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Vermögensstudie

Chancenlos in den Verteilungskampf?

von Leopold Stefan / 13.04.2016

Die Vermögen sind in Österreich und Deutschland heute ungleicher verteilt als im restlichen Euroraum. Anscheinend ist der Traum von der sozialen Marktwirtschaft geplatzt. Schuld ist die Chancenungleichheit, die den Aufstieg aus der Armut verhindert. Diesen Befund liefert der deutsche Ökonom Marcel Fratzscher in seinem jüngsten Buch, das er diese Woche auch in Wien vorgestellt hat. Seine Diagnose überzeugt weniger als die Lösungsansätze.

Trotz des klassenkämpferischen Titels seines Werks, „Verteilungskampf“, will der Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung DIW eigentlich keine Neiddebatte über die Aufteilung des Kuchens führen. Stattdessen sieht er in der aufgehenden Schere zwischen Arm und Reich ein Wachstumshemmnis, das den gesamten Kuchen am Aufgehen hindere.

Außerdem bedeute relative Armut weniger Möglichkeiten, am sozialen Leben teilzuhaben, und sogar eine geringere Lebenserwartung. Unabhängig davon, wie viel die obersten ein, zehn oder 20 Prozent besitzen, müssten die ärmsten 40 Prozent die Chance haben, eigenen Wohlstand zu schaffen, statt von staatlichen Transferleistungen abhängig zu bleiben, forderte Fratzscher bei einer Präsentation in der Agenda Austria.

Dieser Befund könnte ebensogut von einem erzliberalen Ökonomen stammen. Warum Fratzscher in seiner Heimat auch als Anti(Hans Werner)-Sinn gilt, erklärt sich durch den Fokus auf Ungleichheit bei Vermögen, Markteinkommen und Aufstiegschancen. Wer das Problemfeld so eng absteckt, sieht mehr aktiven Handlungsbedarf beim Staat.

Mediterrane Häuslbauer

Verglichen mit den restlichen Ländern der Eurozone sind die Vermögen in Österreich und Deutschland mit einem Gini-KoeffizientEin Gini von 0 bedeutet, dass alle Einwohner gleich viel Vermögen haben, ein Wert von 1, dass sich alles Vermögen auf eine Person konzentriert. von 0,76 am ungerechtesten verteilt. Die oberen 20 Prozent besitzen über 80 Prozent des gesamten Vermögens, während die unteren 40 Prozent weniger als ein Prozent haben. Beim durchschnittlichen Nettovermögen ist Deutschland mit rund 50.000 Euro pro Haushalt sogar Schlusslicht; Österreich liegt mit rund 75.000 auch deutlich unter dem Schnitt von etwa 110.00 Euro in der Währungszone. Folglich besitzen die Bewohner der notorischen Krisenländer im Süden mehr als die vermeintlich sparsamen Deutschen: die Spanier und Italiener sind mit jeweils über 170.000 Euro Vermögen sogar deutlich reicher als der Durchschnitt.

Wie kann das sein? Eines vorweg: Es hat nichts mit den Rettungsgeldern zu tun.

Im Gegensatz zu Einkommen sind Vermögen nicht so einfach zu erfassen, zumal Spareinlagen, Aktiendepots, Immobilienbesitz, Lebensversicherungen, die Briefmarkensammlung oder andere Wertgegenstände zusammengefasst werden müssen. Eine über mehrere Jahre angelegte Befragung der EZB liefert die bisher besten Vergleichswerte für die Vermögenslage in Europa, auf die auch Fratzscher verweist.

Ein wichtiger Teil der Vermögen steckt in Immobilien. Dabei stechen Deutschland und Österreich wiederum als die beiden Schlusslichter heraus, in denen als einzige Länder in der EU weniger als 60 Prozent ihr Heim besitzen. In Spanien, Italien und Griechenland hingegen leben rund drei Viertel der Haushalte in einem Eigenheim, deren Bewertung blasenbedingt die Vermögen aufgebessert hat – vor allem in Spanien, wo die Erhebung der EZB vor dem stärksten Einbruch des Wohnungsmarktes stattgefunden hat.

