrung zeige, dass Trends bei der Kursentwicklung am Devisenmarkt eine wesentliche Rolle spielten, erklären praxisorientierte Fachleute. Sie hielten meist länger als gemeinhin erwartet. Solche Aussagen gelten allerdings nicht für die Ewigkeit. Während die Aussichten des Pfunds langfristig aufgrund des enormen Leistungsbilanzdefizits des Landes ziemlich bedenklich sein mögen, weil es von einem internationalen Nettogläubiger zu einem Nettoschuldner geworden ist, können kurzfristig ganz andere Faktoren eine Rolle spielen.

So gilt die britische Währung derzeit als „überverkauft“. Sollten Investoren, die sich in den vergangenen Monaten auf eine anhaltende Schwäche der britischen Währung eingestellt hatten, zu einer anderen Meinung kommen, könnte sie unter Umständen in kurzer Zeit deutlich zulegen. Denn die Anleger müssten ihre in der Vergangenheit eingegangenen Positionen „glattstellen“ – und die damit verbundenen Käufe könnten den Trend der letzten sechs Monate brechen.

Wie entwickeln sich die Zinsen?

Analytische Beobachter werden schnell fündig bei der Frage, was ein derartiges Umdenken auslösen könnte. Denn sie blicken auf die Zeit nach dem Brexit-Referendum und gehen davon aus, dass sich die Anleger unmittelbar danach auf die Beurteilung der wirtschaftlichen Entwicklung Großbritanniens konzentrieren werden. Sollten sie zum Schluss kommen, dass die Bank of England die Zinsen zu lange zu tief gehalten habe, könnten Wetten auf Zinserhöhungen kurzzeitig das Pfund beflügeln.