Illustration Christoph Fischer

Porträt: François Villeroy de Galhau

Brücken bauen zwischen Deutschland und Frankreich

von Gerhard Bläske / 26.09.2016
Frankreichs Zentralbankchef François Villeroy de Galhau will Mittler zwischen Paris und Berlin sein – er stösst dabei aber an Grenzen.

Denkt er an Europa in der Nacht, ist er (manchmal) um den Schlaf gebracht. Doch trotz dem zunehmenden Nationalismus und tiefen Divergenzen hat François Villeroy de Galhau die Hoffnung nicht aufgegeben, dass die EU wieder ein gemeinsames Projekt entwickelt, welches die Herzen der Bürger anspricht. „Die Hoffnung eines Europäers“, so hat der Gouverneur der französischen Zentralbank, der Banque de France, Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank (EZB), ein Buch betitelt, in dem er Vorschläge dazu macht. Seinen Optimismus schöpft der gebürtige Strassburger aus der Geschichte seiner Familie. Diese lebt grösstenteils seit zwei Jahrhunderten im deutschen Saarland, ist aber stets französisch geblieben. Villeroy bezeichnet sich als Franzosen, der Deutschland liebt – das Saarland als seine Heimat. Ein Schloss in dem kleinen Ort Wallerfangen ist der Stammsitz der Familie, die Miteigentümerin des Keramikunternehmens Villeroy & Boch ist. Mindestens einmal im Monat ist er in Wallerfangen, und er verbringt dort seine Sommerferien. Bis zu seiner Ernennung zum Gouverneur sass er auch im Aufsichtsrat der Firma.

Symbol des Niedergangs

Die Grenze, die im Lauf der Geschichte immer wieder trennte, ist heute durchlässig. Doch eine Fahrt vom lothringischen Forbach ins zehn Kilometer entfernt liegende Saarbrücken sei eine Reise von einem Symbol des wirtschaftlichen Niedergangs in eine Stadt, die die Krise nicht kenne, sagt er. Während es dem nicht gerade reichen Saarland ganz gut geht, liegt Lothringen seit dem Ende des Kohlebergbaus und der Stahlindustrie ökonomisch darnieder.

Villeroy ist einer der wenigen Entscheidungsträger, die beide Seiten aus eigener Anschauung kennen. Aus seiner Tätigkeit im Aufsichtsrat ist ihm die deutsche Mitbestimmung, die er schätzt, gut bekannt. Er weiss um die Stärke des deutschen Mittelstands, des dualen Ausbildungssystems und bewundert die deutschen Erfolge. Eine Karriere bei dem Porzellanhersteller hat der 57-Jährige nie angestrebt. Fast sein ganzes berufliches Leben hat er in Paris verbracht.

Villeroy sieht sich als Brücke zwischen den Nachbarländern und will vermitteln. Dabei stösst er an Grenzen. Wenn er, wie kürzlich in perfektem Deutsch, vor der Frankfurter Finanzwelt und bei einer Bankenkonferenz, leidenschaftlich die Niedrigzinspolitik der EZB zur Bekämpfung von Deflation und Stagnation verteidigt, erntet er massiven Widerspruch. Die Ängste der Deutschen hält er für exzessiv und irrational. Umso glücklicher war er nun, als er kürzlich für seine Verdienste um die bayrisch-französische Freundschaft den Montgelas-Preis erhielt: Völlig unerwartet kam da Unterstützung ausgerechnet von dem ehemaligen bayrischen Finanzminister Erwin Huber, einem CSU-Mann. Der wies darauf hin, dass die deutsche Wirtschaft von niedrigen Zinsen und schwachem Euro besonders profitiere.

Der Zentralbankchef ist ein typisches Produkt des französischen Elitesystems. Er besuchte die Kaderschmieden Ecole Polytechnique und ENA und stand 20 Jahre im Dienste der französischen Administration. Er war europapolitischer Berater des früheren Premierministers Pierre Bérégovoy sowie Kabinettsdirektor des Wirtschafts- und Finanzministers Dominique Strauss-Kahn. Drei Jahre leitete er die oberste Steuerbehörde des Landes.

Zwölf Jahre bekleidete Villeroy Spitzenpositionen bei der Privatbank BNP Paribas. Premierminister Manuel Valls ernannte ihn 2015 zum Gouverneur der Banque de France. Seither residiert er in einem der schönsten Adelspaläste von Paris. Persönlich wirkt Villeroy bescheiden und macht sich selbst lustig über Goldschmuck und Lüster in den französischen Amtsstuben. Durchaus selbstkritisch räumt er ein, dass er zu der Führungselite gehört, die die Krisen seit 2008 weder verhindert noch gelöst hat.

Villeroy interessiert sich vor allem für mittelständische Unternehmer, deren Ideenreichtum und Dynamik er bewundert. Als überzeugter Europäer, der Frankreich, Deutschland, Italien und Brüssel, wo er einige Jahre tätig war, aus persönlichen und beruflichen Gründen gut kennt, leidet er an dem Auseinanderdriften des alten Kontinents. Politisch steht er der Linken nahe, vertritt aber keine dogmatischen Positionen.

Der Vater von fünf Kindern, der eine Jesuitenschule besucht hat, bezeichnet sich als „praktizierender Katholik“. Auf seinem Schreibtisch steht eine Foto eines Gemäldes aus dem 15. Jahrhundert, das seiner Familie gehört: Darauf zu sehen ist Gott, der den Heiligen Geist in Form einer Friedenstaube zur Erde schickt. Vor schwierigen Entscheidungen betrachte er sie bisweilen, sagt er. Solche Bekenntnisse sind mutig in einem Land, das sich streng laizistisch aufgestellt hat.

Zu viele ineffiziente Ausgaben

Um Europa wieder auf die Schiene zu bringen, müssten alle Seiten Kompromisse eingehen. Seinem Heimatland wirft er vor, zu wenige Reformen durchzuführen, zu hohe Abgaben und Steuern zu erheben und viel zu viel Geld ineffizient auszugeben. Vor allem müsse Paris dazu bereit sein, nationale Souveränität aufzugeben, findet Villeroy. Die Basis für ein Zusammenwachsen Europas sieht er in einer deutsch-französischen Verständigung. Es brauche gemeinsame Projekte und eine Wirtschaftsunion. Vor allem aber fordert er ein europäisches Investitionsprogramm, um die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Europa zu bekämpfen. Berlin dürfte nicht begeistert sein.

Zumindest in seiner Familie lebt Villeroy Europa. Er hat grossen Wert darauf gelegt, dass seine fünf Kinder die Sprache des Nachbarlandes lernen.