Suzanne Plunkett / Reuters

Kernkraftprojekt in Hinkley Point

Britisches Comeback der Atomkraft verschoben

von Gerald Hosp / 29.07.2016

Der französische Stromkonzern EdF hat nach langem Zögern dem Bau des neuen britischen Atomkraftwerks Hinkley Point zugestimmt. Die Regierung in London will aber das teure Vorhaben nochmals prüfen.

Die unendliche Geschichte um das britische Atomkraftprojekt Hinkley Point C im Südwesten Englands wird noch unendlicher – wenn dies möglich ist. Die britische Regierung unter der neuen konservativen Premierministerin Theresa May erklärte am Donnerstagabend, die Entscheidung zum Bau des ersten Atomkraftwerkes im Vereinigten Königreich seit 20 Jahren auf den Frühherbst zu verschieben. Die überraschende Ankündigung erfolgte, nachdem der Verwaltungsrat des französischen Energiekonzerns EdF zuvor knapp dem Projekt zugestimmt hatte. Der zu 85% vom französischen Staat kontrollierte EdF-Konzern ist Bauherr und Hauptfinancier von Hinkley Point C, das mit einem Preisschild von 18 Mrd. £ ohne Finanzierungskosten versehen ist. Ursprünglich war geplant gewesen, die Hauptverträge schon am Freitag zu unterzeichnen. Dies ist nun ins Wasser gefallen.

Umstrittenes Hinkley Point

Die britische Regierung, damals noch unter Premierminister Tony Blair, hatte im Jahr 2006 den Startschuss für den Bau eines neuen Kernkraftwerkes gegeben. Ursprünglich war einmal geplant, dass Hinkley Point im Jahr 2017 in Betrieb gehen sollte. Dieser Termin wurde bereits auf das Jahr 2025 verschoben. Die zwei Reaktoren des Werks sollen dereinst rund 7% des Strombedarfs decken. Wirtschaftsminister Ken Clark sagte am Donnerstag, die Kernkraft solle ein Teil des Energiemix sein. Grossbritannien benötige sichere und zuverlässige Energiequellen. Offenbar gibt es innerhalb der Regierung aber wieder Vorbehalte.

In London kam unter anderem die Vermutung auf, die Verzögerung sei ein taktisches Manöver von May vor den Brexit-Verhandlungen. Eine Neubeurteilung des Projekts könnte jedoch auch mit der Beteiligung des chinesischen Staatskonzerns CGN im Zusammenhang stehen, der einen Anteil von 33,5% am Hinkley-Point-Konsortium hält. CGN und EdF wollen zudem bei den weiteren Projekten Sizewell C in Suffolk und Bradwell in Essex zusammenspannen. Im letzteren Fall soll CGN die Mehrheit erhalten und das Kernkraftwerk aufbauen und betreiben. May hatte als damalige Innenministerin Sicherheitsbedenken gegen das chinesische Engagement geäussert.

Stromkonzern EdF schwankt

Das Projekt ist aber schon lange wegen der hohen Kosten umstritten. Der Staat greift dem Konsortium kräftig unter die Arme. Den Konzernen wird ein während 35 Jahren jährlich mit der Inflation steigender Absatzpreis von anfänglich £ 92.50 pro Megawattstunde garantiert, was rund das Doppelte des heutigen Marktpreises ist. Zusätzliche Kosten tragen vor allem die Endkonsumenten. Grossbritannien, das bis zum Jahr 2050 den CO2-Ausstoss um 80% vom Niveau im Jahr 1990 reduzieren will, plant das Abschalten von Kohle- und älteren Kernkraftwerken. Hinkley Point ist ein Teil der Strategie zur Sicherung der Energieversorgung. Die Preise für erneuerbare Energien sind aber stark am Fallen, was die Kosten von Hinkley Point noch deutlicher hervorstechen lässt.

Das Projekt steht auch in der Kritik, weil der Reaktortyp EPR nicht erprobt ist. In Frankreich, Finnland und China werden solche gerade gebaut, die Projekte werden aber von Kostenüberschreitungen und Verzögerungen belastet. Auch bei EdF bestehen Zweifel: Der Verwaltungsrat hatte mit gerade einmal zehn zu sieben Stimmen für Hinkley Point votiert. Ein Mitglied des Gremiums war vor der Sitzung zurückgetreten, weil es die Entscheidung nicht mittragen wollte. Im März war bereits der Finanzchef des hochverschuldeten französischen Konzerns wegen Bedenken zur Finanzkraft zurückgetreten.