In Ländern mit einem weniger stark ausgebauten Sozialsystem ist ein Eigenheim oft eine weitere Pensionssäule. Die öffentlichen Rentenansprüche bleiben in der Vermögensbewertung jedoch unberücksichtigt. Die unterschiedliche Erfassung erklärt zwar einen Teil der Ungleichheit, zeigt aber auch, dass in Deutschland und Österreich der Staat die Vermögensverteilung stärker lenkt. Wer mehr Abgaben zahlt, kann weniger leicht auf ein Eigenheim sparen und muss darauf hoffen, dass die Pension für die Miete ausreicht.

Bildung statt Zuckerl

Auch Fratzscher sieht keine Lösung in weiterer Umverteilung durch den Sozialstaat. Im Gegenteil, die öffentliche Hand solle statt Konsumausgaben – wie durch Rentenzuckerl – eher in Infrastruktur, Forschung und Entwicklung investieren.

Die Steuerlast würde der Ökonom und Berater des SPD-Vizekanzlers Sigmar Gabriel nicht erhöhen, dafür aber von Einkommen auf Vermögen umschichten – etwa durch Immobiliensteuern und eine Erbschaftssteuer, die aber Unternehmenssubstanz schont. Denn bei Unternehmensvermögen sind Deutschland und viel mehr noch Österreich wiederum Spitzenreiter in der EU. Laut OECD steckt beinahe ein Viertel des österreichischen Haushaltsvermögens in Familienbetrieben – in Spanien, Italien und Griechenland sind es weniger als zehn Prozent.

Die Entlastung von Arbeitseinkommen sieht Fratzscher lediglich als Korrektur eines Ungleichgewichts. Die wahre Ursache hinter der Vermögensungleichheit sei nicht ein überbordender Staatsapparat, sondern mangelnde Aufstiegschancen. Gefragt seien daher Investitionen in die Frühbildung, und zwar gezielt für benachteiligte soziale Gruppen.

In Deutschland übernehmen private Haushalte bereits 20 Prozent der gesamten Bildungsausgaben – 1970 waren es noch null Prozent. Mit Nachhilfe, Kursen und Lerncamps investieren jene, die es sich leisten können, in ihren Nachwuchs. Kinder aus bildungsfernen Schichten erhalten jedoch zu Hause kaum adäquate Förderung. Jeder Euro für ein Kleinkind würde sich dreimal so stark rentieren wie für einen Jugendlichen im Studienalter, rechnet Fratzscher vor.

Educatio non est omnium

Auch in Österreich zeigt sich, wie stark die Mängel des Bilddungssystems für ökonomische Ungleichheit mitverantwortlich sind. Langfristig sind gute Qualifikationen die beste Garantie, um nicht von Sozialtransfers abhängig zu werden und trotz eines sozialen Sicherheitsnetzes in die statistische ArmutDie Armutsgrenze bemisst sich bei 60 Prozent des Medianeinkommens. zu fallen.

Für den Aufbau eigener Vermögenswerte ist eine gute Ausbildung zwar für viele eine Voraussetzung, aber keine ausreichende Bedingung. Wie eine Studie der Agenda Austria jüngst gezeigt hat (Video), bedeutet die für Österreich – und auch für Deutschland – eigentümliche fünfstufige Einteilung der Ausbildung, dass internationale Vergleiche die hiesige soziale Mobilität unterschätzen (auch Fratzscher bezieht sich auf eine diesbezüglich verzerrte Studie der OECD).

Fratzscher überzeichnet das Problem der Ungleichheit, indem er daraus ein deutsch-österreischisches Spezifikum macht. Die Lösungen des Ökonomen sind zwar überzeugender als die Diagnose, aber nur wer nicht den Löwenanteil seines Einkommens durch Steuern und Abgaben wieder verliert, kann etwas ansparen und irgendwann von Zinsen oder Wertsteigerungen profitieren. Bei einer Staatsquote von 50 Prozent ist eine reine Steuerumschichtung zu wenig. Seine Zukunft mit eigenen Mitteln zu gestalten ist wahre Chancengleichheit.