Reuters

Lagebericht

Brüchige Finanzarchitektur

von Jürg Müller / 06.03.2016

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich hat den Zustand des Finanzsystems untersucht. Die Diagnose deutet auf ein turbulentes Jahr hin.

Es sind Berichte, die man seit Jahren mit einem Schaudern in die Hand nimmt. Die Rede ist von den periodisch erscheinenden Lagebeurteilungen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ). Untermauert mit Statistiken aus der Welt der Zentralbanken werden Ereignisse wie Börsenturbulenzen in einen größeren Kontext eingeordnet. Dabei wird oft ein düsteres Bild gezeichnet. Der jüngste Quartalsbericht ist keine Ausnahme. Die BIZ-Ökonomen lehren einem erneut das Fürchten.

Die Sturmglocken läuten

Noch nicht vergessen ist der Einbruch der Börsen vom Anfang des Jahres, der seinen Ursprung in China hatte. Im Februar folgten weitere Turbulenzen. Damals gerieten zunehmend Bankaktien in den Fokus. Anleger sorgten sich wegen eingetrübter Aussichten um die Solidität der Geldhäuser. Claudio Borio sieht diese Marktentwicklungen als Teil eines großen Ganzen. Der Leiter der Währungs- und Wirtschaftsabteilung der BIZ findet demnach nicht, dass die Kursstürze isolierte Blitzschläge aus heiterem Himmel seien. Vielmehr würden sie Vorboten eines aufziehenden Sturms darstellen. Der BIZ kann man derweil nicht vorwerfen, sie hätten nicht frühzeitig die Sturmglocken geläutet.

Im vergangenen Jahresbericht warnten die Ökonomen eindringlich vor der weltweit steigenden Schuldenlast. Die jüngsten Zahlen weisen nun auf eine Trendwende hin: Verschiedene Indikatoren deuten eine Verlangsamung der Verschuldung an. Bei den internationalen Bankforderungen wurde im dritten Quartal 2015 ein Rückgang verzeichnet. Das Volumen an ausstehenden internationalen Schuldtiteln wächst zwar weiterhin, aber etwas langsamer. Die BIZ-Ökonomen interpretieren die Zeichen dahingehend, dass sich die internationalen Finanzierungsbedingungen gegenwärtig verschärfen. Die derzeit steigenden Risikoaufschläge für Anleihen in den USA passt hierzu ins Bild. Bei den hochverzinslichen Papieren hat in der zweiten Jahreshälfte dann auch ein Rückgang bei den Emissionen stattgefunden. Noch ist unklar, ob dies der gegenwärtigen Schwäche der US-Ölindustrie geschuldet ist, oder als Zeichen tiefer liegender Schwächen interpretiert werden sollte.

Ein verhängnisvolles Trio

Neben der Problematik weiterhin extrem hoher Schuldenstände hebt Borio zwei weitere fundamentale Entwicklungen hervor, die an der Stabilität des Finanzsystems nagen. Es sind dies der Rückgang des Produktivitätswachstums und die Verengung von politischen Handlungsspielräumen. Laut dem Chef-Ökonom der BIZ komme so ein verhängnisvolles Trio zusammen. Die drei Elemente beeinflussen und verstärken sich dabei gegenseitig.

So kann ein Kreditboom die Produktivität unterhöhlen, wie eine kürzlich erschienene Forschungsarbeit der BIZ zeigt. Der Grund dafür ist die Fehlallokation von Humankapital. So würden in Zeiten lockerer Kreditvergabe Arbeitskräfte in unproduktive Bereiche wechseln, die hohe Löhne zahlten; ein Beispiel ist der Bausektor zu Zeiten von überhitzten Immobilienmärkten.

Noch offensichtlicher ist der Zusammenhang zwischen Verschuldung und extrem tiefem Zinsniveau: Je tiefer die Kosten für Kredite sind, desto attraktiver ist es, sich zu verschulden. Das Zinsniveau ist dabei gleichzeitig Ausdruck sich verengender Handlungsoptionen. Die Zentralbanken scheinen mit ihren Maßnahmen am Ende der Fahnenstange angelangt zu sein. Borio appelliert deshalb eindringlich an die politischen Entscheidungsträger, nicht auf eine uneingeschränkte Wirkungskraft der Geldpolitik zu vertrauen.

Grenzen des Undenkbaren

Die Europäische Zentralbank hat Ende 2015 die Strafzinsen für Einlagen der Banken noch einmal gesenkt. Anfang dieses Jahres hat dann die Bank of Japan nachgezogen und negative Zinsen eingeführt. In der Folge rentierten plötzlich Staatsanleihen mit einem Volumen von insgesamt über 6 Bio. $ negativ (siehe Grafik). Je nach Messung des Bruttoweltprodukts entspricht dies ungefähr einem Zehntel der in einem Jahr auf unserem Planeten hergestellten Güter und Dienstleistungen. Sichtlich schockiert über diese Entwicklungen spricht Borio dann auch von den Grenzen des Undenkbaren. Die Negativzinsen beschäftigen die Ökonomen bei der BIZ schon seit langem. Im gegenwärtigen Quartalsbericht widmen sie dem Thema nun zusätzlich ein ganzes Spezialkapitel.

Ein Aspekt, der bei den Negativzinsen besonders Bauchschmerzen bereitet, ist die Rentabilität des Bankenwesens. Denn je länger die Zinsen tief sind, desto mehr Probleme ergeben sich für die Finanzinstitute. Es wird für sie zunehmend schwieriger, an einer etwaigen Zinsdifferenz etwas zu verdienen. Damit schließt sich wieder der Kreis zu den jüngsten Börsenturbulenzen, die in ihrer zweiten Welle besonders die Banken getroffen haben. Nach dem Zinsentscheid der japanischen Zentralbank stellten sich die Investoren auf noch länger anhaltende Negativzinsen ein, was entsprechend die Widerstandskraft der Banken beeinträchtigen dürfte. Auch wenn die BIZ-Ökonomen mit ihren Prognosen wieder einmal düstere Töne anschlagen, mit einem haben sie sicher recht: Blitzschläge aus heiterem Himmel waren die Kursstürze Anfang des Jahres nicht.