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Brexit

Buhlen um britische Startups: Berliner Brexit-Träume

von Christoph Eisenring / 26.07.2016

Berlin gefällt sich als Startup-Kapitale auf dem Kontinent. Politiker und Wirtschaftsförderer pilgern nach London, um Firmen zu ködern. An der Wirtschaftsfreundlichkeit muss Berlin aber noch arbeiten.

Hunderte Briefe hat die Berliner Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer nach dem Brexit-Referendum an britische Konzerne, Startups und Gründer geschickt. Letzte Woche reiste sie mit einer kleinen Delegation sogar an die Themse, um an der dortigen Fintech Week die Werbetrommel für ihre Stadt zu rühren. Über 100 Startups hätten sich bei ihrem Büro seit der Abstimmung über einen Umzug erkundigt, berichtet die britische Presse. Ganz ernst scheinen die Briten Berlin als Konkurrentin aber nicht zu nehmen. Als die deutsche FDP kurz nach dem Referendum einen Lieferwagen mit dem Werbebanner „Liebe Startups, bleibt ruhig und zieht nach Berlin“ durch Londons Strassen schickte, habe dies mehr Amüsement als Schrecken ausgelöst, liest man im „Guardian“. Berlin hat aber Fortschritte gemacht. Laut der Unternehmensberatung EY flossen 2015 rund 2,2 Mrd. € an Wagniskapital an Berliner Startups. Dies war mehr, als London anlocken konnte – andere Statistiken sehen indes weiter die britische Hauptstadt vorne. In einer globalen Rangliste der Startup-Standorte hat Berlin innert drei Jahren einen Sprung gemacht und liegt nun auf Platz 9 – London auf Position 6. Angeführt wird die Liste vom Silicon Valley.

Als Startup-Standort aufgeholt

Als Pluspunkt werden von Yzer etwa die erschwinglichen Mieten angeführt. Man könne in Berlin für einen Fünftel der Londoner Preise Büroflächen mieten, sagte sie. Ein Software-Ingenieur verdient in Berlin mit 60 000 $ halb so viel wie sein Kollege im Silicon Valley. Neben Berlin werben in der EU aber auch Paris, Amsterdam, Luxemburg, Dublin oder Frankfurt um britische Firmen. Hat Frankfurt gegenüber Berlin nicht einen natürlichen Vorteil, wenn es darum geht, Fintechs, also Startups aus dem Finanzsektor, anzuziehen? Alexander Kritikos vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) argumentiert, für Gründer sei besonders der Austausch mit ihresgleichen wichtig. Hier biete Berlin gegenüber Frankfurt das spannendere Umfeld.

In Berlin wurden von 2000 bis 2014 etwa 6000 Firmen der Internetwirtschaft gegründet. Hamburg mit 3900 und München mit 3600 folgen in Deutschland mit deutlichem Abstand. Denkt man an Berliner Startups, stehen Namen wie der des Versandhändlers Zalando oder der Lieferplattform Delivery Hero im Vordergrund. Kritikos verweist aber auch auf das Wissenschafts- und Forschungszentrum Adlershof im Südosten der Stadt. Dort wird seit 25 Jahren staatlich finanzierte Grundlagenforschung betrieben. Daraus sind 500 Hightech-Startups entstanden, die über 6000 Beschäftigte zählen.

Berlin sei zwar Hauptstadt für Gründungen, nicht aber der schnell wachsenden Firmen, schreibt Kritikos in einer neuen Publikation. Als „Gazellen“ gelten Unternehmen, die innert drei Jahren ihren Personalbestand von 10 auf über 50 erhöhen. Nur 4% dieser Firmen, die in den letzten 20 Jahren in Deutschland gegründet wurden, seien in Berlin ansässig. Dies sei wenig, da die Metropole an allen Betriebsgründungen einen Anteil von 7,5%, bzw. 6,5% bei innovativen Firmen, habe. Laut jüngsten Meldungen will die deutsche Regierung für wachstumsstarke Jungfirmen einen Kreditfonds über 10 Mrd. € auflegen.

Zu wenige „Gazellen“

Weshalb gibt es in Berlin relativ wenige „Gazellen“? In der Kapitale ist die Produktivität niedriger als im Rest des Landes – in Europa sei dies sonst umgekehrt, heisst es in der DIW-Studie. Es gibt kaum Firmenzentralen oder grosse Forschungsabteilungen. Der Arbeitsmarkt für hochqualifizierte Mitarbeiter ist deshalb eng. Startups sind aber darauf angewiesen, dass sie rasch Spezialisten aus anderen Weltgegenden holen können. Laut Startup-Compass dauert es in Berlin im Schnitt 81 Tage, bis jemand das Prozedere durchlaufen hat. Für das Silicon Valley werden 21 Tage, für London 61 angegeben.

Eva Nöll, Personalchefin von Mister Spex, einem Online-Optiker mit 400 Mitarbeitern, bemängelt, dass die „Willkommenspakete“ der Stadt für die diversen Aufenthaltstitel nur in Deutsch und nicht in Englisch abgefasst sind. Ebenfalls vermisst sie eine zentrale Anlaufstelle, um Aufenthaltsfragen zu klären. Eine Odyssee habe zudem vor sich, wer Leute aus Drittstaaten anstellen wolle, die weniger als 49 600 € verdienen. In diesem Fall muss man sich bescheinigen lassen, dass es keinen arbeitslosen Deutschen oder EU-Bürger gibt, der die Arbeit machen will. Liegt der Lohn über 49 600 €, kann die Person eine „Blue Card“ beantragen (analog der amerikanischen „Green Card“).

Generell macht die Berliner Verwaltung nicht unbedingt Werbung für ihre Stadt. Laut dem Online-Portal gibt es frühestens Mitte September freie Termine, um eine Wohnung anzumelden. Und im Bildungsmonitor des Instituts der deutschen Wirtschaft ist Berlin unter 16 Bundesländern auf dem letzten Platz – das Schulsystem liegt hinter denjenigen anderer Bundesländer zurück. Jüngst hat die Stadt das Vermieten von Ferienwohnungen verboten – nicht gerade ein Zeichen von Wirtschaftsfreundlichkeit. Es ist denn auch nicht zu erwarten, dass britische Fintechs in Scharen an die Spree ziehen. Berlin ist vielleicht besser, als man es in London wahrnimmt, aber noch nicht so gut, wie die hiesige Politik glauben macht.