Stefan Wermuth / Reuters

Hinkley Point

Britisches Comeback der Atomkraft

von Gerald Hosp / 15.09.2016

Das Projekt des britischen Atomkraftwerks Hinkley Point ist wegen der Kosten, der Technologie und der Teilnahme chinesischer Konzerne umstritten. London genehmigte den Bau mit Bedingungen.

Der Renaissance der Atomkraft in Grossbritannien steht von Regierungsseite nichts mehr im Weg. London erteilte nach jahrelangem Hickhack am Donnerstag die Genehmigung für den Bau des Kernkraftwerks Hinkley Point C im Südwesten Englands. Mit einer Entscheidung zu Europas grösstem Energieprojekt war bereits im Juli gerechnet worden. Die erst seit kurzem amtierende Premierministerin Theresa May hatte aber überraschend eine weitere Revision der Kosten, der verwendeten Technologie und der Rolle chinesischer Staatsunternehmen im Projekt angeordnet.

Rundum Zufriedenheit

Bauherr und Hauptfinancier von Hinkley Point C ist der Energiekonzern EDF, der zu 85 Prozent in den Händen des französischen Staates ist. EDF soll dabei zwei Drittel der Projektkosten tragen, die derzeit mit 18 Milliarden Pfund (gut 23,1 Milliarden Franken) ohne Finanzierungskosten angegeben werden. Das restliche Drittel übernimmt der chinesische Staatskonzern CGN. Die zwei Reaktoren des neuen Atomkraftwerks sollen dereinst rund sieben Prozent des britischen Strombedarfs decken.

London setzte aber für den Startschuss zum ersten Bau eines Kernkraftwerks seit 20 Jahren die Bedingung voraus, dass EDF seinen Mehrheitsanteil nicht ohne Zustimmung der Regierung vor und nach der Fertigstellung des Projekts verkaufen darf. Zudem wird London neue Regeln einführen, wie mit ausländischen Investitionen in wichtigen Infrastrukturprojekte umzugehen ist.

Der Regierung schwebt eine sogenannte „Goldene Aktie“ für den britischen Staat vor, die den Einfluss sichern soll, wenn es zu grösseren Änderungen bei den Eigentümerverhältnissen kommt. Ausländische Investoren sollen verstärkt daraufhin geprüft werden, welche Auswirkungen diese auf die nationale Sicherheit haben könnten.

Die neuen Vorschriften sollen bereits für die weiteren Vorhaben von EDF und des chinesischen Investors gelten: Diese wollen bei den geplanten Atomkraftwerken Sizewell C in Suffolk und Bradwell B in Essex zusammenspannen. Im letzteren Fall soll der chinesische Partner die Mehrheit erhalten und das Kernkraftwerk mit eigener Technologie aufbauen und betreiben. Auch wenn Peking nicht direkt genannt wird, spiegelt das neue Regelwerk die Sicherheitsbedenken, die das Engagement eines chinesischen Staatskonzerns in Grossbritannien hervorgerufen hat.

Mit der Entscheidung, an Hinkley Point festzuhalten, dürfte London die Beziehungen zu Frankreich und besonders zu China verbessern. Peking hatte sich verärgert über die Verzögerung im Juli gezeigt. Eine Absage an das Projekt hätte möglicherweise die Absicht Londons unterminiert, nach der Entscheidung, die EU zu verlassen, verstärkt mit der ganzen Welt Handel treiben zu wollen. Für die chinesischen Unternehmen ist vor allem der Bau von Bradwell ein weltweites Vorzeigeprojekt, das die Zuverlässigkeit chinesischer Reaktoren demonstrieren soll. Aus Peking kam bereits das Signal, die neuen Bestimmungen zu akzeptieren. Jean-Bernard Lévy, Chef des angeschlagenen französischen Energiekonzerns EDF, pries die Entscheidung gar als Wiederbelebung der Atomkraft in Europa.

Grosszügige Energiepreise

Die neuen Bedingungen rütteln jedoch nicht am Vertrag zur Finanzierung des Projekts, der ebenfalls stark in der Kritik steht. Den Konzernen wird von London ein während 35 Jahren jährlich mit der Inflation steigender Absatzpreis von anfänglich 92.50 Pfund pro Megawattstunde garantiert, was rund das Doppelte des heutigen Marktpreises ist. Zusätzliche Kosten tragen vor allem die Endkonsumenten. Bis 2050 will Grossbritannien seinen CO2-Ausstoss um 80 Prozent reduzieren, ausgehend vom Niveau von 1990, und plant deshalb die Abschaltung von Kohle- und älteren Kernkraftwerken. Hinkley Point ist ein Teil der Strategie zur Sicherung der Energieversorgung. Die Preise für erneuerbare Energien sind aber stark am Fallen, was die Kosten von Hinkley Point noch deutlicher hervorstechen lässt.